ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2008Selbsterfahrung: Qualitätssicherung gefordert

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Selbsterfahrung: Qualitätssicherung gefordert

PP 7, Ausgabe September 2008, Seite 413

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Selbsterfahrung wird häufig nur positiv betrachtet. Hohe Kosten, Kunstfehler von Lehrtherapeuten und die permanente Eignungsbeurteilung machen besonders Ausbildungskandidaten zu schaffen.

Selbsterfahrung (SE) oder Eigentherapie ist ein Pflichtelement in der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung. Alle therapeutischen Orientierungen haben entsprechende Konzepte entwickelt, die jedoch weder inhaltlich noch methodisch miteinander vergleichbar sind. So wird in der Psychoanalyse vorrangig eine Lehranalyse im Einzelsetting betrieben, die in erster Linie auf die Entwicklung und Veränderung der Person des angehenden Analytikers ausgerichtet ist; didaktische Aufgaben spielen nur eine sehr geringe Rolle. Im Gegensatz dazu kommen bei der Verhaltenstherapie hauptsächlich Gruppenmethoden zum Einsatz, die weniger die Person modifizieren als vielmehr Methodik und Analyse von motivationalen und berufsbezogenen Themen unter Einbezug eigenen Erlebens und Verhaltens vermitteln sollen. Darüber hinaus hat SE in den verschiedenen Schulen einen unterschiedlichen Stellenwert: Bei den humanistischen und psychodynamischen Orientierungen bestehen circa 60 bis 70 Prozent der Ausbildung aus Selbsterfahrungselementen, während dieser Anteil bei der Verhaltenstherapie und der systematischen Therapie bei etwa 20 bis 30 Prozent liegt. Auch die Ziele sind höchst vielfältig und manchmal wenig explizit; SE soll zum Beispiel dazu beitragen, psychische Belastungen und Probleme des angehenden Therapeuten zu bewältigen, seine Selbsteinsicht zu fördern, seine Persönlichkeit zu entwickeln, berufliche Belastungen im Sinn einer Burn-out-Prophylaxe zu reduzieren und die therapeutische Beziehungsfähigkeit zu verbessern.
Selbsterfahrung wird in der Regel von Absolventen und Lehrtherapeuten für wichtig und wertvoll gehalten, und die Zufriedenheit damit fällt meistens hoch aus. So bewerteten beispielsweise 86 Teilnehmer und 30 Lehrtherapeuten am Institut für Fort- und Weiterbildung in klinischer Verhaltenstherapie (IFKV) in Bad Dürkheim SE als wichtigen Ausbildungsstein zum Erwerb therapeutischer Kompetenzen und berichteten von zahlreichen Veränderungen durch SE. Beispielsweise entdeckten sie eigene Ressourcen, und sie lernten sich selbst besser kennen. Durch eine vertrauensvolle Beziehung zum Selbsterfahrungsleiter wurden die positiven Effekte zusätzlich gefördert.

Befragungen und Studien, die sich mit den Wirkungen von SE beschäftigen, sind allerdings rar, vor allem solche, die auch unerwünschte Effekte erfassen. Letztere werden in konzeptuellen Arbeiten und Streitschriften zwar immer wieder thematisiert, aber systematische und gezielte Untersuchungen stehen bisher noch aus. Eine der wenigen Studien, die sich dieser Thematik widmen, stammt von dem Salzburger Psychologen Dr. Anton-Rupert Laireiter, der 100 österreichische Psychotherapeuten zu ihren Erfahrungen im Rahmen der therapeutischen Ausbildung und mit privat absolvierter SE befragte. An der Studie nahmen vorwiegend Psychotherapeuten teil, die Gestalttherapie, rational-emotive Therapie oder Psychoanalyse durchführten; Verhaltenstherapeuten und andere therapeutische Richtungen waren hingegen unterrepräsentiert. Aus diesem Grund sind die Ergebnisse nicht repräsentativ, sie geben aber dennoch Einblick in die Probleme, die sich im Rahmen von SE ergeben können.

Laireiter fand drei Problembereiche, nämlich Rahmenbedingungen, Durchführung und Ergebnisse von SE, wobei die Befragten durch problematische Rahmenbedingungen deutlich stärker belastet wurden als durch die anderen beiden Bereiche. Bei den Rahmenbedingungen erwiesen sich die hohen Therapiekosten als höchste Belastung. Mehrfachbeziehungen und Rollenüberlappungen zu Lehrtherapeuten, die sich daraus ergaben, dass Lehrtherapeuten zugleich Mitglieder der Ausbildungseinrichtung, Supervisoren oder Kollegen der Absolventen waren, wurde ebenfalls negativ bewertet. Unangenehm waren vielen Befragten außerdem die permanente Beurteilung ihrer Eignung als Psychotherapeut, Abhängigkeitsgefühle, die Therapiepflicht und der Umstand, dass sie das Ende der SE nicht selbst bestimmen durften. Im Bereich der Durchführung klagten die Absolventen vor allem über unklare oder fehlende Therapieziele, belastende Inhalte, Kunstfehler der Lehrtherapeuten und Zweifel am eigenen therapeutischen Können. Die Belastungen und unerwünschten Effekte traten allerdings fast nur in den Ausbildungstherapien, äußerst selten hingegen in anderen SE auf, die vor oder nach der Ausbildungstherapie absolviert wurden.

