ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2008Reihe Internationale Psychotherapie: Spanien – Wer es sich leisten kann, sucht eine private Praxis auf

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Reihe Internationale Psychotherapie: Spanien – Wer es sich leisten kann, sucht eine private Praxis auf

Sonnenmoser, Marion

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Spanier begegnen der Psychotherapie mit wenig Vorurteilen. Das kostenlose staatliche Versorgungsangebot wird der großen Nachfrage jedoch kaum gerecht.

Die Psychologie hat in Spanien eine lange Tradition, denn sie nahm ihre Anfänge bereits in der Renaissance. Als Väter der Psychologie gelten Juan Luis Vives und Huarte de San Juan, die im 16. Jahrhundert lebten. Die moderne Psychologie entwickelte sich in Spanien zeitgleich mit anderen westlichen Ländern ab dem 19. Jahrhundert. Damals setzten sich spanische Wissenschaftler vor allem mit experimentellen Methoden, physiologischen Entdeckungen und den Arbeiten von Hermann von Helmholtz, Gustav Theodor Fechner und Wilhelm Wundt auseinander. 1902 wurde der erste Lehrstuhl für experimentelle Psychologie an der Universität Madrid eingerichtet. Bis in die 30er-Jahre entwickelte sich die wissenschaftliche Psychologie in Spanien rasch, wurde dann aber durch den spanischen Bürgerkrieg (19361939) und den Zweiten Weltkrieg (19391945) beeinträchtigt. In den 50er-Jahren nahm man die experimentelle und empirische Forschung wieder auf, besann sich auf die nationalen Errungenschaften in den Bereichen Neurologie und Psychiatrie und beschäftigte sich zunehmend mit praktischen Anwendungen.

Heute hat die Psychologie nicht nur als wissenschaftliche Disziplin, sondern auch durch ihre zahlreichen Anwendungsgebiete einen wichtigen und angesehenen Stellenwert in der spanischen Gesellschaft. Das trifft auch auf die Psychotherapie zu. Wie eine Umfrage im Auftrag des spanischen Psychologenverbandes Colegio Oficial de Psicólogos mit 1 523 Personen in 17 spanischen Provinzen zeigte, ist die Grundeinstellung der Spanier gegenüber Psychologie, Psychotherapie und anderen psychologischen Dienstleistungen ausgesprochen positiv. Psychologen haben fast einen so hohen sozialen Status wie Ärzte und werden weithin akzeptiert.

Das Fach Psychologie kann an rund 20 Universitäten des Landes studiert werden. Der erfolgreiche Abschluss eines vier- bis fünfjährigen Studiums erlaubt es, als allgemeiner Psychologe zu praktizieren. Um als klinischer Psychologe oder Psychotherapeut zugelassen zu werden, müssen ein schriftliches Examen bestanden und eine dreijährige, praktische Weiterbildung in Kliniken, Gesundheitszentren oder anderen Einrichtungen absolviert werden. Die theoretische Orientierung an Universitäten und Weiterbildungsinstituten ist vorwiegend kognitiv-behavioral ausgerichtet. In Spanien dürfen auch Psychiater Psychotherapie anbieten und haben traditionell eine psychoanalytische Ausbildung; nur wenige praktizieren jedoch Psychoanalyse oder psychodynamische Verfahren.

Unübersichtliches Angebot im privaten Sektor
Psychologen sind in Spanien in vielen verschiedenen Bereichen tätig, etwa in sozialen Diensten, in der Industrie, im Verkehrswesen, in Bildung und Unterricht oder im klinischen Bereich. Viele Psychologen und Psychotherapeuten sind Mitglieder von Berufsverbänden, zu denen die Psychotherapeutenvereinigung Federación Española de Asociaciones de Psicoterapeutas und die Psychologenvereinigung Colegio Oficial de Psicólogos zählen. In Spanien gibt es viele junge, weibliche klinische Psychologen und Psychotherapeuten, für die es besonders attraktiv ist, im privaten Sektor zu arbeiten; rund die Hälfte von ihnen ist selbstständig oder freiberuflich tätig. Aus diesem Grund gibt es vor allem in spanischen Städten ein großes, manchmal geradezu unübersichtliches Angebot an privaten Praxen und Kliniken. Um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten und eine Nische im Markt zu besetzen, sind viele Anbieter spezialisiert, beispielsweise auf die Behandlung bestimmter psychischer Erkrankungen, verschiedener Altersgruppen, nach bestimmten Verfahren oder in unterschiedlichen Settings.

Daneben stehen staatliche Gesundheitszentren und Kliniken zur Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung, in denen psychologische, psychiatrische und psychotherapeutische Dienstleistungen ohne Zuzahlung erhältlich sind. Das kostenlose Angebot, die lange Tradition des Fachs und die hohe Akzeptanz mögen Gründe dafür sein, weshalb Psychologie und Psychotherapie in Spanien so populär sind.

Das staatliche Angebot wird der Nachfrage der Bevölkerung nach Beratung und Psychotherapie jedoch kaum gerecht. „Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz und die Zeit zwischen den einzelnen Sitzungen sind lang“, berichten Vicente Caballo von der Universität Granada und Maria Irurtia von der Universität Valladolid. Außerdem werden psychische Probleme in den staatlichen Gesundheitszentren vorwiegend mit Psychopharmaka behandelt, was nicht alle Patienten gutheißen. Aus diesen Gründen ist das staatliche Angebot für viele psychisch erkrankte Spanier nur die zweite Wahl. Wer es sich leisten kann, sucht in einer privaten Praxis oder Klinik Hilfe. Das kostet zwar Geld, aber die Wartezeiten auf eine Therapie und die Zeiten zwischen den Sitzungen sind deutlich kürzer. Außerdem können sich die Patienten für ein bestimmtes Therapieverfahren oder für einen Therapeuten entscheiden, was in staatlichen Einrichtungen selten der Fall ist.

