ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2008Doping: Im Reich der Mittel

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Doping: Im Reich der Mittel

Dtsch Arztebl 2008; 105(34-35): A-1785 / B-1541 / C-1508

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Gilead Sciences
Foto: Gilead Sciences
Eine Dokumentation über China verstärkt die Befürchtungen, dass Athleten bereits Gendoping anwenden – trotz unabsehbarer gesundheitlicher Risiken.

Der Stationsarzt einer chinesischen Klinik hatte klare Vorstellungen davon, wie eine Zelltherapie zur Leistungssteigerung von Sportlern aussehen sollte: „Wir empfehlen vier Infusionen von Stammzellen aus Nabelschnurblut“, erklärte er den Fernsehreportern des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die sich als Trainer von Profischwimmern vorgestellt hatten.

40 Millionen Stammzellen – je mehr, desto besser, meint der Arzt. Die Stammzellen könnten die Lungenfunktion stärken. Für 24 000 US-Dollar sei die Therapie zu haben.

„Abgesehen davon, dass die angebotene Behandlung mit dem Risiko von Infektionen und Immunreaktionen verbunden ist – es gibt überhaupt keine Hinweise darauf, dass Stammzellen aus Nabelschnurblut die Leistung eines gesunden, gut trainierten Menschen steigern“, betont Prof. Dr. rer. nat. Mario Thevis vom Zentrum für präventive Dopingforschung von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Der Antidopingexperte ist erschrocken darüber, wie real Gendoping möglicherweise schon ist. „In dieser belegbaren Form habe ich mir das nicht vorgestellt“, sagt Thevis, zurzeit als Dopingkontrolleur in Peking.

Kein übertriebenes Szenario
Eine medizinisch nicht indizierte Übertragung von Genen, genetischen Elementen und/oder Zellen zum Zweck der Leistungssteigerung fällt nach Definition der Weltantidopingagentur (WADA) unter Gendoping, ebenso die Regulierung der Genexpression mit dem Ziel, die sportliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Lange Zeit galt Gendoping als übertriebenes Horrorszenario, zumal es bei einigen klinischen Anwendungen der Gentherapie schwere, teilweise tödliche Nebenwirkungen gegeben hat. Als physiologische Ansatzpunkte für Gendoping gelten:
- die Sauerstoffversorgung, zum Beispiel über eine Erhöhung der Hämoglobinkonzentration
- die Skelettmuskulatur, zum Beispiel über Zielmoleküle wie Myostatin, Wachstumshormon (HGH) oder die Insulin-like-Growth-Factors(IGF)-1 und -2, welche die wachstumsfördernde Wirkung von HGH vermitteln
- und die Energiebereitstellung über den Fettsäure- und Glucosestoffwechsel in Leber und Muskel mit Zielmolekülen wie den Glucosetransportern.

In präklinischen Versuchen haben sich die entsprechenden Gene der Zielmoleküle als wirksam erwiesen. Beim Menschen sind Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bislang nicht belegt. Dass sie dennoch für Gendoping missbraucht werden könnten, haben Wissenschaftler schon kurz nach der Publikation präklinischer Daten feststellen müssen, wie Prof. Dr. rer. nat. H. Lee Sweeney von der Universität in Pennsylvania/USA, der in den 90er-Jahren bei Mäusen über eine Zunahme der Muskelmasse und eine schnellere Regeneration verletzten Muskelgewebes nach Transfer des IGF-1-Gens berichtet hatte. Er habe viele Anfragen von Leistungs- und Amateursportlern erhalten, die sich als Versuchspersonen angeboten hätten.

David Howman, Generaldirektor der WADA, sagte als Reaktion auf die Dokumentation des NDR, die Vorschläge des chinesischen Arztes bedeuteten „einen totalen Bruch mit den Standards, die die WADA eingeführt hat, um den Betrug durch Gendoping zu verbieten“. Es sei „schrecklich, dass Gendoping vielleicht jetzt schon in China praktiziert wird“.

Auch das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hat sich mit Gendoping beschäftigt (TAB-Arbeitsbericht 124, 4/2008). Priv-Doz. Dr. rer. nat.

Patrick Diel (DSHS) war einer der Hauptgutachter: „Ich glaube nicht, dass in China ,Staatsdoping‘ betrieben wird wie in der ehemaligen DDR. Aber das chinesische Regime hat die momentan wohl liberalste Wirtschaftspolitik der Welt. Wer im Land investieren will und Wachstum verspricht, den lässt man gewähren, ohne ethische Einschränkungen.“

Grundsätzlich dürfte die Möglichkeit, dass Sportler Gendoping anwenden, in allen Ländern existieren. So ist 2006 beim Prozess gegen den Leichtathletiktrainer Thomas Springstein wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eine E-Mail bekannt geworden, in der Springstein einen Vermittler um „Instruktionen“ für die Bestellung von RepoxygenTM bittet. Repoxygen ist ein Gentherapieverfahren, das die intrakorporale Synthese von Erythropoietin kontrolliert (bei Sauerstoffmangel) ankurbeln soll. Bislang gibt es nur präklinische Tests, ebenso wie zur Gentherapie mit HGH, das die Funktion der Skelettmuskulatur verbessern und das Körperfett reduzieren soll. IGF und Myostatin sind weitere mögliche Zielstrukturen für Gendoping. Letzteres ist ein wachstumshemmender Botenstoff, der von Skelettmuskelzellen gebildet wird, wenn die physiologisch angestrebte Ausdehnung des Muskels erreicht ist. Eine Blockade von Myostatin über Antisense-RNA bewirkt eine Zunahme sowohl der Faserdicke als auch der Faserzahl (Gene Therapy 2008; 15: 155–60). Die Möglichkeit einer oralen Applikation erhöhe die Gefahr des Missbrauchs erheblich, meint Diel.

Bis sich Gendoping so sicher nachweisen lässt, dass ein positiver Befund vor einem Sportgericht Bestand hätte, dürfte noch einige Zeit vergehen. Die Blutproben der Sportler in Peking aber werden eingefroren – für mindestens acht Jahre.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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