ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2008Medizinische Biometrie: Anwendbarkeit erleben
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Arbeit in Kleingruppen – im Seminar werden verschiedene Bereiche der Statistik erarbeitet, etwa Grundprinzipien klinisch-therapeutischer Studien. Fotos: Friedrich Pahlke
Arbeit in Kleingruppen – im Seminar werden verschiedene Bereiche der Statistik erarbeitet, etwa Grundprinzipien klinisch-therapeutischer Studien. Fotos: Friedrich Pahlke
Das Lübecker Konzept für die Lehre „Medizinische Biometrie“ sollte die Motivation der Medizinstudierenden für das in der Regel ungeliebte Fach steigern. Die ersten Erfahrungen sind positiv.

Lehrveranstaltungen im Querschnittsfach Q1 „Epidemiologie, medizinische Biometrie und medizinische Informatik“ zählen selten zu den beliebten Lehrveranstaltungen. Die geringe Motivation führt nicht nur dazu, dass Studierende und Lehrende wenig Spaß an der Veranstaltung haben. Auch der Lernerfolg wird erheblich beeinträchtigt. Dies ist umso bedauerlicher, weil etwa 90 Prozent der praktizierenden Ärzte meinen, dass ein besseres Verständnis der Biometrie für sie wichtig sei.

Ein Grund für die geringe Attraktivität ist, dass es keine kurativen medizinischen Aspekte beinhaltet. Ein weiterer Faktor liegt in der Art, wie dieses Fach vielerorts unterrichtet wird. Im Teil „Medizinische Biometrie“ wird meist eines der folgenden Konzepte verfolgt: Klassisch wird als Vorlesung mit ergänzender Übung auf die Prüfung nach der alten Approbationsordnung vorbereitet; moderner werden die Konzepte der neuen Approbationsordnung berücksichtigt und zusätzlich evidenzbasierte Medizin unterrichtet. Durch die größere Praxisrelevanz führt die zweite Variante zu einer deutlich höheren Motivation bei den Studierenden. Allerdings ist im ersten klinischen Studienjahr das für das Verständnis der evidenzbasierten Medizin erforderliche Problembewusstsein oft noch nicht ausgeprägt.

Nach der neuen Approbationsordnung stellt das Seminar die bevorzugte Lehrform dar. Dabei ist es das Ziel des Unterrichts im Querschnittsfach Q1, die Studierenden zur kritischen Beurteilung des eigenen Handelns, zur kritischen Anwendung fremder Empfehlungen, zur systematischen Dokumentation und zum Umgang mit modernen Werkzeugen der Informationstechnologie im Rahmen der Berufsausübung zu befähigen. Die direkte Anwendbarkeit der Lerninhalte der Medizinischen Biometrie kann dabei auf unterschiedliche Weise sichergestellt werden. Unserer Erfahrung nach ist eine Einführung in evidenzbasierte Medizin erst dann sinnvoll, wenn die Lernenden in ihrer Ausbildung so weit fortgeschritten sind, dass sie mit der klinischen Praxis vertraut sind. Da noch immer die meisten Studierenden eine Promotion anstreben, kann daher alternativ der Unterricht in Biometrie so umgestaltet werden, dass die Studierenden optimal auf ihre eigene Forschungsarbeit sowie die Beurteilung fremder Studien vorbereitet werden. Entsprechend gründet sich der Lübecker Kurs mit neuen Lernzielen auf folgende Eckpunkte:

1. Freie Wahl des Zeitpunkts. Die Unabhängigkeit vom Studienjahr wird dadurch ermöglicht, dass Kurse als Blockveranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit angeboten werden. Verpflichtend ist eine Teilnahme während des Semesters erst im fünften Studienjahr.
2. Vermittlung statistischer Grundlagen. Die für eine eigene Forschungsarbeit notwendigen statistischen Grundlagen werden anhand eines Skripts vermittelt.
3.­ Computernutzung im Kurs. Während des Kurses werden die erlernten theoretischen Kenntnisse auf die Anwendung eines Statistikprogramms (SPSS) übertragen.
4. Projektarbeit im Kurs. Unterrichtsbegleitend bearbeiten die Studierenden in Kleingruppen ein Forschungsprojekt. Dieses beinhaltet den vollständigen Ablauf einer wissenschaftlichen Arbeit von der Formulierung einer Fragestellung über die Erhebung, Auswertung und Interpretation bis zum Erstellen eines wissenschaftlichen Berichts.

