ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2008Neonatologie: Wie viele Zentren braucht das Land?

POLITIK

Neonatologie: Wie viele Zentren braucht das Land?

Dtsch Arztebl 2008; 105(37): A-1886 / B-1625 / C-1589

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die Leserreaktionen auf zwei Artikel im Deutschen Ärzteblatt spiegeln die Debatte wider, die derzeit unter Neonatologen geführt wird. Es geht um den Sinn von Mindestmengen in der Perinatalmedizin.

Für die Befürworter der Einführung von Mindestmengen in der Neonatologie ist die Sache klar: „Erfahrung und Routine des gesamten Behandlungsteams lassen sich gerade bei der Behandlung von sehr unreifen Frühgeborenen nicht allein durch guten Willen ersetzen“, schreibt etwa Gabriele Lukas, Senatsverwaltung Gesundheit, Berlin. Zwar sei der Aussage von Priv.-Doz. Dr. med. Frank Jochum und Prof. Dr. med. Michael Untch, wonach Quantität allein keine Qualität garantiere (DÄ, Heft 30/2008), schwerlich zu widersprechen – „aber sicher ist auch, dass Qualität ohne Quantität nicht möglich ist“.

Wie auch Prof. Dr. med. Helmut Hummler vom Universitätsklinikum Ulm kritisiert Lukas die von Jochum und Untch zugrunde gelegten Daten. Diese seien „in keiner Weise geeignet, davon zu überzeugen, dass die Qualität in kleineren Einrichtungen genauso gut ist wie in Perinatalzentren“. Hummler stuft die Analyse, bei der die Behandlungsergebnisse der in Berliner Einrichtungen behandelten Frühgeborenen verglichen werden, als methodisch mangelhaft ein, „da eine gemeinsame Datengrundlage nicht gewährleistet ist und keinerlei Korrektur für die wichtigsten Störgrößen (Gestationsalter, Geschlecht) vorgenommen wurde“. Lukas verweist darauf, dass alle Daten von Einrichtungen mit weniger als 20 neonatologischen Betten aus Berliner Kliniken stammten, „die nie einen Versorgungsauftrag für jene Fälle hatten, die in der Untersuchung vorgestellt werden“. Sie dürften demnach nur Notfälle behandeln, bei denen eine rechtzeitige Verlegung in ein Perinatalzentrum nicht mehr erfolgen könne: „Dies hat aber Auswirkungen auf die Risikoselektion.“

Eher pragmatisch beurteilen Prof. Dr. med. Gerhard Jorch und Prof. Dr. med. Dr. h. c. Serban-Dan Costa, Universitätsklinikum Magdeburg, den Ruf nach Mindestmengen in der Perinatalmedizin. Jochum und Untch sei zwar zuzustimmen, wenn sie auf die mangelhafte wissenschaftliche Datenlage und die fragliche Wertigkeit des Qualitätsmerkmals „Mindestzahl“ bei alleiniger Betrachtung verwiesen – „aber wenn wir alle darauf warten wollen, bis stichhaltigere Daten vorliegen, vergehen noch viele Jahre, ohne dass wir eine dringend notwendige Umstrukturierung vornehmen“. Aufwendigst ausgerüstete, mit viel fachkundigem Personal ausgestattete neonatologische Abteilungen in möglichst vielen Krankenhäusern vorzuhalten, sei schlicht zu teuer. Und: „Es wird kein Arzt allen Ernstes behaupten können, dass eine Abteilung mit jährlich fünf bis zehn sehr unreifen Frühgeborenen über die gleiche Expertise verfügt wie eine Klinik, in der jährlich 50 bis 100 solcher Kinder behandelt werden.“ Dabei seien es nicht nur die Ärzte, sondern auch die anderen Mitglieder des Behandlungsteams, auf die es ankomme. Für eine flächendeckende Versorgung reichten 70 bis 80 Perinatalzentren vom Level I völlig aus, meinen Jorch und Costa – zumal Schwangere mit drohender Frühgeburt ohnehin bereits in fast allen Fällen in Geburtskliniken mit Neonatologie verlegt würden. Dies deckt sich mit der Forderung von Dr. med. Andreas Gerber, Prof. Dr. med. Karl Lauterbach und Priv.-Doz. Dr. rer. pol. Markus Lüngen (DÄ, Heft 26/2008).

Dr. med. Lutz Feldhahn und Prof. Dr. med. Manfred Teufel, Klinikum Sindelfingen-Böblingen, teilen hingegen die Meinung von Jochum und Untch, dass die Unterschiede in der Versorgungsqualität zwischen großen und kleinen Kliniken nicht signifikant seien. Diese Aussage gelte auch für den Flächenstaat Baden-Württemberg: „Wir sind der Ansicht, dass vor weiteren Veränderungen der Versorgungsstruktur zunächst die Auswirkungen der bisherigen G-BA-Beschlüsse abgewartet werden sollten.“ Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hatte 2005 einen noch heute gültigen Beschluss gefasst, der die neonatologische Versorgung anhand von Strukturmerkmalen in vier Stufen festlegt. Dabei wurde auf das Heranziehen des sekundären Qualitätsindikators „Fallzahlen“ wegen der schlechten Datenlage verzichtet.

Eine Analyse der Versorgung von Frühgeborenen aus rein ökonomischer Sicht zu führen, wie es Gerber et al. tun, hält Prof. Dr. med. Harald Haupt, Chefarzt in Rente, Duisburg, für berechtigt. Davor sollte allerdings immer eine medizinische Beurteilung der Situation stehen, meint er: „An erster Stelle muss immer gefragt werden, auf welche Art und Weise die Kinder am wirkungsvollsten behandelt werden können.“
Jens Flintrop
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