ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2008Hormone: Gestagenrisiko nicht überschätzen
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Der Medizinreport zum Thema „Hormone und Brustkrebs“ gibt im Wesentlichen das Abstract eines BfArM-Beitrags im Bundesgesundheitsblatt (ausschließlich in Englisch) ohne Risikozahlen wieder. Im Originalabstract wird von wesentlich höheren Zahlen gemeldeter Brustkrebsfälle bei POC (Kontrazeption alleinig mit Gestagen) berichtet als bei den überaus häufiger angewandten COC (Gestagen + Östrogen): 111 gegenüber zwölf Fällen. Im Originalvolltext ist die Größe beider Gesamtkollektive nicht angegeben. Auf Anfrage teilte die Autorin mit: Die 111 Fälle bezögen sich auf ca. sieben Millionen POC-Anwendungsjahre und die zwölf Fälle auf ca. 100 Millionen COC-Anwendungsjahre. Können mit diesen Relationen von 16 auf eine Million und 0,12 auf eine Million realistische Risikoangaben oder nur vage rechnerische Aussagen gemacht werden? Diese 111 Fälle beinhalten weniger als vier Frauen mit Pillen ausschließlich auf Gestagenbasis, 92 hatten eine Gestagenspirale und 15 ein subkutanes Gestagenimplantat. Von der Epidemiologin wird kaum diskutiert, wie stark selektiert diese 111 Frauen waren. Hormonspiralen bekommen meist Frauen ab 40 Jahren mit abgeschlossener Familienplanung. Ab diesem Alter beginnt generell das Brustkrebsrisiko (bei drei bis fünf Prozent mit genetischem Risiko früher). Bei Hormonspiralen sind die Indikationen ausgeprägtes Übergewicht, metabolische Probleme mit Bluthochdruckfolge und hoher Nikotinkonsum gravierender als der Altersfaktor. Diese hochrelevanten Risikofaktoren für Brustkrebs bewirken bei oraler Kontrazeption ein hohes Thromboembolierisiko. Die BfArM-Autorin nennt nicht die Ergebnisse aus der WHI-Datenbank von 2004. Die 67 000 Frauen mit früherer Nutzung hormonaler Kontrazeption von insgesamt 162 000 Frauen zeigten folgenden Benefit: acht Prozent weniger KHK-Ereignisse, sieben Prozent weniger Krebserkrankungen insgesamt, 42 Prozent weniger Eierstockkrebs bereits ab vier Jahren Pillennutzung, 30 Prozent weniger Gebärmutterkrebs ab vier Jahren Pillennutzung und keinen Einfluss auf die Häufigkeit von Brustkrebs! Der BfArM-Leiter fordert zur Thematik Pille – Brustkrebs große Studien. Diese gibt es bereits. Die größte Studie – nämlich WHI mit über 625 Millionen US-Dollar Kosten – unter Pillenaspekten sollte zur Kenntnis genommen werden. R. Victory von der Wayne State University bekam für seine WHI-Zusatzauswertung den Jahrespreis 2004 von der US-amerikanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin ASRM (gegründet 1944).
Literatur bei dem Verfasser
Dipl.-Psych. Prof. Dr. med. J. M. Wenderlein,
Universitätsfrauenklinik Ulm, Prittwitzstraße 41–43, 89075 Ulm

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