Freies Üben – im Anschluss an den Unterricht haben die Medizinstudierenden Gelegenheit, ihre Kenntnisse am Computer zu vertiefen.
Freies Üben – im Anschluss an den Unterricht haben die Medizinstudierenden Gelegenheit, ihre Kenntnisse am Computer zu vertiefen.
Der Kurs findet in einem jeweils fünftägigen Block mit acht Unterrichtsstunden à 45 Minuten statt. Unterrichtet wird in Gruppen von maximal 23 Studierenden. Der Unterricht ist eingeteilt in Seminar- und Übungseinheiten. Dabei wird das Seminar von einem Wissenschaftler betreut, die Computerübungen hingegen von einem Wissenschaftler und einem Medizinischen Dokumentar. Jeden Tag besteht im Anschluss an den Unterricht Gelegenheit zum freien Üben am Computer unter Betreuung eines Wissenschaftlers. Im Seminar werden verschiedene Bereiche der Statistik erarbeitet, etwa Grundprinzipien klinisch-therapeutischer Studien anhand statistischen Testens. Die Konzepte werden durch Rechenaufgaben vertieft. Die Übung am Computer beinhaltet eine begleitende Einführung in das Programmpaket SPSS.

Neben diesen Lehreinheiten bearbeiten die Studierenden im Lauf der Woche ein eigenes Forschungsprojekt in Kleingruppen. Hierzu formulieren sie zunächst eine eigene Forschungsfrage (etwa: „Haben Frauen mehr Schuhe als Männer?“). Sie erheben die Daten per Fragebogen an den Kursteilnehmern, geben die Daten ein, werten sie aus, interpretieren die Ergebnisse und fassen das Projekt in einem Bericht zusammen, der wie eine typische wissenschaftliche Arbeit aufgebaut ist. Die Beurteilung der Teilnahme am Kurs basiert auf diesem Bericht.

Wie sind die Erfahrungen mit dem Konzept? Mehr als zwei Drittel der Studierenden entschieden sich, den Kurs im sechsten oder siebten Semester zu belegen. Die Evaluation des Kurses über sechs Semester ergab, dass das Konzept und die Anwendbarkeit positiv ankommen. Im Vergleich zu früher geben die Studierenden nun vermehrt an, dass die Veranstaltung für die Berufspraxis nützlich ist. Vor allem gefallen das Projekt und seine Nützlichkeit für ihre Doktorarbeit. Die Blockveranstaltungen werden als anstrengend wahrgenommen, die heterogenen Computeranforderungen kritisch beurteilt.

An der Universität zu Lübeck kann Q1 in einem besonderen Umfeld gelehrt werden, weil das Querschnittsfach in drei separaten Einheiten von den Instituten für Medizinische Biometrie und Statistik, für Sozialmedizin (Epidemiologie) und für Medizinische Informatik unterrichtet wird. Da der Teil evidenzbasierte Medizin bereits in der Epidemiologie abgedeckt wird, fokussiert der Unterricht in Medizinischer Biometrie darauf, Studierende optimal auf eigene Forschungsarbeiten vorzubereiten. Studierende lernen in Kleingruppen, wie Forschung entsteht und Forschungsergebnisse zu beurteilen sind. Speziell lernen sie den klassischen Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten kennen und sind dabei gefordert, sich schriftlich auszudrücken.

Durch die Umstellung auf das Lübecker Konzept konnten wir eine größere Motivation sowohl bei den Studierenden als auch bei den Dozenten wahrnehmen.
PD Dr. rer. biol. hum. Inke R. König
Prof. Dr. med. Jürgen Westermann
Prof. Dr. rer. nat. Andreas Ziegler
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