ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2008Nikotinsucht: Kranke Raucher

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Nikotinsucht: Kranke Raucher

Dtsch Arztebl 2008; 105(38): A-1939 / B-1667 / C-1631

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Für die Welt­gesund­heits­organi­sation gilt die Nikotinsucht schon längere Zeit als Krankheit, denn jeder Raucher stirbt im Durchschnitt 15 Jahre früher als ein Nichtraucher. In Deutschland zögerte man bisher, abhängigen Rauchern den offiziellen Stempel eines Kranken aufzudrücken. Vielleicht, weil die Nikotinsucht im Vergleich zu anderen Drogen keine auffälligen Bewusstseinsveränderungen erzeugt und Raucher keine nennenswerten Persönlichkeitsveränderungen erleiden. Zudem war das Rauchen bisher traditionell gesellschaftsfähig und überall anzutreffen.

Tatsache ist aber, dass in jedem Jahr Tausende von Rauchern zum Teil massive Folgeschäden ihrer Sucht erleiden – seien es Herz- und Gefäßerkrankungen oder Karzinome. Längst ist auch wissenschaftlich vielfach belegt, dass das Rauchen sowohl körperliche als auch psychische Abhängigkeiten schafft, die einen Leidensdruck erzeugen und damit Krankheitswert haben.

Neben dem persönlichen Leid hat die Nikotinsucht auch enorme gesellschaftspolitische Auswirkungen: In Deutschland sind rauchende Arbeitnehmer im Mittel 2,5 Tage pro Jahr häufiger krank als ihre nicht rauchenden Kollegen. Und die Kosten der Folgekrankheiten belasten den Staat jährlich mit 17 Milliarden Euro.

Vor diesem Hintergrund ist es daher nur konsequent, dass die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) anlässlich einer Anhörung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium zur Tabak- und Alkoholprävention fordert, die Nikotinabhängigkeit als Krankheit anzuerkennen und die Raucherberatung zu stärken. Eine Bewertung als „Lifestyle-Problem, das durch reine Willensanstrengungen oder Gruppengespräche zu beheben wäre, wird dem Problem nicht gerecht“, heißt es in einer Stellungnahme der BÄK. Die vom Drogen- und Suchtrat empfohlenen Strategien zur flächendeckenden Raucherentwöhnung griffen demnach zu kurz. Verkannt werde, so die BÄK, dass es sich bei der Mehrzahl der Raucher um Abhängigkeitserkrankte nach ICD-10, F17 handele, die körperliche Entzugserscheinungen entwickelten und – trotz des Nachweises schädlicher Folgen – eine nur eingeschränkte Kontrollfähigkeit über Beginn, Beendigung und Menge des Konsums hätten.

Nichtraucherkurse seien regional kaum verfügbar und erreichten (wenn überhaupt) überwiegend Versicherte mittlerer und höherer Schichten. Nach einer von den Spitzenverbänden der Krankenkassen durchgeführten Auswertung erfreuen sich Nichtraucherkurse zudem einer nur geringen Akzeptanz: 2006 haben lediglich 0,9 Prozent aller Teilnehmer an Maßnahmen zur individuellen Prävention an einem Kursangebot zum Suchtmittelkonsum teilgenommen.

Wie sehr professionelle Hilfe vonnöten ist, zeigt auch die Statistik der Europäischen Union. Danach hat jeder dritte Raucher innerhalb des vergangenen Jahres versucht, sich seine Sucht abzugewöhnen. Allerdings hatten weniger als 20 Prozent dafür ärztliche Unterstützung gesucht, in Deutschland waren es sogar noch weniger. Da Ärzte berufsbedingt über einen guten Zugang zu Rauchern verfügen, hat die BÄK gemeinsam mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern die 20-stündige Qualifikation „Ärztliche Tabakentwöhnung“ entwickelt. Sie bietet die Voraussetzungen, um Ärzte umfassend für eine Beratung und Behandlung betroffener Patienten zu schulen. Dies umfasst auch die Diagnostik einer bestehenden Tabakabhängigkeit sowie den fachgerechten Einsatz einer begleitenden medikamentösen Therapie.

Die Bundes­ärzte­kammer fordert nunmehr, der Gemeinsame Bundes­aus­schuss solle die Tabakabhängigkeit als Krankheit anerkennen und die entsprechenden „vergütungsrechtlichen Rahmenbedingungen“ für eine Behandlung schaffen. Würde dem Rechnung getragen, erreichte man tatsächlich eine neue Qualität beim strukturierten Kampf gegen die Nikotinsucht.
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