ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2008Georgien: Kaum Hilfe für traumatisierte Opfer

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Georgien: Kaum Hilfe für traumatisierte Opfer

Dtsch Arztebl 2008; 105(38): A-1963 / B-1688 / C-1650

Blettner, Annette

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Fotos: Annette Blettner
Fotos: Annette Blettner
Der Fünftagekrieg mit Russland um die abtrünnige georgische Provinz Südossetien hat das kleine Land Georgien mit einer neuen Flüchtlingswelle überschwemmt.

Kriegsopfer: Sonja Tskrialaschvili wurde von einem russischen Soldaten vergewaltigt. Bislang ist sie noch ohne Hilfe.
Kriegsopfer: Sonja Tskrialaschvili wurde von einem russischen Soldaten vergewaltigt. Bislang ist sie noch ohne Hilfe.
Vielleicht 20 Kilometer von der Grenze zu Südossetien entfernt, in dem Bauernflecken Berbeti, dort, wo im August ein kurzer, erbitterter Krieg herrschte, lebt die 77-jährige Sonja Tskrialaschvili. „Seit die russischen Soldaten bei uns in der Nähe ihr Quartier aufschlugen, schliefen wir aus Furcht vor ihnen immer in unseren Gärten in den Bergen, kamen aber stets im Morgengrauen zurück, um unsere Kühe zu melken“, sagt die alte Frau. Eines Morgens erschienen plötzlich drei junge russische Soldaten in der Siedlung. Sie stießen eine Haustür nach der anderen auf und fragten die verängstigten Einwohner immer wieder nach jungen Frauen, aber im Dorf leben nur noch die Alten. Zuletzt klopften die Soldaten auch an Sonjas Tür. „Einer kam in mein Zimmer, machte seine Hose auf und forderte mich zum Oralverkehr auf. Weil ich mich weigerte, warf er mich aufs Bett und stürzte sich auf mich. 40 Minuten ließ er nicht von mir ab, drohte wieder und wieder, mich später umzubringen.“ Schließlich retteten seine inzwischen nervös gewordenen Kameraden die hilflose Frau.

Vieles hat die Bäuerin in ihrem Leben verkraften müssen. Den Tod des noch jungen einzigen Sohns im Krieg, den Verlust des Ehemanns, den täglichen Kampf ums Überleben mit der Milch von nur einer Kuh, dem Obst und Gemüse aus dem Garten und rund 35 Euro Rente – und nun die Vergewaltigung. „Der Soldat war betrunken“, versucht sie das Geschehen zu erklären. Aber Sonja Tskrialaschvili ist kein Einzelfall. Nur wenige Orte entfernt habe es eine weitere Bäuerin getroffen, berichten die Nachbarinnen von Sonja.

Nur fünf Tage wütete der Krieg im Kaukasus, bombardierten russische Soldaten, südossetische Milizen und kosakische und tschetschenische Freischärler georgische Dörfer, Obstgärten und Felder in Südossetien, jagten Brücken und Schiffe in Georgien in die Luft, legten Feuer in mehreren Nationalparks und besetzten wichtige Punkte in Georgien, wie den Schwarzmeerhafen in Poti. Ob nun Russland oder Georgien eine größere Schuld an der jüngsten Eskalation im Kaukasus trifft – die Opfer sind die 130 000 Flüchtlinge, zumeist einfache georgische Bauern, die zum Teil schwer traumatisiert in Kindergärten, Schulen, stillgelegten Krankenhäusern und Zeltstädten hausen. Viele von ihnen mussten mitansehen, wie ihr Hab und Gut von den marodierenden Soldaten geplündert wurde, ihre Häuser, die Obstgärten und Wiesen gebrandschatzt und das Vieh geschlachtet wurde.

Zivilisten, die vorübergehend in Kriegsgefangenschaft geraten waren, wiesen nach ihrer Freilassung gebrochene Finger, Brandmale von ausgedrückten Zigaretten, gebrochene Arme und blaue Flecken an Kopf und Brust auf. Andere wurden Zeuge entsetzlicher Menschenrechtsverletzungen, wieder andere wurden Opfer einer Vergewaltigung. Mehr als 100 Augenzeugen und Opfer von Kriegsverbrechen werden zurzeit von Archil Gorogadze, Menschenrechtsbeauftragter im Büro des Staatsanwalts, und seinem Team interviewt. Später sollen ihre Aussagen als Beweise beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gegen Russland dienen.

Paata Kharabadze ist Chefarzt am Zentralkrankenhaus in Gori. Während des Krieges war es Anlaufstelle für die Verwundeten.
Paata Kharabadze ist Chefarzt am Zentralkrankenhaus in Gori. Während des Krieges war es Anlaufstelle für die Verwundeten.
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Dazu kommen die vielen Kriegsverletzten. Die Verwundeten landeten im Zentralkrankenhaus von Gori, einer 50 000-Einwohner-Stadt direkt an der Front. Chefarzt Dr. Paata Kharabadze erinnert sich: „Unsere Klinik sollte in Kürze nach westlichem Standard renoviert werden, die Pläne lagen schon vor, aber dann kam der Krieg, und innerhalb von vier Tagen wurden 110 Verwundete zuerst aus den georgischen Dörfern in Südossetien und später aus den Dörfern bei Gori mit Bombensplittern und Schusswunden bei uns eingeliefert, und wir operierten Tag und Nacht.“ Wie brenzlig die Situation war, wurde erst klar, als auch das nahe gelegene Militärkrankenhaus von den russischen Truppen bombardiert wurde und ein Militärkrankenwagen unter Beschuss geriet. Als der Krieg schließlich auch Gori erreichte, wurden Einwohner und Patienten nach Tbilisi evakuiert.

