ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2008Pathologisches Glücksspiel: Ein Glückstreffer genügt, um unglücklich zu werden

WISSENSCHAFT

Pathologisches Glücksspiel: Ein Glückstreffer genügt, um unglücklich zu werden

PP 7, Ausgabe September 2008, Seite 419

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Ob es sich um eine Verhaltensstörung, Impulskontrollstörung oder eine nicht stoffgebundene Sucht handelt, ist noch nicht entschieden. Angewandt werden multimodale und integrative Behandlungskonzepte.

Ernsthafte Probleme mit dem Glücksspiel beginnen oft mit einem Anfangserfolg, also einem kleinen oder größeren Gewinn bei Roulette, Pferdewetten, Karten- und Würfelspielen, Lotterien, Börsenspekulationen oder am Geldspielautomaten. Der Gewinn löst anregende, euphorische Gefühle aus, die der Einsteiger gerne wiederholen möchte. So werden aus zufälligen oder gelegentlichen Teilnahmen bald schon regelmäßige. In der anfänglichen „Gewinnphase“ ist das Glücksspiel auf die Freizeit beschränkt, und Verluste können noch ausgeglichen werden. Wird das Spielen jedoch intensiviert, tritt der Spieler in die „Verlustphase“ ein. Er benötigt dann immer höhere Einsätze und Gewinne, um Gewöhnungseffekte auszugleichen, und beschafft sich Geld über Angehörige oder Kredite. In Gedanken beschäftigt er sich ständig mit dem Spielvorgang und verspürt einen intensiven Spieldrang. Das Spielen beansprucht immer mehr Zeit und beherrscht bald die gesamte Lebensführung, wird aber verheimlicht. Versuche, das Spielen zu kontrollieren, weniger zu spielen oder damit aufzuhören, führen zu innerer Unruhe und Reizbarkeit. Obwohl der Bezug zum realen Geldwert allmählich verloren geht, ist eine gewisse Kontrolle über das Spielverhalten noch vorhanden. In der „Verzweiflungsphase“ hat der Spieler die Kontrolle schließlich ganz verloren. Er ist stark psychisch abhängig vom Spielen, verspielt alles verfügbare Geld und spielt trotz Problemen in Partnerschaft und Ehe, Ausbildung und Beruf weiter. Geld wird um jeden Preis beschafft, auch durch Straftaten, die Schuldenberge wachsen, und Aufhörversuche scheitern regelmäßig. Der völlige finanzielle und soziale Ruin ist dann nur noch eine Frage der Zeit.

Damit eine Spielerkarriere pathologische Züge annimmt, müssen bestimmte Charakteristika des Glücksspiels und des Spielers zusammentreffen. Beim Glücksspiel ist entscheidend, dass es sich unmittelbar positiv auf die physiologische, emotionale und mentale Verfassung des Spielers auswirkt. Spielformen mit einer raschen Spielabfolge erzielten die größte Wirkung, weil sie für eine schnell ablaufende Stimulation und für ein rasches Vergessen von Missstimmungen sorgen. Geldspielautomaten (sogenannte einarmige Banditen) erfüllen diese Bedingungen besonders gut. Daher werden sie für Einsteiger am häufigsten zum Problem, gefolgt von Kasinospielen sowie Karten- und Würfelspielen. Lotterien sind hingegen verhältnismäßig ungefährlich. Gefährdet sind vor allem Personen, die Ablenkung und Entspannung suchen, Probleme vergessen oder sich in eine Fantasiewelt flüchten wollen. Das Bedürfnis nach Abwechslung und Risiko (sensation seeking) macht ebenfalls anfällig für die Spielleidenschaft. Bei Spielern ist häufig auch ein generelles Problem im Umgang mit Geld zu beobachten, das meistens schon viel früher bestand. Ausschlaggebend ist darüber hinaus ein irrationaler Denkstil, der sich darin äußert, dass die Betroffenen größere persönliche Einflussmöglichkeiten auf das Glücksspiel annehmen, als dies objektiv der Fall ist. Sie glauben, dass es durch Ausdauer, Wissen und Geschicklichkeit möglich ist, mit Glücksspielen Geld zu verdienen und dass sie im Gegensatz zu anderen Personen fähig sind, erfolgreich zu sein. „Pathologische Glücksspieler verzerren zudem die Ergebnisse, da sie Gewinne der eigenen Kompetenz zuschreiben, Verluste hingegen auf nicht beeinflussbare, äußere Umstände zurückführen“, erklärt der Psychologe Dr. Jörg Petry von der Psychosomatischen Fachklinik Münchwies. Darüber hinaus disponieren impulsive, dissoziale oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen, manische Episoden und verschiedene psychiatrische Störungen für das pathologische Glücksspiel. Im Hinblick auf demografische Merkmale sind junge Männer im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, die bereits im Jugendalter mit dem Spielen angefangen haben, besonders anfällig.

