ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1997Jüdische Schulen: Behutsame Renaissance

VARIA: Bildung und Erziehung

Jüdische Schulen: Behutsame Renaissance

Driesen, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Allein in Berlin gab es vor dem Nationalsozialismus 22 jüdische Schulen. Heute existieren wieder vier Grundschulen und ein Gymnasium - in ganz Deutschland. Doch die Mitgliederzahlen der jüdischen Kultusgemeinden steigen rasant. Mit dem Bedarf an eigenen Bildungsstätten könnte eine neue Normalität jüdischer Kultur in die Schullandschaft einziehen. Noch holt die Vergangenheit die Schulen täglich ein.


Helau!" ruft aus Versehen der kleine Junge im Batman-Kostüm. Dabei ist der Karneval, auch im rheinischen Düsseldorf, schon wochenlang vorbei. Doch alle Kinder in der Yitzhak-Rabin-Schule sind heute verkleidet, und die Stimmung zwischen Luftballons, Kuchen und Cola in den Klassenräumen ähnelt durchaus den "tollen Tagen". Wer genauer hinsieht, entdeckt unter den Kostümierten allerdings auffällig viele elegante kleine Damen und würdevolle Könige. Denn die Kinder identifizieren sich vor allem mit zwei Helden der uralten Geschichte, die heute in ihrer Grundschule gefeiert wird.
Das Fest heißt Purim. Es handelt davon, wie der böse Staatsminister Haman dem Perserkönig einflüstern will, alle Juden umzubringen; aber die Königin, die schöne Esther, kann Xerxes umstimmen und rettet so ihrem Volk das Leben. Am letzten Schultag vor den Osterferien liest der Rabbiner von Düsseldorf den rund 70 in der Aula versammelten Kindern diese Geschichte aus einer prächtigen alten Schriftrolle vor. Wann immer der Name des bösen Haman fällt, brechen alle Kinder voller Eifer in ein Buhen und Trampeln aus, um das Böse zu bannen, wie es das Ritual vorschreibt. Alle zusammen singen das hebräische Lied "Herr der Welt", bevor es zum Feiern und Frühstücken in die Klassen geht.
Friedliche, fröhliche Szenen, und doch gelingt es dem Beobachter nicht, sich ganz zu entspannen. Da ist die strenge Eingangskontrolle der Papiere und des Tascheninhalts durch einen Sicherheitsmann. Die Schule ist von der Straße nicht beschildert - begründete Angst vor Drohungen und Anschlägen aus dem rechtsradikalen Milieu führte zu einem 19-Punkte-Sicherheitskatalog. Wenn der Wachmann rufen würde, müßten sich alle Kinder sofort zu Boden werfen. Wann immer die Klassen im Freien unterwegs sind, wird durchgezählt. "Nein, für Normalität ist das alles hier nach wie vor zu exotisch", sagt Tamara Guggenheim, die als UnterrichtsKoordinatorin an der Yitzhak-Rabin-Schule arbeitet.
Drei Viertel der 92 Kinder auf der Ganztagsschule kommen aus der ehemaligen Sowjetunion und sprechen Russisch. Das bedeutet anfänglich ein großes Sprachproblem, da die Schulsprache Deutsch sein soll und es außerdem neben fünf Wochenstunden jüdischem Unterricht noch Hebräisch-Unterricht für alle gibt. Doch die Kinder lernen schnell und "können schon im zweiten Schuljahr für ihre Eltern dolmetschen", sagt Schulleiterin Ulrike Schadewaldt.
Die ethnische Zusammensetzung ihrer Schülerschaft reflektiert eine stürmische Entwicklung, die alle jüdischen Gemeinden in Deutschland durchmachen: seit der Wende und der Öffnung des Ostens hat sich die Zahl der Juden durch Zuwanderung und "Kontingents-Flüchtlinge" hierzulande fast verdoppelt. Von den inzwischen wieder 60 000 Juden in Deutschland leben die meisten - 15 000 - in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf mit 4 700 Gemeindemitgliedern ist die viertgrößte jüdische Kolonie.
Dadurch entstehen einerseits massive soziale Probleme: Jüdische "Kontingents-Flüchtlinge" kommen meist aus angesehenen, akademischen Verhältnissen. Hierzulande werden sie oft als ausländische Sozialhilfeempfänger behandelt und erleben einen demütigenden gesellschaftlichen Abstieg. Andererseits bedeutet der Zuwanderungs-Boom dringenden Bedarf an neuen Schulen und Ausbildungsstätten, die neben Allgemeinbildung und jüdischer Kultur auch religiöse Inhalte vermitteln können. Nur vier Grundschulen und eine gymnasiale Oberschule in ganz Deutschland reichen bei weitem nicht mehr. Die jüdische Gemeinde in Köln plant beispielsweise, in etwa vier Jahren ein neues Gemeindezentrum im Israelitischen Asyl, einem alten Krankenhaus, in Betrieb zu nehmen. Es wird auch eine Ganztags-Grundschule enthalten, nachdem bisher nur in den Räumen der Synagoge Religionsunterricht für rund 120 Kinder aus dem gesamten Regierungsbezirk angeboten werden kann.
Auch die Yitzhak-Rabin-Schule, die zu 90 Prozent vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert wird und in einem Flügel einer städtischen Hauptschule ihr Dasein fristet, platzt aus allen Nähten. Familien ziehen selbst aus Dortmund nach Düsseldorf, um ihren Kindern eine jüdische Erziehung zu ermöglichen. Gesucht wird ein neues Gebäude, das aber - Schatten der Vergangenheit - auch bestimmten Sicherheitsstandards entsprechen müßte. "Und unser Traumziel wäre", sagt Tamara Guggenheim, "die Fortführung der Grundschule in einer jüdischen Gesamtschule." Denn viele ihrer kleinen Schützlinge brauchen in ihrer speziellen kulturellen Situation nach der Grundschulzeit dringend eine geschützte Orientierungsphase.
Auch wenn Geldsorgen diese Vision vorerst noch blockieren: die Planungen sind auf einen vorsichtig optimistischen Grundton gestimmt. Oliver Driesen

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote