ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2008Ambulante Palliativversorgung: Bestehende Angebote besser vernetzen

THEMEN DER ZEIT

Ambulante Palliativversorgung: Bestehende Angebote besser vernetzen

Dtsch Arztebl 2008; 105(33): A-1732 / B-1494 / C-1462

Hibbeler, Birgit

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Der ambulante Palliativdienst am Malteser-Krankenhaus in Bonn kümmert sich um schwerstkranke Tumorpatienten. Die Mitarbeiter helfen dabei, den Alltag zu organisieren und unterstützen die Angehörigen.

Dass sie unheilbar krank ist, sieht man Ilse Ebeling auf den ersten Blick nicht an: Gut gelaunt öffnet die 78-Jährige ihre Wohnungstür. Sie freut sich über Besuch, denn den Großteil des Tages ist sie allein. Dann sitzt sie in ihrem Ledersessel im Wohnzimmer, liest ein Buch oder schaut fern. „Darmkrebs“ – diese Diagnose war für Ebeling ein Schock, und sie hat sich mehr und mehr zurückgezogen.

Es ist Hildegard Nienhaus, die geklingelt hat und nun die Treppe hinaufkommt. Die 57-jährige Krankenschwester vom ambulanten Palliativdienst am Zentrum für Pallia-tivmedizin des Malteser-Krankenhauses Bonn, schaut regelmäßig vorbei. Und man merkt, dass die beiden Frauen eine tiefe Sympathie verbindet. „Ich fühle mich wirklich gut versorgt“, sagt Ebeling.

Krebskranke und Angehörige sind oft überfordert
„Bei Frau Ebeling stehen zurzeit nicht so sehr die körperlichen Symptome im Vordergrund, sondern die psychosoziale Betreuung“, erklärt Nienhaus später. Sie fährt alle zwei Wochen zu der Patientin, die sich zurzeit noch komplett allein versorgt. „Aber es ist schon alles für den Fall geklärt, dass es Frau Ebeling schlechter geht“, sagt die Krankenschwester. Die Patientin wolle dann in ein Hospiz. Kinder habe sie nicht, und auch keine Angehörigen in Bonn.

Für Krebskranke ist eine kontinuierliche Betreuung enorm wichtig. Manchmal verschlechtert sich ihr Zustand in kürzester Zeit. „Dann muss alles ganz schnell gehen und von jetzt auf gleich funktionieren“, weiß Martina Kern, Bereichspflegedienstleiterin am Bonner Zentrum für Palliativmedizin. Deshalb sei eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten gefragt. Zentrales Anliegen des ambulanten Palliativdienstes ist deshalb die Koordination. Die Mitarbeiter halten Kontakt zum Hausarzt, zum Pflegedienst, organisieren Hilfsmittel und beraten die Patienten sowie deren Angehörige. Die meisten sind in der belastenden Situation überfordert: Anträge stellen, eine Haushaltshilfe organisieren, ein Hospiz suchen. Das schaffen viele nicht allein. „Die Koordination kann man aber nicht mal so nebenbei machen, da braucht man vernünftige Netzwerke“, betont Kern.

24-Stunden-Rufbereitschaft
Pflegerisch werden die Mitarbeiter des Palliativdienstes nur in besonderen Fällen tätig. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Organisation. Darüber hinaus hat der ambulante Palliativdienst jedoch noch weitere Aufgaben: Er übernimmt die psychosoziale Betreuung der Krebskranken. Außerdem überwachen die Mitarbeiter die Schmerztherapie und Syptomkontrolle. Und es gibt eine Rufbereitschaft rund um die Uhr: Tagsüber stehen die Mitarbeiter des Palliativdienstes zur Verfügung, abends und nachts werden die Anrufe auf die palliativmedizinische Station des Malteser-Krankenhauses umgeleitet.

Das Bonner Zentrum für Pallia-tivmedizin hat Pioniercharakter: Bereits 1990 wurde die Palliativstation gegründet. Drei Jahre später nahm der ambulante Palliativdienst seine Arbeit auf. Zum Team des Dienstes gehören vier Krankenschwestern und eine Sozialarbeiterin, die allerdings für das gesamte Zentrum zuständig ist. Aktuell werden 66 Patienten betreut, davon 42 regelmäßig. Zu den restlichen bestehen lose Kontakte. „Die Hausbesuche werden auf die Wünsche und Bedürfnisse der Patienten abgestimmt“, berichtet Nienhaus. Sie arbeitet seit zwei Jahren für den Palliativdienst und bezeichnet ihre Tätigkeit als „sehr sinnerfüllend“. Sie erinnere sich auch noch an die Zeit, als Sterbende im Krankenhaus ins Badezimmer geschoben wurden. Deshalb identifiziere sie sich mit dem Ansatz der Palliativmedizin, dass man immer etwas für die Patienten tun kann. Wichtig für Nienhaus ist der ganzheitliche Anspruch ihrer Tätigkeit.

Der ambulante Palliativdienst ist mittlerweile in Bonn und Umgebung etabliert. Anfangs jedoch gab es auch Vorbehalte und Unsicherheiten, gerade bei den ansässigen Pflegediensten. „Die haben aber schnell gemerkt, dass wir ergänzend arbeiten“, sagt Kern. Auch die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten funktioniere gut. Erst kürzlich wurde ein Vertrag zu integrierten Versorgung mit der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein und drei Krankenkassen abgeschlossen. Ansonsten läuft die Finanzierung unter anderem über das Rahmenprogramm zur flächendeckenden Umsetzung der ambulanten palliativmedizinischen und palliativpflegerischen Versorgung in Nordrhein-Westfalen.

Mit der jüngsten Gesundheitsreform wurde im Sozialgesetzbuch der Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung verankert (§ 37 b SGB V). Kern begrüßt diese gesetzliche Neuerung, sieht aber auch Gefahren. Mancherorts könne eine Konkurrenzsituation entstehen, befürchtet sie. Wichtig sei es vor allem, die Hausärzte einzubinden. „Außerdem brauchen wir nicht überall neue Strukturen, sondern wir müssen die bestehenden Versorgungsangebote besser vernetzen.“
Dr. med. Birgit Hibbeler
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