ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2008Interview mit Prof. Dr. med. Pietro Vernazza, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF): „Das Schweizer Statement wurde häufig falsch zitiert“

MEDIZINREPORT

Interview mit Prof. Dr. med. Pietro Vernazza, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF): „Das Schweizer Statement wurde häufig falsch zitiert“

Zylka-Menhorn, Vera

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Pietro Vernazza Foto: privat
Pietro Vernazza Foto: privat
Die Veröffentlichung der EKAF zum vernachlässigbaren Transmissionsrisiko von HIV-infizierten Personen unter effektiver antiretroviraler Therapie (DÄ, Heft 12/2008), wurde auch auf der 17. Weltaidskonferenz in Mexico-City kontrovers diskutiert.

Was war die Motivation der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen, das Statement im März zu veröffentlichen?
Vernazza: Das Papier ist primär zur Information der Schweizer Ärzteschaft konzipiert worden. Bisher haben viele Kollegen ihren HIV-Patienten gesagt, dass das Risiko einer Transmission unter hochaktiver antiretroviraler Therapie (HAART) vernachlässigbar klein sei. Allerdings wurde diese Information in den meisten Fällen ohne Präzisierung abgegeben. Das EKAF-Papier hat nun erstmals eine solche Differenzierung für die Beratungspraxis zur Verfügung gestellt. Das Statement hat aber auch klargestellt, dass für die Feststellung eines vernachlässigbaren Risikos zusätzliche Bedingungen erforderlich sind: Die Patienten haben eine perfekte Therapieadhärenz, die Viruslast im Blut liegt seit sechs Monaten unter der Nachweisgrenze, und es dürfen keine anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen bestehen. Für alle anderen Situationen gelten die bewährten Safer-Sex-Regeln.

Kritiker befürchten, dass für diese Botschaft noch nicht genügend wissenschaftliche Daten vorliegen. Worauf basiert das Papier?
Vernazza: Basis für die Risikoabschätzung sind mathematische Modelle, aber insbesondere die Tatsache, dass in der medizinischen Fachliteratur nach zwölf Jahren erfolgreicher Kombinationstherapie mit antiretroviralen Medikamenten nicht ein einziger Fall einer Virustransmission durch einen HIV-Infizierten beschrieben worden ist. Für die Abschätzung des Risikos haben wir die Anzahl der Patienten unter Therapie in Europa berücksichtigt und eine Dunkelziffer von 99 Prozent angenommen.

Andere argumentieren, dass das Schweizer Papier die geltenden Präventionsregeln konterkariert . . .
Vernazza: Dass die in den vergangenen Jahren gewonnenen Erkenntnisse zum Transmissionsrisiko unter HAART nun offiziell sind und damit allen Ärzten und Patienten zur Verfügung stehen, ist eine ethische Notwendigkeit. Auf Basis dieser transparenten Informationspolitik kann der Einzelne sein Handeln – mit der nötigen Selbstverantwortung – differenziert umsetzen. Dass schon jetzt oft keine Kondome mehr verwendet werden, zeigt der massive Anstieg anderer sexuell übertragbarer Krankheiten (STDs) wie Gonorrhö und Syphilis – auch in Deutschland.

Bezieht sich das Statement nur auf HIV-diskordante heterosexuelle Paare mit Kinderwunsch?
Vernazza: Nein, das Schweizer Statement hat sich nie nur an heterosexuelle Paare gerichtet, was vor allem in Deutschland immer wieder falsch interpretiert wurde. Die Grundlage für das Statement ist die fehlende Beobachtung von HIV-Transmissionen unter suffizienter Therapie. Und dies gilt für alle Paare. Das bedeutet zwar nicht, dass ein Infektionsrisiko ganz ausgeschlossen ist. Mit 1 : 100 000 ist dieses Risiko allerdings viel kleiner als die Gefahr, trotz Verwendung eines Kondoms von einer HIV-infizierten Person angesteckt zu werden, wenn diese keine wirksame Behandlung hat – denn das Kondom kann reißen.

Sie beziffern das HIV-Transmissionsrisiko mit dem Risiko eines Flugzeugabsturzes. Ist dieser Vergleich angemessen?
Vernazza: Das Leben an sich ist mit Risiken verbunden. Passivrauchen, zum Beispiel, hat mit 1 : 600 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr bei 45- bis 75-jährigen Männern ein viel höheres Risiko. Oder: Jährlich versuchen sich 200 000 Alpinisten an den Schweizer Bergen, im Durchschnitt kommen zehn von ihnen alleine bei Lawinenunglücken ums Leben. Trotzdem akzeptieren wir, dass ein Bergsteiger dieses Risiko auf sich nimmt, es ist sogar durch die normale Versicherung abgedeckt. Sex ohne Kondom ist für viele ein höheres Vergnügen als mit Kondom. Dieser Umstand ist eine Realität, die nicht zu negieren ist.

Welche positiven Auswirkungen hat das Papier Ihrer Einschätzung nach?
Vernazza: Viele Betroffene berichten eindrücklich, von der Belastung befreit zu sein, eine lebenslange Bedrohung für jeden möglichen Sexualpartner zu sein. Denn vor dem Statement hatten viele HIV-infizierte Menschen nicht gewusst, dass ihr Transmissionsrisiko so gering ist. Zudem hat die Publikation auch dazu geführt, dass erstmals öffentlich intensiv über die Bedeutung von STDs diskutiert wird. Das kann für die Prävention nur förderlich sein.

Was ärgert Sie an der Kritik durch die internationale Fachwelt?
Vernazza: Dass das Statement häufig – auch von den Medien – falsch zitiert worden ist und dass viele Gegenargumente eher auf moralischen Grundsätzen beruhen als auf sachlich fundierter Kritik.

Auf dem Weltaidskongress haben Sie wiederholt betont, dass das EKAF-Papier auch einen Beitrag zur Entkriminalisierung von HIV-Infizierten leistet . . .
Vernazza: Auf jeden Fall, denn die Erkenntnisse um die Nichtinfektiosität von gut therapierten HIV-Infizierten müssen endlich auch in der Schweizer Rechtsprechung berücksichtigt werden. Es ist nicht länger haltbar, dass HIV-infizierte Personen nach Artikel 231 StGB weiterhin wegen versuchter Verbreitung einer gefährlichen Krankheit angeklagt und verurteilt werden, wenn eine HIV-Transmission de facto nicht möglich ist. Es ist nicht akzeptabel, dass die Schweiz die diesbezügliche Statistik der Strafverfolgungen in Europa anführt.
Die Fragen stellte Dr. med. Vera Zylka-Menhorn.

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