ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2008Beratung zur Krebsfrüherkennung: Vor- und Nachteile darstellen

POLITIK

Beratung zur Krebsfrüherkennung: Vor- und Nachteile darstellen

Dtsch Arztebl 2008; 105(33): A-1724 / B-1488 / C-1456

Griebenow, Berit

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Beratung beim Arzt: Nehmen chronisch Kranke diese nicht wahr, müssen sie mit finanziellen Sanktionen rechnen. Foto: Superbild
Beratung beim Arzt: Nehmen chronisch Kranke diese nicht wahr, müssen sie mit finanziellen Sanktionen rechnen. Foto: Superbild
Das Deutsche Netzwerk für evidenzbasierte Medizin will mit einem Kriterienkatalog die Ärzte bei der Pflichtberatung zur Krebsfrüherkennung unterstützen.

Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz von 2007 wurde chronisch Kranken die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen zur Pflicht gemacht, wenn sie eine Reduzierung der Zuzahlung in Anspruch nehmen wollen. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss sollte die Einzelheiten festlegen. Er beschloss daraufhin, dass eine einmalige ärztliche Beratung über die jeweilige Krebsfrüherkennungsuntersuchung ausreiche: Patienten sind verpflichtet, diese Beratung wahrzunehmen, können sich dann allerdings für oder gegen eine solche Untersuchung entscheiden, ohne spätere finanzielle Sanktionen befürchten zu müssen. Dies gilt seit dem 1. Januar 2008 für folgende Methoden: die Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs (für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren), den Stuhlbluttest (ab 50 Jahren) und die Darmspiegelung (ab 55 Jahren) zur Früherkennung von Darmkrebs sowie den sogenannten Pap-Test zur Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses (Frauen ab 20 Jahren). Es liegt nun an den Ärzten, die Pflichtberatung so zu gestalten, dass es dem Patienten möglich ist, selbstständig eine Entscheidung zu treffen.

Pflichtberatung soll inhaltlich neutral und strukturiert sein
Der Fachbereich Patienteninformation des Deutschen Netzwerks für evidenzbasierte Medizin (DNEbM) hat Empfehlungen zur konkreten Umsetzung der Pflichtberatung formuliert. Das DNEbM kritisiert, dass viele der vorliegenden Informationsmaterialien zur Früherkennung durch „selektive Auswahl und Darstellung der Inhalte eine Überschätzung des Nutzens und Unterschätzung des Schadens“ bewirkten. Eine Pflichtberatung solle sowohl die Vorteile als auch die Nachteile einer Früherkennungsuntersuchung darstellen. Die Vorteile lägen auf der Hand: Eine Krebsfrüherkennung ermögliche eine vorverlegte Diagnose bereits vorhandener Tumoren, an die sich dann gezielte Behandlungen anschlössen. Behandlungswege und Ziele fielen selbstverständlich je nach Art des Tumors unterschiedlich aus. „Eine Information muss mindestens darüber aufklären, welche Ziele erreicht werden sollen. Und sie muss darüber aufklären, ob und mit welcher Sicherheit der wissenschaftliche Nachweis erbracht ist, dass die Maßnahme ihr Ziel wirklich erreicht“, fordert das DNEbM.

Doch auch die durch eine Methode selbst bedingten Risiken, beispielsweise beim Einsatz von Röntgenstrahlen oder invasiven Methoden, müssten angesprochen werden. Ebenso sollte die Tatsache erwähnt werden, dass eine Untersuchung ohne Befund nicht garantiere, dass kein Tumor vorliege. Darüber hinaus müsse dem Patienten klar sein, dass eine Früherkennung in manchen Fällen lediglich zu einer Vorverlegung der Diagnose, nicht jedoch zu einer Verlängerung des Lebens führe. Auch das Phänomen des latenten Tumors, der bei manchen Krebsarten auftritt, sollte in einer Pflichtberatung thematisiert werden. Denn eine Krebsdiagnose könne die Lebensqualität stark beeinträchtigen, und der Schaden würde noch größer, wenn eine Überdiagnose zu Therapien führe, die belastend seien oder Komplikationen nach sich zögen. Das DNEbM legt weiter dar, dass die Suche nach Vorstufen als solche eindeutig beschrieben sein müsse. „Die Gefährlichkeit solcher Vorstufen darf nicht übertrieben dargestellt werden.“

Doch nicht nur der Inhalt, sondern auch die Präsentationsform, sollte bei einer informierenden Pflichtberatung bedacht werden. „Die Risiken sollten als absolutes Risiko formuliert werden und in einen angemessenen Bezugsrahmen gestellt werden.“ Eine verständliche Erläuterung für den Patienten könne beispielsweise sein: „Ohne Maßnahme erkranken/sterben innerhalb von zehn Jahren von 1 000 Personen fünf an diesem Krebs. Mit Maßnahme erkranken/sterben innerhalb von zehn Jahren von 1 000 Personen drei an diesem Krebs.“ Die Differenzierung nach Geschlecht und Alter sollte hierbei berücksichtigt werden. Das DNEbM empfiehlt, bei der Darstellung von Zahlen natürliche Häufigkeiten gegenüber Prozentzahlen zu nutzen und zur besseren Vergleichbarkeit durchgehend dieselbe Bezugsgröße zu verwenden. Grafiken könnten helfen, Zahlen zu veranschaulichen. Dabei sollte jedoch stets Verständlichkeit und Eindeutigkeit gewährleistet bleiben.
Berit Griebenow

Empfehlungen des DNEbM:
www.aerzteblatt.de/plus3308
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