ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2008Medizingeschichte: Enthumanisierung am Beispiel der Charité

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Medizingeschichte: Enthumanisierung am Beispiel der Charité

Jütte, Robert

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Sabine Schleiermacher, Udo Schagen (Hg.): Die Charité im Dritten Reich. Zur Dienstbarkeit medizinischer Wissenschaft im Nationalsozialismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2008, 272 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
Sabine Schleiermacher, Udo Schagen (Hg.): Die Charité im Dritten Reich. Zur Dienstbarkeit medizinischer Wissenschaft im Nationalsozialismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2008, 272 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
Von den 20 Angeklagten, denen im Nürnberger Ärzteprozess „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vorgeworfen wurden, gehörten sieben der Berliner Medizinischen Fakultät und der Charité an, zwei weitere hatten sich der Verantwortung durch Selbstmord entzogen. Dass diese Personengruppe nur die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“ bildete, macht jetzt ein lesenswerter Aufsatzband klar, der die Enthumanisierung der Medizin im Dritten Reich am Beispiel der Charité nachzeichnet.

Es war nicht nur die geografische Nähe zum nationalsozialistischen Machtzentrum, die die damaligen Mitglieder der Berliner Medizinischen Fakultät besonders anfällig für die Vereinnahmung machte, nicht wenige der dort lehrenden Professoren hatten auch sehr enge persönliche Beziehungen zu den Machthabern, so zum Beispiel der Gynäkologe Walter Stoeckel (1871–1961), der die Kinder Goebbels entband und mehrfach die Gelegenheit hatte, Hitler im privaten Kreis zu treffen. Noch vor Inkrafttreten des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurde an der Charité das gesamte „jüdische“ Personal im vorauseilenden Gehorsam beurlaubt. Insgesamt 160 Mitgliedern des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät wurde 1933 und in den Folgejahren die Lehrbefugnis entzogen, oder sie wurden aus dem Arbeitsverhältnis entlassen.

Eine Liste der Betroffenen mit einer Kurzvita hat einer der Mitherausgeber, Udo Schagen, in diesem Band zusammengestellt – eine späte, aber höchst notwendige Form der Wiedergutmachung. Widerstand hat es so gut wie nicht gegeben, sieht man von dem Pharmakologen Otto Krayer (1899–1982) ab, der es 1933 aus Gewissensgründen ablehnte, den durch Beurlaubung frei gewordenen Lehrstuhl eines jüdischen Wissenschaftlers zu übernehmen. Auch der berühmte Chirurg Sauerbruch, der sich für einige seiner jüdischen Schüler einsetzte, war keine reine Lichtgestalt, wie in diesem Band gezeigt wird: im Gegenteil.
Robert Jütte
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