ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2008Börsebius: Reziproke Knollen

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Börsebius: Reziproke Knollen

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Als Opfer der Finanzkrise werden gemeinhin Banken ausgemacht, erst recht die Anleger, von denen nicht wenige allein in diesem Jahr Verluste im zweistelligen Prozentbereich zu ertragen haben. Kaum jemand denkt aber an die Heerscharen von Ökonomen, denen ihre Erklärungsmodelle der Realität reihenweise um die Ohren fliegen.

Dabei ist unmittelbar einleuchtend, dass es volkswirtschaftlich eben nicht egal ist, ob da irgendein Ökonomieprofessor in seinem Elfenbeinturm hockt und eine Theorie nach der anderen ausbrütet, nach der sich die Konjunktur zu richten habe. Die Verflechtungen zwischen Wissenschaft und der Wirtschaft sind vielfältigster Art. Zumindest beeinflussen die in der Finanzwissenschaft allgemein anerkannten Theorieansätze und Kapitalmarktmodelle ganz konkret die Anlageentscheidungen der großen Player an den Finanzmärkten.

Nun ist also große Ratlosigkeit angesagt. Warum konnte die Finanzkrise überhaupt passieren, war sie vorhersehbar, stimmen etwa die Erklärungsansätze der Ökonomen nicht, sind Paradigmen falsch gesetzt worden, ist überhaupt eine radikale Kehrtwende in der Forschung erforderlich?

Es ist in der Tat höchste Zeit umzudenken. Natürlich ist die erlebte und erlittene Finanzkrise ein Realitätstest für eine Reihe derzeit noch gültiger ökonomischer Theorien, und wenn das so ist, haben die auch gründlich versagt. Besonders die Theorie der „effizienten Märkte“ ist nicht mehr haltbar. Die wurde von dem (sogar nobelpreisverdächtigen) Chicagoer Eugene Fama erfunden und besagt, dass alle verfügbaren Informationen etwa in einem Aktienkurs enthalten seien. Jeder professionelle Börsianer erfährt tagtäglich am Arbeitsplatz, dass diese Annahme falsch ist, er sollte es zumindest ahnen.

Weitere zentrale Schwachpunkte in der Makroökonomie sind das augenscheinlich fatale Vertrauen in die Selbstreinigungskräfte des Markts und die Homogenitätsannahme (Haushalte und Unternehmen verhalten sich gleich).

Wesentlich scheint mir auch zu sein, dass der gesunde Menschenverstand oft genug auf der Strecke bleibt. Auch oder gerade wegen der in der Wissenschaft gebräuchlichen geschraubten Sprache. Legendäres Beispiel: „Der Umfang der subterritorialen Knollengewächse steht in reziprokem Verhältnis zum Intellekt des Agrarökonoms.“ Auf Deutsch: Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln.

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