ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1997André Kostolany zum „Dschungel Börse“: „Schutzimpfung“ auch fürs Geld

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André Kostolany zum „Dschungel Börse“: „Schutzimpfung“ auch fürs Geld

Gelsner, Kurt

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LNSLNS Wenn zu Vorträgen in Kliniken eingeladen wird, dann stehen meist medizinische Themen auf dem Programm. Anders verfuhr man kürzlich in einem Gesundheitszentrum im Alpenvorland: Dort philosophierte der "Altmeister der Börse" André Kostolany über den Euro und die Börse.


Um seinem sonst fachbezogenen Seminarprogramm so homogen wie möglich ein t^ete-à-te^te mit André Kostolany, dem Großmeister der Börsen-Wissenschaft, einfügen zu können, verlieh das WiedemannGesundheitszentrum Ambach (im Alpenvorland) kürzlich einem Außenseiterthema einen medizinischen Touch. Über die Gedankenbrücke, daß dem strapazierten Zeitgenossen die finanzielle Gesundheit nicht minder wichtig sei als körperliche, nahm Hausherr Helmut Wiedemann einfach den Begriff "Schutzimpfung" sowohl für den Organismus als auch für das Geld in Anspruch.
Wenn das Auditorium die wagemutige Koppelung körperlichen und wirtschaftlichen Wohlbefindens hinnahm, so hing das nicht zuletzt mit der aktuellen politischen und finanzpolitischen Gesamtsituation zusammen. Wenn schon, so fragten sich besorgte Teilnehmer, die Finanzen des Staates erkrankt sind - warum solle man dann nicht daran denken, den eigenen Finanzbereich vor Auszehrung und Schwächezuständen zu schützen?
Vom Leitseil "Prophylaxe" geführt und gesichert, steckte Gottfried Heller, in München wirkender Vermögensverwalter und Fondsmanager, das Terrain des Seminars ab. Von der nahezu liebevollen Definition ausgehend, daß die Börse ein "massenpsychologisches Phänomen" sei, erteilte er Ratschläge und Warnungen, ließ es aber auch an griffigen Analysen nicht fehlen.
Zu seinen Highlights gehörte, daß eine reale Rendite - nach Steuern und Inflationsabschlag - langfristig nur mit Sachwerten zu erzielen sei und daß Traumgewinne häufig mit Totalverlusten enden: "Den schnellen Reichtum gibt es nur im Märchen." Modetrends solle man aus dem Weg gehen: "Wenn alle an der gleichen Stelle nach Gold suchen, sind die Chancen, welches zu finden, sehr gering."
Schockwirkungen verbreitete Heller mit seinen Prognosen für das laufende Jahr: Der Euro werde platzen; die Wirtschaft werde nicht aufhören zu lahmen; sieben Millionen Arbeitslose seien nicht auszuschließen; die Politik sei hilflos.
Wenig ermutigend klangen auch die Kommentare, die er an diese Perspektive knüpfte: Der Euro sei eine einseitige Politiker-Entscheidung, die von der Mehrheit der Deutschen nicht mitgetragen werde; bei weiter fallenden Zinsen werde es in Geldwerten zu einem Anlagenotstand kommen; die europäische Strukturkrise werde zu einer Schwächung aller europäischen Währungen führen - "auch ohne Euro!".
Mit Hellers Tour d’horizon war auch das Szenario für den Börsenzauberer André Kostolany ausgeleuchtet. Der 91jährige "Altmeister der Börse" war den Darlegungen seines Freundes Heller gefolgt, ohne ein einziges Mal einzugreifen. Nun postierte er sich, mit der obligaten "Fliege" im Hemdkragen, hinter dem Mikrofon, um mit seiner leicht knarrenden, aber festen Stimme ohne Manuskript ein zweistündiges Feuerwerk zum Thema "Börse" abzuschießen.
Aus dem Fundus eines in 72 Börsenjahren angereicherten Know-how vertiefte und variierte Kostolany die von Heller markierten Teilthemen. Zur Überraschung der Zuhörer widersprach er dem Titel seines eigenen Buches, das aus einem ZDF-Interview mit Johannes Groß entstanden war: "Weisheit eines Spekulanten". Als Spekulant habe er, und das unter schmerzhaften finanziellen Opfern, lediglich sein Vermögen erworben. Nach dieser Phase habe er die Spekulation aufgegeben und sich als studierter Philosoph und Kunstgeschichtler seinem erträumten Lieblingsberuf verschrieben - dem Journalismus. Allerdings sei er dem "Dschungel Börse" sein Leben lang verbunden geblieben.
Tatsächlich ist André Kostolany noch immer wegweisender Kolumnist der deutschen Zeitschrift "Capital": Nur zweimal in dreißig Jahren ist eine Ausgabe ohne seinen Leitartikel erschienen - einmal wegen Krankheit, das andere Mal wegen eines Mißverständnisses.
Uns Deutschen schrieb er ins Stammbuch, mit unserem Verlangen nach ständiger Geldwertstabilität schwächten wir die Wirtschaft. Im Umgang mit Geld und Geldanlagen seien wir zu kurzsichtig und zu kurzatmig. Geld könne nur auf lange Sicht erfolgreich arbeiten. Um ein guter Börsianer zu sein, brauche man Instinkt für Informationen, Umsicht, Weitblick, Glück, Sensibilität, Geduld und vor allem Phantasie: "Auch das unmöglich Scheinende muß man in die Möglichkeiten einbeziehen."


Euro: Lieber abwarten
In der Diskussion stellten beide Referenten klar, daß ihre Skepsis gegenüber dem Euro nicht als generelle Ablehnung einer europäischen Währung gedeutet werden soll. Aber warum wolle man nicht lieber abwarten, bis die Entwicklungslinien klarer geworden sind? Den Europäern gehe bei einem zeitlichen Aufschub nichts verloren, und die DM sei ohnehin ein zentrales Element der deutschen Befindlichkeit.
Am Ende des Seminars wechselte Heller schließlich vom medizinischen Vokabular ins technische: "Jeder vernünftige Pilot, der noch auf der Startpiste einen Triebwerkschaden bemerkt, bricht den Start ab." Kurt Gelsner

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