ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2008Trauer: Eine Chance vertan

KULTUR

Trauer: Eine Chance vertan

Dtsch Arztebl 2008; 105(37): A-1915 / B-1645 / C-1609

Schuler, Ulrich

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Ulla Berkéwicz: Überlebnis. 2. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008, 239 Seiten, kartoniert, 14,80 Euro
Ulla Berkéwicz: Überlebnis. 2. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008, 239 Seiten, kartoniert, 14,80 Euro
Schon der Titel lädt zum Nachsinnen ein: „Überlebnis“, das Erlebnis des Überlebens. In einem schmalen Band verarbeitet Ulla Berkéwicz den Tod „des Mannes“, der unschwer als ihr Ehemann, als Siegfried Unseld, zu erkennen ist. Reich an Beobachtungen, stimmigen Bildern, Wortschöpfungen und Wortspielen fesselt das Buch, bald jedoch stellt sich ein schaler Beigeschmack ein. Der „Tod hat es ihr angetan“, doppeldeutig und so sehr, dass sie sich von der eigenen Bedeutungsschwere ob des Themas erschlagen lässt.

Früh mischen sich Realität und Fiktion, etwa wenn ihr der Chirurgen-Vater erlaubt, das schlagende Herz eines jungen Menschen zu berühren. Wenn es dann um das Leiden „des Mannes“ geht, entstehen Szenarien des Medizinbetriebs, die reale Krankenhausmissstände in fiktionaler Überhöhung um Längen übertreffen. Gerade angesichts des Prominentenstatus „des Mannes“ kann man sich kaum vorstellen, dass dies auch nur annähernd erlebte Realität war. Wenn der „Fascho“-Pfleger existiert, ist er ein Fall für die Staatsanwaltschaft, nicht für die literarische Bearbeitung. Ärzte und Pfleger misshandeln, brüllen, beleidigen, lesen Pornos. Mord wird insinuiert. Als „der Mann“ verstorben ist, hört Berkéwicz in den Medien „Adjektive rollen, um den Mann zu treffen, hörte sie an seiner großen Gestalt vorbeischeppern“. Schon vorher scheppern die Worte der Autorin an der Realität nicht nur der Arbeitssituation von Pflegenden einer Intensivstation vorbei.

Der einzige akzeptierte Heiler ist kein Schulmediziner. Er wird mit nahezu magischem Ritual angerufen („Alik, Alka, Alika, Aljosha“) und verfügt über „Rezepturen aus der Vorzeit, als noch kein Mensch gestorben war“. Die Schicksalhaftigkeit eines Sterbens mit 78 Jahren ist im Kontext nicht vorgesehen. Wird hier wirklich ein Füllhorn von Weisheit von Kabbala bis Rishis (. . . was, die kennen Sie nicht?) ausgeschüttet, oder ist es nur Wichtigmacherei, philosophisches „name dropping“?

Man beginnt, abwehrende Gegenpositionen zu formulieren und wird fündig. Ist wirklich alles im Leben vergeblich, was in Vergessenheit gerät, wie an einer Stelle behauptet wird? Das Lächeln für den Briefträger, das Spiel der Kinder? Den „Rishis“ (zur Information des Lesers: Das sind Weise oder Seher im Hinduismus) wäre Achtsamkeit für solche Kleinigkeiten sicher zu Recht ein Wert gewesen. Wer in permanenter Selbstinszenierung lebt, verrät sich an solchen und anderen Stellen (zum Beispiel Christusmal an der eigenen Hand, Usurpation der „Todesfuge“). Heißt es nun „Wie soll richtig gelebt werden, wenn so falsch gestorben wird“, oder ist es nicht gerade anders herum? Wie soll gestorben werden in menschlicher Kleinheit und Bescheidenheit, wenn so egomanisch gelebt wird? Eigentlich schade, dass es die Hypertrophie und diese unreflektierten Horrorszenarien unmöglich machen, dieses Buch Patienten zu empfehlen. Es finden sich so viele Perlen darin. „Der Schlaf, der alles an sich reißt und alles leugnet, die Not genauso wie das Glücksgesicht.“ Oder vor allem: Der Blick durch den Spalt nach Belavodje, ein Spalt, der im Sterben und in der Liebe aufreißt und einen kurzen Blick in andere Wirklichkeiten ermöglicht. Ein Bild, das in anderem Kontext viele Menschen hätte trösten können. Chance vertan. Ulrich Schuler
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