Frau A. (siehe Fallbeispiel) hat aufgrund ihrer finanziellen Situation kaum Geld für eine privat finanzierte Psychotherapie. Sie wird daher zunächst ihren Hausarzt aufsuchen, von dem sie vermutlich Antidepressiva und Sedativa verschrieben bekommt. Da die Behandlung jedoch nicht anschlägt, rät der Arzt ihr, einen privat praktizierenden Psychotherapeuten oder Psychiater aufzusuchen oder überweist sie an ein staatliches Gesundheitszentrum. Sie entscheidet sich für Letzteres und muss dort ihre Probleme einem Psychiater, einem Sozialarbeiter und eventuell auch einem Psychologen schildern; anschließend berät sich das Team und nimmt sie zur Therapie an. Frau A. kann jedoch nicht sofort mit der Therapie beginnen, sondern muss mehrere Wochen oder Monate warten. Zur Überbrückung der Wartezeit verschreibt ihr der Hausarzt Psychopharmaka, aber ihre Symptome verschlechtern sich. Dann endlich kann sie ihre Therapie am staatlichen Gesundheitszentrum beginnen. Ein Psychiater behandelt sie und verschreibt ihr ebenfalls Psychopharmaka; in der Regel kommt Psychotherapie zu kurz. Wenn diese Therapie nicht fruchtet, muss Frau A. sich selbst helfen. Sie kann zum Beispiel Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe aufnehmen oder sich in einer privaten Praxis oder Klinik vorstellen und darauf hoffen, dass ihre Krankenversicherung oder ihr Arbeitgeber einen Teil der Kosten übernimmt. Die Krankenversicherungen in Spanien nehmen jedoch nur zögerlich psychotherapeutische Leistungen in ihre Kataloge auf, und es ist damit zu rechnen, dass krankenkassenfinanzierte Behandlungen qualitativ und quantitativ minderwertiger sind als privat finanzierte.

Patienten, die sich private Psychotherapie leisten können, werden vorwiegend mit kognitiv-behavioralen Verfahren behandelt. Andere Verfahren wie etwa systemische, psychodynamische oder Gestalttherapie sind eher die Ausnahme. Die Therapie findet üblicherweise in Einzelsitzungen statt; Gruppentherapie wird nur bei bestimmten Erkrankungen wie Ess-, Spiel- oder Alkoholsucht eingesetzt. Ist die soziale Umgebung des Patienten für seine Probleme mitverantwortlich, wie im Fall von Frau A., dann werden auch Gespräche mit Familienmitgliedern sowie Paar- und Familientherapie angeboten.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Vicente Caballo, Faculty of Psychology, University of Granada, 18071 Granada, Spain, E-Mail: vcaballo@ ugr.es
PD Dr. Ricardo Diaz Sanchez, Grupo Audit, Gran via del Turia 49, 46005 Valencia, Spain


Fallbeispiel
Frau A. (30), verheiratet, leidet unter Depressionen und Ängsten. Sorgen bereiten ihr außerdem gewaltsame Ehestreitigkeiten, finanzielle Probleme, Auseinandersetzungen mit den Eltern und der Schwiegermutter sowie Verhaltensauffälligkeiten ihrer beiden Kinder. Der zehnjährige Sohn spricht kaum, erbringt ungenügende Schulleistungen und lehnt Hilfe bei den Hausaufgaben ab. Die achtjährige Tochter ist kontaktscheu, wird von anderen zurückgewiesen und möchte nicht mehr zur Schule gehen.
1.
Caballo V, Irurtia M: Analysis of the clinical case from Spanish perspective. Journal of Clinical Psychology 2007; 63(8): 777–84. MEDLINE
2.
Yela M: Spain. In: Gilgen A, Gilgen C: International handbook of psychology. London: Aldwych 1987; 440–60.
3.
Sanchez R, Contri G, Pardo I: Spanish psychologists and the labor market. In: Schorr A, Saari S: Psychology in Europe. Bern: Hogrefe und Huber 1995; 111–24.
4.
Sanchez R, Contri G, Pardo I: Defining a modern phenomenon: Psychologists in Spanish society. In: Schorr A, Saari S: Psychology in Europe. Bern: Hogrefe und Huber 1995; 239–59.
1. Caballo V, Irurtia M: Analysis of the clinical case from Spanish perspective. Journal of Clinical Psychology 2007; 63(8): 777–84. MEDLINE
2. Yela M: Spain. In: Gilgen A, Gilgen C: International handbook of psychology. London: Aldwych 1987; 440–60.
3. Sanchez R, Contri G, Pardo I: Spanish psychologists and the labor market. In: Schorr A, Saari S: Psychology in Europe. Bern: Hogrefe und Huber 1995; 111–24.
4. Sanchez R, Contri G, Pardo I: Defining a modern phenomenon: Psychologists in Spanish society. In: Schorr A, Saari S: Psychology in Europe. Bern: Hogrefe und Huber 1995; 239–59.

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