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Praktisches Jahr in Australien: Als fliegender Student im Outback

Dtsch Arztebl 2008; 105(34-35): A-1805 / B-1557 / C-1525

Unkhür, Wolfgang Johannes

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Eigentlicher Einsatzort von Wolfgang Johannes Unkhür ist das Royal Darwin Hospital. Fotos: privat
Eigentlicher Einsatzort von Wolfgang Johannes Unkhür ist das Royal Darwin Hospital. Fotos: privat
Acht Wochen seines praktischen Jahres verbringt der Autor in Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory. Die Flüge zu den Ureinwohnern werden zu unvergesslichen Erlebnissen.

Wie der Pilot es mir gezeigt hatte, drücke ich mein rechtes Knie gegen die Tür der Personenkabine der kleinen zweimotorigen Piper, um diese einen Spalt geöffnet zu halten. Die soeben gestarteten Propeller treiben so einen erlösenden Luftzug um unsere verschwitzten Körper. Bald darauf setzt sich die Maschine in Bewegung in Richtung Startbahn. Obwohl ich nicht weiß, was mich erwartet, merke ich, dass ein Traum von mir dabei ist, sich zu erfüllen.

Ich hatte als Medizinstudent im praktischen Jahr die Gelegenheit, Ärzte des Royal Darwin Hospitals (RDH) zu „specialist outreaches clinics“ zu begleiten. Dies waren Sprechstunden verschiedener Fachdisziplinen, die in den entlegenen Dörfern (communities) des dünn besiedelten Northern Territory abgehalten wurden. Der Service wird im Norden Australiens mit großem Aufwand betrieben, um eine minimale Gesundheitsversorgung der Bevölkerung dieser entlegenen Regionen zu gewährleisten, die fast ausschließlich aus den indigenous people, den Ureinwohnern Australiens, besteht.

Eigentlich war mein Einsatzort das Royal Darwin Hospital, an dem ich acht Wochen meines praktischen Jahres verbringen durfte. Darwin ist die Hauptstadt des Territoriums und hat 115 000 Einwohner. Das RDH mit seinen circa 300 Betten machte bereits mehrmals international Schlagzeilen: als erste Anlaufstelle der Tsunamiopfer, der Terroropfer von Bali oder auch der Kriegsopfer aus Osttimor. Neben der Tätigkeit im RDH ermöglichte es mir die Northern Territory Clinical School, die eine Dependance der Flinders University in Adelaide ist, an den specialist outreaches clinics teilzunehmen.

Fünfmal war ich so jeweils für einen Tag unterwegs in die Outbacks. Ich begleitete Chirurgen, Pädiater und Allgemeinmediziner in die Dörfer, die für mich nicht nur entlegen waren, sondern wie aus einer andereren Welt zu sein schienen. Die teilweise unübersehbaren sozialen Probleme – wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Spielsucht, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Mütter im Teenageralter und gesundheitlicher Verfall – sind gepaart mit einer unglaublichen Zufriedenheit der Leute. Kulturelle und philosophische Sichtweisen, die mir in Fleisch und Blut übergegangen sind, haben hier nicht diese große Bedeutung. Wenn sie Geld haben, gaben die Menschen es aus (leider oft für Alkohol). Wenn die Kinder Lust haben, gehen sie zum Fischen anstatt in die Schule. Einfach eine ganz andere Lebensphilosophie, nicht eine schlechtere. Dies ist wohl persönlich meine wichtigste Erkenntnis meines Aufenthalts.

In den communities ist meist eine ständige gesundheitliche Grundversorgung durch die Gemeindeschwestern gegeben. Dies sind oft weiße Krankenschwestern, die zeitlich befristet diese Arbeit machen, die man wohl nicht genug würdigen kann. Zusammen mit dem Gemeindepolizisten sind sie nicht nur gesundheitliche Allrounder, sondern auch mal Lebensretter und Anwältinnen der Frauen, insbesondere bei männlichen Übergriffen. Mit einer von ihnen fahre ich im Jeep durch das Dorf, um Patienten „einzusammeln“ (nein, diese kamen nicht immer freiwillig). Die Schwester kennt ihre Patienten und weiß genau, wer davon profitieren könnte, dieses Mal vom Arzt gesehen zu werden.

Auf zu den indigenous people: Mit der zweimotorigen Piper geht’s in eine andere Welt.
Auf zu den indigenous people: Mit der zweimotorigen Piper geht’s in eine andere Welt.
In den kleinen bunten Häusern, die alle staatlich gebaut wurden, leben meist Großfamilien. Obwohl genügend Häuser zur Verfügung stehen, ziehen mehrere Familien einer Sippe zusammen in ein kleines, spärlich möbliertes Haus. Die leer stehenden Häuser fallen dann dem Vandalismus zum Opfer – und die Skabies-Milben können sich hervorragend auf die ganze Sippe ausbreiten. Vor den Häusern stehen meist Igluzelte, die den Bewohnern ein wenig Intimität für gewisse Stunden gewährten.

Die Sprechstunden waren für mich sehr kurzweilig. Den Chirurgen assistierte ich bei Zirkumzisionen, die die indigenous people aus kulturellen Gründen fordern. Diese Eingriffe wurden früher bei kultischen Riten unsteril und teilweise unprofessionell ausgeführt, was zu Komplikationen wie Infektionen und Behinderungen bei einer Erektion und Kohabitation geführt hatte. Den kulturellen Regeln entsprechend, darf bei diesen Eingriffen keine Frau anwesend sein, sondern nur die älteren Männer der Familie. Einige nehmen die entfernte Haut an sich, um sie für traditionelle Rituale zu verwenden. Einmal wurde unser Handeln auch durch magisch anmutende Gesänge begleitet, von Männern, die sich die Gesichter bemalt hatten.

Bei den pädiatrischen und allgemeinmedizinischen Sprechstunden standen vor allem die Folgen des rheumatischen Fiebers an Niere und Herz im Mittelpunkt. Das rheumatische Fieber grassiert geradezu unter den Ureinwohnern. Einen ganz kleinen Patienten ließen wir nach der pädiatrischen Sprechstunde mit seiner Mutter nach Darwin ausfliegen. Ein angeborener Herzfehler, der nun jäh die Perzentilenkurve nach unten drückte, zwang den Pädiater, die ängstliche Mutter zu diesem Schritt zu bewegen. Wieder in Darwin gelandet, war es meine Aufgabe, die Mutter und ihr Kind im Krankenhaus zu übergeben, weil ich sowieso auf dem Gelände untergebracht war. Stolz und angespornt von der Verantwortung verließ ich die beiden erst, als ich sicher sein konnte, dass die pädiatrische Abteilung (natürlich) alles im Griff hatte.

Nachdem ich meinen Kommilitonen Bericht erstattet und ein schnelles Abendessen zu mir genommen habe, falle ich müde und sehr zufrieden ins Bett. Es ist 23 Uhr, seit 5.30 Uhr bin auf den Beinen. Ich bin mir sicher: Morgen werde ich wieder im Outreach-Büro nachfragen, ob ich noch einmal mitfliegen darf.
Wolfgang Johannes Unkhür
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