ArchivDeutsches Ärzteblatt33/200817. Weltaidskonferenz: Neupositionierung nach Fehlschlägen

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17. Weltaidskonferenz: Neupositionierung nach Fehlschlägen

Dtsch Arztebl 2008; 105(33): A-1707 / B-1475 / C-1443

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Als Anfang August mehr als 20 000 Akademiker, politische Entscheidungsträger, Aktivisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Mexiko-Stadt zur 17. Weltaidskonferenz zusammentrafen, konnte man förmlich spüren, dass die Teilnehmer weder angesichts kürzlich bekannt gewordener wissenschaftlicher Niederlagen noch finanzieller Herausforderungen oder sozialer Ungerechtigkeiten resignieren. Es galt, den negativen Fakten auf dem Kongress positive Entwicklungen, hoffnungsvolle Botschaften und eine ungebrochene Kraft im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit entgegenzusetzen.

Nur wenige Tage vor der Großveranstaltung, die erstmals in einem lateinamerikanischen Land stattfand, hatte die Forschung herbe Rückschläge hinnehmen müssen. Wichtige Studien mit Vakzinekandidaten und Mikrobiziden waren gescheitert oder wurden vorzeitig gestoppt. Das US-Institut für Allergie- und Infektionskrankheiten, das rund 80 Prozent der weltweiten Ausgaben der Vakzineforschung verantwortet, kündigte daher die Rückkehr zur Grundlagenforschung an. „Es war falsch, bei der Impfstoffsuche gegen HIV den klassischen Weg der Forschung zu gehen“, sagte Institutschef Anthony Fauci in Mexiko: „Wir müssen zunächst die Mechanismen verstehen, mit denen sich HIV immer wieder der Verteidigung des Immunsystems entzieht.“ Fauci setzt bei diesem Vorhaben auf junge Wissenschaftler, die verstärkt für die biotechnologische Forschung angeworben werden sollen: „Wir brauchen Visionen und frisches Denken. Alle bisherigen Thesen müssen zur Disposition stehen.“

Obwohl durch niedrigere Arzneimittelpreise und bessere Verteilungssysteme in den Entwicklungsländern inzwischen drei Millionen Menschen mit antiretroviralen Medikamenten versorgt werden, bleibt die HIV-Therapie immer noch 70 Prozent der Betroffenen vorenthalten. Damit ist das Ziel der Vereinten Nationen, bis 2010 allen HIV-Infizierten den Zugang zu Arzneimitteln zu ermöglichen („Access for all“), in weite Ferne gerückt – zumal „sich jeden Tag dreimal so viele Menschen mit HIV infizieren als eine antiretrovirale Behandlung beginnen“, wie der Leiter von UNAIDS, Peter Piot, betonte. Diese Entwicklung wird einem Versagen der Prävention angelastet.

Mehr als 90 Prozent der gefährdeten Menschen auf der Welt würden von den wichtigsten Präventionsprogrammen überhaupt nicht erreicht, kritisierte Michael Merson von der Duke-Universität in Durham/USA: „In vielen Ländern geht die Prävention an der gesellschaftlichen Realität vorbei.“ Oft würden Risikogruppen, wie zum Beispiel Drogenabhängige, Prostituierte und homosexuelle Männer, aus politischen Gründen ignoriert. Auch soziale Faktoren hätten einen Einfluss auf die Infektionsraten. UNAIDS zufolge sind 80 Prozent der HIV-positiven Frauen durch sexuelle Gewalt infiziert worden. „Die HIV-Prävention ist gekennzeichnet von Inseln des Erfolgs in einem Meer der Fehlschläge“, beschrieb Stefano Bertozzi vom mexikanischen Nationalinstitut für öffentliche Gesundheit die Situation.

Einen Erfolg erhoffen sich die Forscher durch eine Präexpositions-Prophylaxe mit antiretroviralen Medikamenten, die derzeit in sieben klinischen Studien untersucht wird. Erste Ergebnisse werden für 2009/ 2010 erwartet. Allerdings wurde in Mexiko betont, dass die Rate der Neuinfektionen nicht durch eine Maßnahme allein gesenkt werden könne, sondern nur durch ein Zusammenspiel mehrerer Präventiv- und Therapieformen. Ihre Implementierung erfordert jedoch einen finanziellen Kraftakt, den einige Kritiker als nicht mehr gerechtfertigt ansehen. Sie mahnen, dass zwar ein Viertel des Budgets der internationalen Gesundheitsprogramme für HIV ausgegeben wird, Aids aber nur für vier Prozent der weltweiten Todesfälle verantwortlich ist. Vor allem afrikanische Delegierte entgegneten, dass die Gelder dem allgemeinen Ausbau der Gesundheitssysteme und damit auch der Bekämpfung anderer Erkrankungen (Malaria, Tuberkulose) zugutekämen. Nicht nur UNAIDS-Chef Piot forderte daher zum Kongressende: „Jetzt muss weitergekämpft werden – um jeden Preis.“
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