ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2008E-Books: Last book oder new book

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E-Books: Last book oder new book

Dtsch Arztebl 2008; 105(34-35): A-1790 / B-1545 / C-1513

Groß, Roland

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Vollständige Bibliotheken auf engstem Raum – E-Books machen’s möglich. Foto: Amazon
Vollständige Bibliotheken auf engstem Raum – E-Books machen’s möglich. Foto: Amazon
Wie weit ist das technische Know-how bei der Entwicklung von elektronischen Büchern gediehen?

Bei der Frage nach dem derzeit verfügbaren technischen Maximalkomfort des E-Books betrifft der wichtigste Aspekt die Displaytechnologie, denn dabei geht es um Kommunikationssituationen, die bisher dem Buch vorbehalten waren. Die von dem Nanophysiker Dr. Joseph M. Jacobson vom Nano-Media-Lab am MIT (Massachusetts Institute of Technology) im US-amerikanischen Cambridge lizenzierte Variante eines „e-papers“ ist schon recht weit gediehen. Verbesserungsbedarf besteht noch bei der Auflösung und beim schnelleren Umstellen der Seiten. Ferner müssen diese E-Books noch robuster werden, das heißt knickbarer, vielleicht sogar rollbar.

Vor allem der noch nicht ausgereifte Einsatz von Farbe bei der von der Firma E-Ink entwickelten Technologie versucht, die Drauflichttauglichkeit, also die Außenbeleuchtung und entsprechendes Reflektieren, zu realisieren – was physiologisch erheblich angenehmer ist als die derzeit noch augenermüdende Innenausleuchtung von E-Books. Hingegen haben die am Markt verfügbaren E-Book-Lesegeräte immer noch den Charakter eines Smartphones: ein bisschen größer und dünner. Die Gesamtfläche geht in Richtung DIN A4. In einer optionalen Zusatzfunktion lassen sich mit einem Stift, im Stil eines Grafiktableaus, Kommentare aufbringen und abspeichern – und online austauschen.

Praktisch und faszinierend
Das in Amerika bereits bei einigen 100 000 Verbrauchern angekommene „Kindl“-E-Book von Amazon kann bereits direkt und ohne einen Computer Bücher herunterladen. Den Preis eines solchen Download-Buchs sollte man generell etwa bei 20 Prozent unter dem entsprechenden analogen Taschenbuchtarif ansetzen. Andere Geräte können Bücher, vergleichbar den iPod-Geräten, via Computer und Internet auf das E-Book transportieren. Die Platz- und Gewichtersparnis ist bei diesem Leichtgewicht, angesichts eines Speichervermögens von weit mehr als 100 Büchern, sehr praktisch. Der Faszination, ein elektronisches „Papier“ tausendfach immer wieder neu zu bedrucken, kann man sich nur schwer entziehen.

Aktuell hat Stephan Füssel, Leiter des Instituts für Buchwissenschaft an der Universität Mainz, im „Forschungsmagazin“ der Universität einen lesenswerten Beitrag zu Jacobsons bahnbrechenden E-Paper-Aktivitäten veröffentlicht („Electronic Paper – ein technisches Medium fördert die Konvergenz der Medien“, Heft 1/2008, S. 33–36). Das immer wieder bedruckbare Papier lässt sich durchaus mit den Pixeln des Zeitungsdrucks vergleichen, deren unterschiedliche Dichte Formen entstehen lässt. Jacobson indes verwendet immer wieder dieselben pixelartigen Kügelchen: Die unterschiedliche elektrische Ladung des Bildfelds stimuliert ihre stärker schwarze oder weiße Seite. Schwarze Tinte enthält hier weiße, positiv geladene Farbpigmente. Die mitgedruckte Elektronik erzeugt an der Oberseite negative Ladungen. Zehntausende Kügelchen bilden das neue Bild, gestochen scharf, deutlich über dem Zeitungsdruck liegend. Eine Hintergrundbeleuchtung ist so nicht erforderlich, sodass keine weitere Energiezufuhr notwendig ist. Das E-Paper ist zwischen 0,3 und 1,2 mm „dick“ und lässt nahezu jedes Trägermaterial zu (www.eink.com).

Hin zur Retrodigitalisierung
US-amerikanische Supermarktketten sollen ihre Werbetafeln bereits derartig aufgerüstet haben. Grenzenlose Beschreibbarkeit würde einen brisanten Textsortenmix möglich werden lassen: morgens die Zeitung, im Büro die Akten, abends der Krimi. Die Konvergenz von Internet und Mobilfunk lässt jede Art von Download zu – kabelfrei oder über diverse Datenträger. Die Dünne des Materials animiere Jacobson bereits zu E-Paper-Büchern mit bis zu 240 elektronischen Seiten. Der Fortschritt der Chiptechnologie lasse ganze Bibliotheken in diese Bücher einspeicherbar werden, so Füssel sinngemäß. Für den von Jacobson favorisierten omnipräsenten Leser gewährleistet das an seinem MIT-Projekt mitbeteiligte Vorhaben „Google BookSearch“ in Kürze den freien Datenzugang: Google ist dabei, das Weltwissen aus den maßgeblichen Bibliotheken „zu retrodigitalisieren“.

Füssels Fazit: „Es besteht mit dem electronic paper die Möglichkeit, die Vorteile des Internets, das heißt die rasche und aktuelle Information, die weltweite Verknüpfung, die schnelle Recherchemöglichkeit und die Verbindung mit Audio- und Videodateien, mit den jahrhundertealten Vorteilen des Buchs, der hervorragenden Abbildungsqualität, der bewährten Form des Kodex mit seiner guten Lesbarkeit und den haptischen und ästhetischen Komponenten für die ruhige Hintergrundinformation zu verbinden. . . . Joseph Jacobson hat seine Entwicklung zunächst als ,last book‘ bezeichnet; er ist aber eher auf dem Weg, das ,new book‘ zu kreieren.“
Roland Groß
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