ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1997Betriebs-/Arbeitsmedizin: Kein „exotisches Berufsbild“

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Betriebs-/Arbeitsmedizin: Kein „exotisches Berufsbild“

Wagner, Michael

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LNSLNS Wer als Abiturient das Medizinstudium anstrebt, hat meistens ein hehres Bild des Arztes vor Augen: das des "Helfers und Heilers", des "Halbgottes in Weiß", früher gelegentlich auch das des Spitzenverdieners. Das Berufsbild des Betriebs- und Arbeitsmediziners ist (noch) zu wenig bekannt, als daß Medizinstudenten dieses bereits im Sinn hätten. Erfahrungen aus der Berufspraxis.


Während des Medizinstudiums beginnt das Berufsbild des Arztes oftmals zu verschwimmen: Werde ich der rustikale, von allen Patienten geliebte Landarzt in seiner Praxis, der alles weiß und alles kann, an jedes Krankenbett eilt und der von der Wiege bis zur Bahre geschätzte Hausarzt bleibt? Oder werde ich doch lieber Wissenschaftler und gehe in die Forschung? Oder mache ich Karriere in der High-Tech-Medizin?
Kaum ein Student fragt sich, ob er Betriebsarzt werden soll, denn meistens ist dieses Berufsbild der Hochschule fremd und fern. Auch assoziiert man damit am ehesten noch den kurz vor der Praxisaufgabe stehenden Altniedergelassenen, der mit langweiliger Tätigkeit in einem "obskuren Betrieb seine Pfründe aufbessern" will. So geraten der Arbeitsmediziner und Betriebsarzt in das schiefe Licht einer "Notfallentscheidung" für den arbeitssuchenden Studienabgänger ebenso wie für Kollegen, die aus verschiedenen Gründen ihre erste "Berufung" revidieren wollen.
Der in der praktischen Medizin länger tätige Arzt weiß, daß Helfen und Heilen nur in immer seltener werdenden Fällen möglich ist, daß aber das langwierige Behandeln und Begleiten zur Regel wird und auch frustrieren kann. Dazu kommt der immer enger werdende Budgetrahmen.


Alternativen können attraktiv sein
Die moderne Arbeitsmedizin bietet neben den Möglichkeiten, zu forschen und sich wissenschaftlich zu betätigen, auch ein breites, sehr reizvolles Spektrum ärztlicher Arbeit. Eines darf allerdings nicht verschwiegen werden. Es ist ein geschlossenes, selbständiges Fachgebiet, das zu erarbeiten und zu besetzen ist. Der angehende Arbeits- und Betriebsmediziner beackert Bereiche, mit denen er zumeist in der Klinik und in der Praxis nichts oder nur wenig zu tun hatte und vor denen sich der "Arzt im weißen Kittel" daher ein wenig fürchtet.


