ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2008Spanien: Der Städte neue Kleider

KULTUR

Spanien: Der Städte neue Kleider

Dtsch Arztebl 2008; 105(34-35): A-1795

Macher, Julia

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Preisgekrönt: Das MUSAC in Léon zeigt Kunst des 21. Jahrhunderts. Foto: Ángel Marcos
Preisgekrönt: Das MUSAC in Léon zeigt Kunst des 21. Jahrhunderts. Foto: Ángel Marcos
Tourismus und Kultur statt Schwerindustrie – seit das Guggenheimmuseum die graue Industriestadt Bilbao verwandelt hat, wird in Spaniens Nordwesten mit dieser Formel Zukunft gestaltet.

Die „Universidad Laboral“ thront auf einem grünen Hügel vor der Stadt Gijón. Endlos lang ziehen sich die Fensterfronten dahin, die Statuen auf den Simsen blicken grimmig ins Leere, und wie ein Dolch bohrt sich ein spitzer Turm in den Himmel. Ein perfekter Ort für Gruselgeschichten, in Gijón aber will man eine Erfolgsgeschichte damit schreiben. Denn der gigantische Bau, den Diktator Franco als Ausbildungsstätte für Arbeiterkinder bauen ließ, beherbergt nach jahrelangem Leerstand ein halbes Dutzend Bildungs- und Kultureinrichtungen. Darunter findet man seit Februar 2007 eines der innovativsten Projekte Spaniens: Laboral, das Zentrum für Kunst und Industrielle Gestaltung. In den Werkhallen im Seitenflügel, wo früher Lehrlinge das Schraubendrehen lernten, tüfteln heute junge Kreative an Projekten für die Kunst und Unterhaltungsindustrie. Laboral versteht sich als „Think Tank“ – als Denkfabrik. Produktionsstätte und Galerie fließen hier zusammen: In Workshops wird mit freier Software experimentiert, auf den Wänden der Ausstellungsräume flackern Filmfragmente, in einem Saal lässt eine Roboterskulptur Seifenblasen steigen. Der Plan ist es, bald Hand in Hand mit den benachbarten Technologieunternehmen an Videospielen oder Musiksoftware zu arbeiten.

„Die Verbindung von Kunst und Technologie macht uns in Spanien einzigartig. Eine Stadt wie Gijón braucht solche Impulsgeber, um Wege aus der Krise aufzuzeigen.“ Rosina Gómez Baeza, Direktorin des Zentrums, kennt die Branche, managte sie doch zuletzt die renommierte Madrider Kunstmesse ARCO. Sie ist in Gijón geboren und hat den Wandel der Industriestadt miterlebt. Bis in die 70er-Jahre ratterten unablässig die Förderbänder der Bergwerke, und am Hafen ächzten die Kräne der Werften. Als es billiger wurde, die Kohle aus Asien zu importieren, musste Gijón sich neu erfinden. Der alte Stadtkern Cimadevilla erstrahlt in neuem Glanz, eine der stillgelegten Werften fungiert nun als Eisenbahnmuseum, und im Osten der Stadt entstand ein künstlicher Badestrand.

In León lockt seit 2005 das Museum für zeitgenössische Kunst MUSAC Kulturtouristen an. Die Ausstellung präsentiert Kunst des 21. Jahrhunderts, doch bereits die Fassade des preisgekrönten Baus der Architekten Emilio Tuñón und Luis Moreno Mansilla ist eine Attraktion: Komplett verglast setzt sie sich zusammen aus weißlich schimmernden und bunten Rechtecken. Längst macht sie der gewaltigen gotischen Kathedrale in der Altstadt als Wahrzeichen Konkurrenz. Dabei sind beide Gebäude enger miteinander verwandt, als es auf den ersten Blick scheint, denn die roten, blauen, violetten und grünen Rechtecke der MUSAC-Fassade stellen einen vergrößerten und digital bearbeiteten Ausschnitt aus einem der Buntglasfenster der Kathedrale dar.

Das MUSAC hat die Stadt verjüngt und attraktiver gemacht. In der Nachbarschaft eröffnen die ersten Szenekneipen, im Innenhof des Museums finden Popkonzerte statt, und die Filmseminare zu Avantgarderegisseuren interessieren auch die ondulierten Damen aus der Oberstadt. Rund 40 Prozent der Besucher, die durch die verschachtelten Säle des Museum streifen, stammen aus León.

In Gijón ticken die Uhren langsamer. In den Apfelweinkneipen der Altstadt zeigt sich kein Interesse am neuen Gewand der Stadt. Bis jetzt finden fast nur auswärtige Künstler ihren Weg in das Zentrum. Doch die Macher von Laboral sind überzeugt: Die Formel stimmt. Spätestens erste Ergebnisse aus den Kooperationen mit den benachbarten Unternehmen sollen zeigen, dass in der Kultur die Zukunft liegt.
Julia Macher

Informationen
Tourismusamt Gijón: www.gijon.info
Kunstzentrum Laboral: www.laboralcentrodearte.org
Tourismusamt Leon: www.leon.es
MUSAC: www.musac.es
Fremdenverkehrsamt Spanien: www.spain.info
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