„Die Patienten landeten bei uns im Minutentakt, und unsere Chirurgen operierten bis zu 72 Stunden am Stück, um Menschenleben zu retten, Bombensplitter und Projektile aus Schusswunden zu entfernen und Amputationen an Bomben- und Minenopfern vorzunehmen“, berichtet die junge Ärztin Dr. Irina Abramishvili und führt stolz durch den frisch renovierten Teil der Uniklinik der Hauptstadt. Seit der Reprivatisierung des Gesundheitssystems nach dem Ende der sozialistischen Planwirtschaft glänzen hier nagelneue Röntgengeräte, Computertomografen und Ultraschallgeräte. Im alten, inzwischen stillgelegten Trakt aus sozialistischen Zeiten wurden vorübergehend die leicht Verletzten untergebracht. In einem der heruntergekommenen Zimmer mit zerschlissenen Betten und bröckelnden Wänden liegt die 66-jährige Patientin Anna Nazvlischvili aus Achldaba in Südossetien. „Ich war gerade in unserem Garten, um Bohnen fürs Mittagessen zu pflücken, als ich diesen ohrenbetäubenden Lärm hörte“, erinnert sich die alte Frau, „als ich plötzlich diesen furchtbaren Schmerz spürte.“ Auf allen Vieren kroch sie ins Haus. Eine Nachbarin hatte dies beobachtet und nahm sie bei sich auf. „Drei Tage versorgte mich Liala Matscharaschvili, bis schließlich die Ambulanz kam und mich nach Tbilisi in die Klinik brachte.“ Ohne die Hilfe der Nachbarin, da ist sich Anna Nazvlischvili sicher, hätte sie das nicht überlebt.

Kriegsschäden: Häuser, Wiesen und Gärten wurden zerstört. Viele Menschen verloren ihre Existenz.
Kriegsschäden: Häuser, Wiesen und Gärten wurden zerstört. Viele Menschen verloren ihre Existenz.
Neben den Problemen aus dem Krieg kämpft der erst 1991 unabhängig gewordene Staat noch immer mit seinen Altlasten aus der sozialistischen Misswirtschaft. Bis zu 40 Prozent der Einwohner sind in Folge der Reprivatisierung arbeitslos, jeder vierte Georgier lebt unterhalb der Armutsgrenze. Dazu müssen seit 1993 noch 250 000 Flüchtlinge aus dem Krieg mit Abchasien versorgt werden. Doch mit der Wahl von Micheil Saakaschwili im Jahr 2004 ging es endlich bergauf. Der noch junge Präsident bekämpfte die ausufernde Korruption und Kriminalität erfolgreich, die Löhne und Renten stiegen, Arbeitslosigkeit und Staatsschulden gingen zurück, und endlich entdeckten auch ausländische Investoren das Land am Kaukasus. Auch der noch in den Kinderschuhen steckende Tourismus erlebte einen steten Aufschwung.

Im Gesundheitswesen hatte es ebenfalls große Verbesserungen gegeben. „Georgien stand ja quasi an der Grenze zu den NATO-Staaten, deshalb wurden bei uns in den 70er- und 80er-Jahren viel zu viele Krankenhäuser gebaut“, berichtet der vor wenigen Jahren aus den USA zurückgekehrte 38-jährige Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales, Alexander Kvitashvili. Die Zahl der Betten beispielsweise sollte von 45 000 auf 8 000 gesenkt werden. Etliche Kliniken waren bereits privatisiert worden und sollten zu Krankenhäusern nach westlichem Standard umgebaut werden. Die Löhne für Ärzte und Pflegepersonal konnten endlich erhöht und regelmäßig bezahlt werden. „Während der Sowjetunion war das Gesundheitswesen ja völlig in staatlicher Hand, und heute wollen wir so wenig wie möglich Staat im Gesundheitswesen“, erklärt der Minister. Doch auch für ihn steht fest: „Die staatliche Finanzierung von Krankenkassen für eine Million Arme, darunter viele Flüchtlinge, und die Zahlung der Krankenkosten für die jüngsten Flüchtlinge müssen für Georgien selbstverständlich sein.“

Die bettelarme Witwe Sonja Tskrialaschvili aus dem kleinen Bauernflecken Berbeti und viele andere Traumaopfer des Krieges warten jedoch bis heute vergeblich auf psychologische Hilfe. Die Caritas hilft den Flüchtlingen in Georgien: Spendenkonto: Caritas international, Konto: 2 02, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, BLZ 660 205 00, Stichwort „Kaukasus“.
Annette Blettner

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