Organisationsform
Es besteht die Möglichkeit, als "Einzelkämpfer" tätig zu werden, was sich wegen der Wissensfülle, die zum Teil auf abenteuerlichen Wegen zusammengesucht werden muß, nicht unbedingt empfiehlt. Dieses Fachgebiet entwickelt sich dynamisch. Daraus resultiert ein hoher Druck zur ständigen Aktualisierung von Gesetzeslagen, Unfallverhütungsvorschriften und Rentenbestimmungen. Dies ist besser in einer freien arbeitsmedizinischen Gesellschaft zu erreichen, in der jeder Arzt sein Wissen, etwa aus einem von ihm bevorzugten Bereich, beisteuern kann. Dazu bildet sich bald ein Netz von Kontakten, denn in der Arbeitsmedizin kennt man sich noch untereinander und tauscht Entwicklungen, Neuigkeiten und Fachwissen aus.
Als dritte Form der Organisation besteht die Möglichkeit, sich von einem der großen arbeitsmedizinischen Dienste anstellen zu lassen, in denen man in der Regel ein eher beamtenähnliches Dasein lebt. In diesem Bereich wurde allerdings durch wachsenden Konkurrenzkampf eine neue Generation von "Billigmedizinern" geschaffen und angeboten, denn die Firmen und Betriebe haben inzwischen sehr wohl erkannt, daß auch auf dem Gebiet der Betriebsmedizin sich der Preis über Angebot und Nachfrage regeln läßt. Diese Entwicklung ist eher unerfreulich und führt auch schon einmal zu Frust. Erfreulicherweise denken nicht alle Firmen nur an den Preis, sondern zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, daß ein guter Betriebsarzt eine Investition für den Betrieb sein kann.
Nur noch sehr große Firmen wie etwa Chemiekonzerne oder Automobilhersteller haben noch fest angestellte eigene Betriebsärzte. Mittelständische Unternehmen und Großbetriebe praktizieren dagegen zunehmend das "Outsourcing", das heißt, man holt externe Fachleute herein. Was ist die Hauptaufgabe dieses externen Fachmanns?
Ein Kollege hat das einmal ebenso bissig wie treffend beschrieben, indem er sagte, er sei von der "Reparaturmedizin" zur "Präventivmedizin" gewechselt, weil er das ewige, oft erfolglose Reparieren satt habe.
Tatsache ist, daß man als Betriebsarzt nicht in erster Linie Hustentabletten austeilt. "Hausarzt der Firmenangehörigen" ist man nur gelegentlich und am Rande seiner eigentlichen Tätigkeit. In erster Linie ist man "Hausarzt der Firma", das heißt, man hilft bei der Vermeidung von Unfällen, chronischen berufsbedingten Schäden, toxischen Einflüssen und anderem. In der Praxis hat man dazu (neben einer kleiner werdenden Anzahl von der Berufsgenossenschaft vorgeschriebener Vorsorgeuntersuchungen) regelmäßige Betriebsbegehungen durchzuführen, in deren Folge Arbeitsschutzausschußsitzungen mit den Führungskräften der Firmen sowie den Sicherheitsingenieuren stattfinden. Hier diskutiert man mögliche Gefahrenquellen, Gründe für Häufung von Arbeitsunfähigkeiten, Verbesserungsmöglichkeiten bei Anlagen, Arbeitsabläufe und anderes.
Ganz nebenbei lernt der Arzt eine Unmenge über das "richtige Leben" fernab vom Klinik- oder Praxisalltag. Eine Fülle interessanter, ja spannender Arbeitsplätze sieht er aus der Nähe, weiß, wie zum Beispiel Feuerwehren und Hallenbäder "von hinten" aussehen, kennt Details aus der Stahlverarbeitung, der Kunststoffbehandlung, sieht die Umweltmedizin in einem neuem Licht, kurz, er lernt das Arbeitsleben mit seiner Faszination und (für den Akademiker) Fremdartigkeit kennen. Zudem gehört er als Spezialist zu den "externen beratenden Führungskräften" des Betriebes und ist direkt der Firmenspitze zugeordnet. Was er daraus macht, ist entscheidend für seinen Erfolg. Kompetenz, Selbstbewußtsein und Einsatzfreudigkeit sind wichtige Voraussetzungen, um in dieser Arbeitswelt zu bestehen.
Betreut man mehrere verschiedene Firmen, wie es in unserer GmbH der Fall ist, häuft sich ein besonders breites, abwechslungsreiches Wissensspektrum an, das über ingenieurtechnische Kenntnisse, Umweltmedizin, Toxikologie, Ergonomie bis zu den stets und immer wiederkehrenden internistischen, orthopädischen und allgemeinmedizinischen Problemen reicht, die dem diskreten Betriebsarzt vom Konzernchef bis zum Bandarbeiter vorgetragen werden.
Ist man ein engagierter, kompetenter Gesprächspartner und "Krisenmanager" für den Betrieb, kann man auch auf diesem, auf den ersten Blick so "unmedizinischen", Gebiet Dankbarkeit und Vertrauen ernten.
Für viele Kollegen/-Innen ist der Wegfall von Nacht- und Wochenenddiensten sowie die Möglichkeit zur eigenen Termingestaltung ein entscheidender Faktor für die Berufsausübung. Zum anderen hat das leidige, unwürdige Gezerre mit den Kassenärztlichen Vereinigungen um Punkte und Therapien ein Ende.
Als arbeitsmedizinische Firma ist man auf dem Markt ein ganz normaler Geschäftspartner, hat freien Verhandlungsspielraum mit den Betrieben und Verwaltungen und kann seinen Wert und den seines Teams selbst bestimmen - auch mit den Risiken jedes freien Unternehmers: als Arzt in der freien Wirtschaft - eine reizvolle, anspruchsvolle Alternative.


Dr. med. Michael Wagner
Leitender Arzt der Pegasus
Fachgesellschaft Arbeitsmedizin mbH
Klostersteige 18
72379 Hechingen

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