Ob es sich beim pathologischen Glücksspiel um eine Verhaltensstörung, Impulskontrollstörung oder eine nicht stoffgebundene Sucht handelt, ist noch nicht entschieden. Da jedoch viele Symptome wie bei stoffgebundenen Süchten ausgeprägt sind, wird häufig von „Glücksspielsucht“ gesprochen; solche Symptome sind beispielsweise Kontrollverlust, Gewöhnung, Dosissteigerung, Entzugserscheinungen und Unfähigkeit zur Abstinenz. Dementsprechend ähnelt die psychotherapeutische Behandlung von Spielern auch einer Suchttherapie, beispielsweise für Alkoholiker. Da es die Therapie bei Spielsucht nicht gibt, werden am häufigsten multimodale und integrative Behandlungskonzepte angewandt.

Verleugnung, Scham- und Schuldgefühle
Die Therapie gliedert sich in eine Kontakt- und Motivationsphase, eine ambulant oder stationär durchgeführte Entwöhnungsphase und eine Nachsorgephase. In der Kontakt- und Motivationsphase geht es darum, dass der Betroffene seine Sucht als Krankheit akzeptiert und bereit ist, Hilfe anzunehmen. Dies ist nicht selbstverständlich, da Spielsüchtige ihre Probleme häufig verleugnen oder von starken Scham- und Schuldgefühlen beherrscht werden. Selbsthilfegruppen und Suchtberatungsstellen spielen daher bei der Kontaktaufnahme eine maßgebliche Rolle. Ist die Behandlungsmotivation hergestellt, besteht das primäre Therapieziel zunächst in Symptomabstinenz. Sie kann erreicht werden, indem das Spielverhalten analysiert und negative wie positive Folgen herausgearbeitet werden. In der nun folgenden Entwöhnungsphase werden Ursachen und Hintergründe der Krankheitsentwicklung aufgearbeitet. Damit sollen die Krankheitseinsicht gefördert und der Wille zur Abstinenz gefestigt werden. In dieser Therapiephase können jedoch verschiedene Probleme auftreten. So versuchen die Patienten beispielsweise, von ihren Schwierigkeiten abzulenken und die Schuldenhöhe und -regulierung in den Mittelpunkt zu rücken. Sie sind außerdem schwer zu erreichen, bleiben innerlich distanziert, neigen zum Intellektualisieren und übernehmen in Gruppen gern die Rolle des Kotherapeuten. Darüber hinaus fällt es ihnen oft schwer, ihre innere Befindlichkeit wahrzunehmen. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Geld im Alltag unentbehrlich ist und der Spieler damit immer wieder in Kontakt kommt. Da es keine Technik gibt, um den Wunsch oder Impuls zum Spielen zu unterdrücken, hat der Spieler nur die Möglichkeit, willentlich darauf zu verzichten. Um diesen Willen zu stärken, bieten sich Kosten-Nutzen-Analysen an, bei denen der Spieler Nutzen und Folgekosten des Spielens auf verschiedenen Ebenen gegeneinander abwägt. Neben der Therapie muss die soziale und berufliche Perspektive geklärt werden, was ebenfalls mit Problemen einhergehen kann, da Angehörige und Arbeitgeber oft misstrauisch oder wütend sind, weil der Betroffene zuvor eventuell Konten geplündert, Schecks gefälscht, Besitz veräußert, Geld unterschlagen oder gestohlen hat, um seine Spielsucht zu finanzieren.

Die Entwöhnung von pathologischen Spielern gilt als zäher Prozess, bei dem Störungen und Rückschläge eher die Regel als die Ausnahme sind. Im ambulanten Bereich ist die Fluktuation zudem oft extrem hoch, und Abbrüche gehören zur Tagesordnung. Dennoch sollte in der Therapie an vorhandene Selbstkontrolltechniken und Ressourcen angeknüpft werden. Außerdem sollten die finanzielle Situation berücksichtigt und die Familie der Betroffenen frühzeitig eingebunden werden. „Die Behandlung sollte in Gruppen stattfinden, und ein besonderes Augenmerk ist auf die Rückfallprophylaxe zu richten“, sagen Prof. Dr. Gerhard Meyer von der Universität Bremen und Dr. Meinolf Bachmann von der Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh. Eine medikamentöse Therapie ist mangels kontrollierter Studie zurzeit nicht zu empfehlen, es können jedoch SSRI unterstützend eingesetzt werden.

