ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2008Psychoanalyse/Neurobiologie: Mehr Mut zur Offenheit wünschenswert

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Psychoanalyse/Neurobiologie: Mehr Mut zur Offenheit wünschenswert

PP 7, Ausgabe September 2008, Seite 422

Naumann-Lenzen, Michael

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Dieser Band versammelt die Beiträge einer am Hanse-Wissenschaftskolleg im Februar 2006 durchgeführten Tagung. Er reiht sich ein in die international zu verzeichnende Intensivierung des Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften. Den gleichsam „offiziellen“ Startschuss zu diesem Dialog gab Eric Kandel im Jahr 1999 an prominenter Stelle. Seitdem reißt die Flut der Publikationen an dieser wissenschaftlichen Schnittstelle nicht mehr ab und hat zu einer Rehabilitation wesentlicher psychoanalytischer Positionen in der wissenschaftlichen Community beigetragen. Die Synergieeffekte, die durch den systematischen Abgleich der objektivierenden Darstellung der Neurowissenschaften und der hermeneutischen Befunde der Psychoanalyse entstehen, lassen nunmehr den frühen freudschen Traum einer naturwissenschaftlich basierten Psychoanalyse in greifbare Nähe rücken – auch wenn dies manchen beunruhigen mag.

Das Terrain, auf dem sich wesentliche Impulse dieser Zusammenführung ereignen, ist im Bereich der Traumafolgeforschung angesiedelt. Dies belegt der Band sehr informativ. Das aufgefächerte Spektrum ist reichhaltig und kann hier nur auszugsweise benannt werden: Zunächst werden allgemeine Probleme des interdisziplinären Dialogs erörtert, dann beleuchtet Mark Solms die neuro-psychoanalytische Forschung anhand des Korsakow-Syndroms. Aus Sicht der psychoanalytischen Traumaforschung skizziert Bohleber einige Probleme psychoanalytischer Traumatheorie, anschließend referiert Gullestad zur Dynamik der Dissoziation am Beispiel der multiplen Persönlichkeitsstörung (in neuer Nomenklatur: Dissoziative Identitätsstörung). Aus Sicht der neurobiologischen Traumaforschung folgen vier Beiträge: Sachsse geht der Integration neurobiologischer und psychoanalytischer Ergebnisse in der klinischen Umsetzung nach; Buchheim und Kächele verbinden das Konzept der Bindungstraumatisierung mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung; Markowitsch und Reinhold stellen das Konzept des mnestischen Blockadesyndroms vor; Peter Fonagy diskutiert die Einschränkung der Fähigkeit zur Mentalisierung im Rahmen der Bindungstraumatisierung; schließlich zeigen Lehtonen, Purhonen und Valkonen-Korhonen die „soziobiotopische Einbettung“ der frühen physiologischen Hirnreifung in die gelungene Mutter-Kind-Interaktion. Zum Abschluss wird das Konzept der „Embodied Cognitive Science“ mit dem Konzept der „Spiegelneuronen“' erörtert, um den therapeutischen Rapport mit traumatisierten Patienten zu erhellen.

Auch wenn eine kritische Einschränkung angefügt werden muss, so ist dieser Band dennoch unbedingt zu empfehlen. Zur Kritik: Man hätte sich bei diesem integrativen Unterfangen – mit Ausnahmen (zum Beispiel Sachsse) – an vielen Stellen mehr Mut zu klinisch-methodischer Offenheit und Kombinatorik gewünscht. Gerade eine traumatherapeutische Behandlung benötigt diese dringend – dies ist mittlerweile Goldstandard. Hier kann sich eine, wenn auch neurobiologisch aufgeklärte, psychoanalytische Behandlungsführung als Prokrustesbett erweisen im Hinblick auf den erwünschten kurativen Effekt. Eine neue Variante der sprichwörtlichen „Modifikationen des psychoanalytischen Standardverfahrens“ wird diesen Störungsbildern nicht gerecht. Ein psychoanalytisch-neurobiologisches Grundverständnis allerdings erscheint unerlässlich. Und dies belegt der Band eindrucksvoll.
Michael Naumann-Lenzen

Marianne Leuzinger-Bohleber, Gerhard Roth, Anna Buchheim (Hrsg.): Psychoanalyse · Neurobiologie · Trauma. Schattauer, Stuttgart, New York, 2008, 200 Seiten, gebunden, 39,95 Euro
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