ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2008Psychoanalyse: Den deutschen Blick erweitern

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Psychoanalyse: Den deutschen Blick erweitern

PP 7, Ausgabe September 2008, Seite 424

Habibi-Kohlen, Delaram

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LNSLNS Nachdem bereits vier europäische Auswahlbände des International Journal of Psychoanalysis existieren, ist dieses Kind jetzt auch für den deutschsprachigen Raum aus der Taufe gehoben: Zwei Bände von Gabriele Junkers und ihrem Team liegen nun mit einer gelungenen Textauswahl aus den Jahren 2005 und 2006 vor. ´

Dem Leser wird es damit möglich, den deutschen Blick zu erweitern und sich von den teils kontroversen Beiträgen aus den unterschiedlichsten Ländern und psychoanalytischen Kulturen inspirieren zu lassen. Beide Bände gliedern sich in je drei Teile, den „Themenschwerpunkt“, die „Psychoanalytischen Kontroversen und theoretischen Beiträge“ und einen dritten, variablen Teil (im ersten Band: „Aus der Werkstatt des Analytikers“, im zweiten Band: „Aus der Forschung“). Jeweils ein Beitrag aus dem Themenschwerpunkt gibt dem Band seinen Titel.

Im ersten Band „Verkehrte Liebe“ lautet der von R. Stein, A. Lemma und J.L. Maldonado bearbeitete Themenschwerpunkt „Perversion“. Der Fokus liegt auf der besonderen Art der Objektbeziehung, die der Patient zu etablieren sucht, um Intimität zu zerstören und die Rolle des hilflos-erregt-beschämten Kindes triumphal umzukehren. Alle Autoren betonen die Notwendigkeit des eigenen Affiziert- und Verwickeltseins, um erst in der Entwicklung des „perversen Pakts“ (Stein) die innere Welt des Patienten verstehen zu können.

Im zweiten Teil findet man den engagiert-charmant geführten Diskurs zwischen H. Faimberg und I. Sodré: „Gedankenaustausch über das französische Konzept der Nachträglichkeit“. Im Beitrag „Wessen Bion?“ legen E. O’Shaughnessy, E. Tabak de Bianchedi und A. Ferro ihre Rezeption Bions dar. Der sich anschließende Beitrag von James S. Grotstein „Projektive Transidentifizierung“ zerdehnt den Prozess der projektiven Identifizierung und macht ihn differenzierend neu verständlich.

Im zweiten Band „Schweigen“ bilden „Klinische Herausforderungen“ den Themenschwerpunkt. In berührender Weise verdeutlichen fünf Beiträge, wie „täglich unerschrocken“ wir uns Patienten und uns selbst stellen müssen. Besonders hervorzuheben ist hier S. Purcell, der sich in beachtenswert offener Weise mit zunächst unbewussten masochistisch-erregenden Gegenübertragungsgefühlen auseinandersetzt. E. Ronningstam beleuchtet aufschlussreich die kulturellen Unterschiedlichkeiten im Verständnis des Schweigens.

In „Aus der Forschung“ stellt S. Kaplan ihre beeindruckende Untersuchung zur extremen Traumatisierung von Kindern im Völkermord in Ruanda vor, in der sie mit ihrem Modell des „Affektpropellers“ veranschaulicht, wann auf Rache verzichtet werden kann.

Die ausgewählten Beiträge beider Bände bereichern den Leser nicht nur durch ihre Vielfalt, sondern auch durch ihren Bezug aufeinander. Ein einmal gewebter Faden im einen Band wird im nächsten wieder aufgenommen, wie in den Beiträgen zum après-coup und zu Bion. Man kann so gespannt sein auf den dritten Band, der im Herbst erscheinen wird. Delaram Habibi-Kohlen

Gabriele Junkers (Hg.): Verkehrte Liebe. Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis, Band 1. Edition diskord, Tübingen, 2006, 272 Seiten, kartoniert, 25 Euro
Gabriele Junkers (Hg.): Schweigen. Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis, Band 2. Edition diskord, Tübingen, 2007, 272 Seiten, kartoniert, 25 Euro
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