ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2008Arztgeschichte: Ein ungewöhnlicher Notfalleinsatz

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Ein ungewöhnlicher Notfalleinsatz

Dtsch Arztebl 2008; 105(33): [140]

Backheuer, Ulf

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Zeichnung:Elke Steiner
Zeichnung:Elke Steiner
„So, Herr Doktor, jetzt reicht’s, alles in Ordnung, mir geht’s gut!“

Es liegt schon einige Jahre zurück: Die Besatzung unseres Notarztwagens (NAW) bekam gegen Mitternacht eine Alarmmeldung mit dem internen Stichwort „Y 120" – dem Code für eine unklare Situation. Nachdem wir uns bei der Leitstelle besetzt meldeten, gab der Disponent den Einsatzort durch. Unser Fahrer stöhnte sofort: „Hoffentlich ist das nichts Ernstes, sonst müssen wir weit und über viele Treppen schleppen.“ Tatsächlich war der Einsatz in einem Wohngebiet am Hang mit fünf- bis sechsstöckigen Wohnhäusern, deren Zugang von der Straße aus nur über mehrere Treppen erreichbar war – und natürlich war der Notfall im fünften Stock. Als wir die Wohnung betraten, war sofort ein „leichter“ Alkoholgeruch unverkennbar. Im nur durch Kerzen erleuchteten Wohnzimmer saßen drei bis vier Männer, die offensichtlich Karten spielten. Einer von ihnen ließ sich auf Nachfrage zu der Bemerkung herab: „Da in der Ecke liegt er!“ Tatsächlich war jetzt zu erkennen, dass in einer Ecke ein Mann lag. Eine erste schnelle Untersuchung ergab, dass zwar eine tiefe Bewusstlosigkeit und keine Reaktion auf Schmerzreiz, aber stabile Vitalfunktionen vorlagen. Meine Frage nach dem Notfallgeschehen wurde nur mit einem Schulterzucken beantwortet, ebenso die Frage nach der Identität des Patienten. Keine Reaktion auf Ansprache, keine Reaktion auf Schmerzreiz, deutlicher Foetor alcoholicus, stabiler Blutdruck, gute Spontanatmung, gute periphere Sättigung, kein Zungenbiss, keine äußeren Verletzungen erkennbar. Daraufhin entschied ich, weitere Maßnahmen erst im NAW durchzuführen. Da somit klar war, dass wir den Patienten viele Treppen zu tragen hatten, alarmierten wir die „Tragehilfe“ der Berufsfeuerwehr. Nachdem wir den Patienten auf das Tragetuch gelagert hatten, schleppten wir ihn über enge Treppenhäuser zu unserem NAW. Ich bat unseren Rettungsassistenten vom DRK, alles für die Anlage einer Venenverweilkanüle vorzubereiten. Ich hatte den Stauschlauch schon angelegt, als sich der vermeintlich tief bewusstlose Patient aufsetzte und sagte: „So, Herr Doktor, jetzt reicht’s, alles in Ordnung, mir geht’s gut!“ Ich war zunächst so verdutzt, dass ich einige Augenblicke brauchte, um etwas einfältig nachfragen zu können: „Ja wie – alles in Ordnung?“ Der Herr erklärte uns daraufhin, er habe mit den Kollegen in der Wohnung etwas getrunken; im Verlauf des Abends hätten sie ihn dann grundlos bedroht, er hätte Angst bekommen und sich deshalb tot gestellt. Wir sollten ihn jetzt doch bitte heimfahren!

Ich habe dann wohl etwas die Nerven verloren und ihn angeschrieen: „Sofort raus hier!“ Darauf er ganz ruhig: „Aber Herr Doktor, wenn die Kerle da oben sehen, dass ich hier aussteige und die mir dann was antun, sind Sie schuld!“ Wir sind dann einige Meter zurückgefahren, haben dem Herrn einen guten Heimweg gewünscht und ihn an die Luft gesetzt. Auf der Heimfahrt zur Rettungswache haben meine Kollegen vom Rettungsdienst und der Feuerwehr noch lange schallend über mein verdutztes Gesicht gelacht. Gegen sechs Uhr morgens lieferten wir eine Patientin in der Notaufnahme unserer Klinik ab, als mir aus einer Kabine unser „Bewusstloser“ zuwinkte – allerdings etwas entstellt mit dickem Kopfverband. Ich habe mich mächtig erschrocken, da ich befürchtete, seine Kumpane hätten ihn vielleicht doch noch erwischt. Aber der diensthabende Chirurg klärte mich sofort auf: Der Herr habe auf seinem Nachhauseweg in der Nacht noch eine offene Kneipe gefunden und sich dort noch ordentlich einen hinter die Binde gegossen. Als er schließlich gegen drei Uhr endgültig heimwärts strebte, sei er gegen einen Laternenpfahl gelaufen und habe sich eine Commotio cerebri und eine große Kopfplatzwunde zugezogen.
Dr. med. Ulf Backheuer
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