Anhand der eigenen und anderen Studien schätzt Laireiter, dass in circa 20 Prozent der SE unerwünschte Erfahrungen gemacht werden, die die Absolventen als kränkend, verletzend, unprofessionell oder inakzeptabel empfinden; dazu zählen beispielsweise emotionaler, sexueller oder Machtmissbrauch durch den Lehrtherapeuten, Indoktrination, Vertraulichkeitsprobleme sowie kaltes, abweisendes oder kritisierendes Therapeutenverhalten. Bei circa zehn Prozent der SE kommt es zu negativen Effekten, die als problematisch oder schädigend erlebt werden. Als Beispiele sind eine Zunahme psychopathologischer Probleme beim Absolventen, Verfehlung von Therapiezielen, Beziehungsstörungen, Verunsicherung und Selbstwertprobleme zu nennen.

Absolventen fühlen sich nicht verstanden
Derartige Probleme dürften bei längeren und die Persönlichkeit des Absolventen fokussierenden SE häufiger auftreten als bei solchen, die stärker auf Problemlösung ausgerichtet sind. Außerdem tragen vermutlich jüngere, unerfahrene Lehrtherapeuten und solche, die der Gestaltung der Therapeut-Klient-Beziehung wenig Aufmerksamkeit schenken beziehungsweise diese nicht befriedigend handhaben, häufiger zu negativen Ergebnissen bei.

Sowohl negative Erfahrungen als auch negative Effekte führen dazu, dass die Absolventen sich nicht verstanden fühlen, gehemmt sind, ihr Vertrauen zum Lehrtherapeuten verlieren und sich aufgrund des Therapiezwangs bei Grenzüberschreitungen des Lehrtherapeuten oder anderen Schwierigkeiten hilflos fühlen.

Dennoch sollten die Folgen problematischer oder misslungener SE nicht unterschätzt werden. „Viele Befunde aus der Literatur weisen darauf hin, dass wenig ergiebige Eigentherapien mit deutlichen Defiziten in der therapeutischen Kompetenz und Effektivität ihrer Absolventen assoziiert sind“, meint Laireiter. Beispielsweise zeigte eine Studie, dass Absolventen, die unter den Problemen ihrer Lehranalysen und den Schwierigkeiten mit ihren Lehranalytikern längere Zeit stark litten, diese nur schwer bewältigten und später häufiger Konflikte mit Klienten erlebten oder ihre Freude an der Arbeit verloren. Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass Therapeuten, die in ihren Eigenanalysen Opfer sexueller, emotionaler oder Machtmissbrauchserfahrungen geworden waren, später als Therapeuten selbst häufiger derartige ethische Vergehen begingen.

Laireiter fordert daher, dass die gesamte Profession das Problem und dessen Bedeutung für die Ausbildung und Sicherung der Ausbildungsqualität ernst nimmt und effektive Maßnahmen zu seiner Kontrolle und Verhinderung ergreift. Außerdem sollte die generell positive Sichtweise von SE in der Profession durch eine differenziertere Perspektive ersetzt werden. Verbesserungen sollten in erster Linie an den Rahmenbedingungen ansetzen, vor allem an den hohen Kosten, der ständigen Eignungsbeurteilung sowie an den fachlichen und menschlichen Qualitäten der Lehrtherapeuten. Solange der Nutzen von SE für die Ausbildung in Psychotherapie noch nicht schlüssig bewiesen beziehungsweise immer noch umstritten ist, sind auch Sinn und Notwendigkeit der Zwangsverpflichtung zu ihrer Absolvierung zu hinterfragen. Für die Qualitätssicherung von SE sind aber vor allem mehr Untersuchungen zu Wirkungen und Nebenwirkungen erforderlich.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Ass.-Prof. Dr. Anton-Rupert Laireiter, Institut für Psychologie, Universität Salzburg,
Hellbrunnerstraße 34, A-5020 Salzburg,
E-Mail: anton.laireiter@sbg.ac.at
Dipl.-Psych. Hans Lieb, Luitpoldstraße 3–9,
67480 Edenkoben
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1.
Laireiter AR: Negative Effekte von Selbsterfahrung und Eigentherapie von TherapeutInnen in der Psychotherapie. In: Märtens M, Petzold H: Therapieschäden. Mainz: Grünewald 2002; 384–412.
2.
Laireiter AR: Negative Erfahrungen und Effekte in Eigen- und Lehrtherapien von Psychotherapeuten. Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie 2003; 51(3): 245–64.
3.
Lieb H: Was bewirkt Selbsterfahrung? In: Lieb H: Selbsterfahrung für Psychotherapeuten. Göttingen: Verlag für Angewandte Psychologie 1998; 223–68.
1. Laireiter AR: Negative Effekte von Selbsterfahrung und Eigentherapie von TherapeutInnen in der Psychotherapie. In: Märtens M, Petzold H: Therapieschäden. Mainz: Grünewald 2002; 384–412.
2. Laireiter AR: Negative Erfahrungen und Effekte in Eigen- und Lehrtherapien von Psychotherapeuten. Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie 2003; 51(3): 245–64.
3. Lieb H: Was bewirkt Selbsterfahrung? In: Lieb H: Selbsterfahrung für Psychotherapeuten. Göttingen: Verlag für Angewandte Psychologie 1998; 223–68.

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