Therapiekosten müssen selbst getragen werden
In der Nachsorgephase geht es schließlich darum, die Abstinenzmotivation zu stabilisieren. Hierfür eignen sich besonders Besuche von Therapie- und Selbsthilfegruppen, aber auch die Familie der Betroffenen kann Unterstützung leisten. Da Glücksspielsucht nicht als psychische Erkrankung anerkannt ist, müssen die Therapiekosten selbst getragen beziehungsweise muss deren Übernahme mit den verschiedenen Versicherungsträgern (Kranken- oder Rentenversicherung) ausgehandelt werden.

Anlaufstellen für Spielsüchtige sind hauptsächlich Selbsthilfegruppen, Ambulanzen von Hochschulkliniken und spezialisierten Fachkliniken sowie Beratungsstellen sozialer und kirchlicher Träger. Zudem wurden kürzlich im Rahmen des Bundesmodellprojekts „Frühe Intervention beim pathologischen Glücksspiel“ 16 Hochschulkliniken mit Fördermitteln ausgestattet und als Beratungsstellen für Patienten mit Glücksspielabhängigkeit und deren Angehörige benannt. Auch hier finden Betroffene in sogenannten Suchtsprechstunden Beratung und therapeutische Hilfe. Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Dipl.-Psych. Dr. Jörg Petry, Psychosomatische Fachklinik Münchwies, Turmstraße 50–58, 66540 Neunkirchen, E-Mail: jpetry@ahg.de
Dipl.-Psych. Prof. Dr. Gerhard Meyer, Institut für Psychologie und Kognitionsforschung, Grazer Straße 4, 28359 Bremen, E-Mail: gerhard.meyer@ uni-bremen.de
Dipl.-Psych. Dr. Meinolf Bachmann, Bernhard-Salzmann-Klinik Gütersloh, Im Füchtei 150, 33334 Gütersloh

Informationen und Ansprechpartner:
Suchtsprechstunde der Psychiatrischen Poliklinik der Medizinischen Hochschule Hannover, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover, Telefon: 05 11/5 32-31 67
Fachverband Glücksspielsucht: www.gluecksspielsucht.de
Erzbistum Köln, Diözesan-Caritasverband: http://caritas.erzbistum-koeln.de
Glücksspielsucht-Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.spielen-mit-verantwortung.de, Beratungstelefon der BZgA: 08 00/1 37 27 00
Selbsthilfegruppen: www.anonyme-gameholics.de, www.anonyme-spieler.org
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1.
Bühringer G, Türk D: Geldspielautomaten. Freizeitvergnügen oder Krankheitsverursacher? Göttingen: Hogrefe 2000.
2.
Meyer G, Bachmann M: Spielsucht. Ursachen und Therapie. Berlin: Springer 2005.
3.
Petry J: Glücksspielsucht. Göttingen: Hogrefe 2003.
4.
Raylu N, Oei T: Pathological gambling. A comprehensive review. Clinical Psychology Review 2002; 22: 1009–61. MEDLINE
5.
Stöver H: Glücksspiele in Deutschland – eine repräsentative Untersuchung zur Teilhabe und Problemlage des Spielens um Geld. Universität Bremen: Bremer Institut für Drogenforschung 2006.
1. Bühringer G, Türk D: Geldspielautomaten. Freizeitvergnügen oder Krankheitsverursacher? Göttingen: Hogrefe 2000.
2. Meyer G, Bachmann M: Spielsucht. Ursachen und Therapie. Berlin: Springer 2005.
3. Petry J: Glücksspielsucht. Göttingen: Hogrefe 2003.
4. Raylu N, Oei T: Pathological gambling. A comprehensive review. Clinical Psychology Review 2002; 22: 1009–61. MEDLINE
5. Stöver H: Glücksspiele in Deutschland – eine repräsentative Untersuchung zur Teilhabe und Problemlage des Spielens um Geld. Universität Bremen: Bremer Institut für Drogenforschung 2006.

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