ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Ferdinand Kriwet – Rhythm is it!

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Ferdinand Kriwet – Rhythm is it!

PP 7, Ausgabe September 2008, Seite 386

Kraft, Hartmut

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„POEM-PRINT 3“ (1968), dreifarbiges Siebdruckunikat, 125 × 125 cm, rückseitig auf dem Keilrahmen betitelt, datiert und signiert. Foto: Eberhard Hahne
„POEM-PRINT 3“ (1968), dreifarbiges Siebdruckunikat,
125 × 125 cm, rückseitig auf dem Keilrahmen betitelt,
datiert und signiert. Foto: Eberhard Hahne
Die Gestaltung von Texten in Form von Bildern hat eine europäische Tradition, die von der griechischen Spätantike bis zur konkreten Poesie eines Eugen Gomringer oder Gerhard Rühm in den 50er- Jahren des vorigen Jahrhunderts reicht. Einen unverwechselbaren Beitrag in Form von „Sehtexten“ steuerte in den 60er-Jahren Ferdi-nand Kriwet bei (siehe PP, Heft 3/2005). Das hier vorliegende Siebdruckunikat auf Leinwand hat der Künstler in unterschiedlichen Varianten ausgeführt. Sowohl die Farben als auch die Anordnung der Siebe wurden von Bild zu Bild verändert. In diesem Mix aus Wörtern und einzelnen Buchstaben wird der Betrachter verführt, nach Bedeutungen und Zusammenhängen zu suchen. Da sich die Buchstaben zum Teil überlagern, wird das Entziffern erschwert. Aber geht es überhaupt um eine Botschaft, einen Text mit einer klar benennbaren Mitteilung? Die von Kriwet verwendete kreisförmige Anordnung der Buchstaben ermöglicht eine Lesart ohne Anfang und Ende. Und genau dies scheint für das vorliegende Bild aus dem Jahr 1968 von entscheidender Bedeutung zu sein. Wenn wir uns lesend auf dieses Bild einlassen und uns auf die am deutlichsten hervortretenden blauen Buchstaben konzentrieren, sie uns oder anderen – oder mit anderen zusammen – vorlesen, entsteht ein Sprachrhythmus von soghafter Qualität. Wir lesen dann, von außen nach innen fortschreitend: ...CAT FAT DOUBLE TROUBLE...YO YO YA YA HOI TY TOI TY...HANDSOME BOO BOO RANSOME...

Wenn wir stets nur ein und dieselbe Zeile lesen, stellt sich nach einiger Zeit des lauten Lesens das Gefühl ein, sich selbst im Kreis zu drehen. Wie eine alte Schellackplatte oder eine moderne CD nimmt das Sprechen Schwung auf. So kann ein Sprechgesang in der Art eines zeitgenössischen Rap entstehen. Wenn wir gleichzeitig versuchten, auch den „Subtext“, also die roten und gelben Wörter zu lesen, gerieten wir allerdings in ein babylonisch anmutendes Sprachgewirr. Dies wäre ein Abbild der medialen Reizüberflutung, die seit den 60er-Jahren eines der Themen der Kunst ist. Hartmut Kraft

Biografie Ferdinand Kriwet
Geboren 1942 in Düsseldorf. 1961 erschien sein Roman „ROTOR“, der eine intensive Auseinandersetzung mit Texten, Schriftbildern, Hörtexten und Theatertexten einleitete und Kriwet zu einem prominenten Vertreter der noch jungen „Mixed Media“ und der visuellen wie auch konkreten Poesie machte. 1977 Teilnahme an der Documenta 6 in Kassel. In den letzten Jahren Wiederentdeckung des Werks und Beteiligung an wichtigen Ausstellungen (zum Beispiel Museum Ludwig, Köln 2006; Kunsthalle Wien 2006; CCA Wattis, San Francisco 2006/2007). Lebt in Dresden.

Literatur
Kriwet F: ROTOR. Dumont, Köln 1961.
Kriwet F: Apollo Amerika. Edition Suhrkamp, Frankfurt/M. 1969.
Kriwet F: Kriwet – Arbeiten 1960–1975. Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1975.
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