ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2008Regierungsbunker: Angst einflößende Zahnarztgerätschaften

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Regierungsbunker: Angst einflößende Zahnarztgerätschaften

Traub, Ulrich

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In Neuerungen wurde im Regierungsbunker nicht investiert. Das gilt auch für die medizinische Abteilung.
In Neuerungen wurde im Regierungsbunker nicht investiert. Das gilt auch für die medizinische Abteilung.
Das Dokumentationszentrum ist – neben den Resten der Berliner Mauer – das wichtigste bauliche Relikt des Kalten Krieges und des Wettrüstens.

Ein verwinkelt verlaufender Gang, eher schummrig und mit zwölf Grad Celsius nicht gerade warm. Alle paar Meter tonnenschwere Stahltore, durch die man den nächsten Abschnitt betritt. Rechts und links Versorgungstrakte, Büros und Werkstätten, Sanitärbereiche und Schlafzimmer. Alles auf äußerste Funktionalität ausgelegt und von spartanischer Schmucklosigkeit. Eine Komfortunterkunft sieht anders aus. Aber was will man von einem Bunker auch erwarten?

Offiziell nannte sich diese von 1960 bis 1972 in die Weinberge oberhalb von Ahrweiler gestemmte Anlage zwar Ausweichsitz der Ver-fassungsorgane des Bundes. Doch sie blieb ein Bunker. Ein 200 Meter langes Teilstück wurde jetzt als Dokumentationsstätte Regierungsbunker eröffnet. Von dem erst 1997 aufgegebenen, fast 19 Kilometer umfassenden Stollenlabyrinth mit 83 000 Kubikmetern Nutzfläche vermag es allenfalls eine Ahnung zu vermitteln. Doch einen Superlativ kann das Dokumentationszentrum für sich beanspruchen. Es ist – neben den Resten der Berliner Mauer – das wichtigste bauliche Relikt des Kalten Krieges und des Wettrüstens.

Keine Pläne zum Schutz der Zivilbevölkerung
Das neue Dokumentationszentrum Regierungsbunker wird durch zwei neue Flügelbauten erschlossen. Die Fassaden scheinen wie ein Signal auf Alter und Vergänglichkeit hinzuweisen. „Schließlich war die Anlage nie ein Hightechbunker“, erklärt Bauleiter Markus Heibel vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, das für den Rückbau der gewaltigen Anlage zuständig war. Rund 150 zum Schweigen verpflichtete Mitarbeiter des Regierungsbunkers sorgten im Schichtdienst für die Aufrechterhaltung des Status quo. „In neuere Lösungen wurde nie investiert“, erinnert sich Heibel. Dass das auch für das schreibmaschinen-basierte Büro und die medizinische Abteilung mit Angst einflößenden Zahnarztgerätschaften galt, kann man beim Rundgang feststellen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man nicht unbedingt darauf kommen, dass das seinerzeit für möglich gehaltene Grauen einer atomaren Auseinandersetzung den Bau des Bunkers veranlasst hat.

Die gesamte Anlage bleibt in ihrer historischen Verortung grotesk. Wie sollte es denn nach den 30 Tagen, die die 3 000 Vertreter aus Politik, Militär und Wirtschaft im Bunker ausharren konnten, weitergehen? Pläne zum Schutz der Zivilbevölkerung hat es jedenfalls keine gegeben. Walter Schürmann, der als Elektroingenieur 30 Jahre lang für die Funktionsfähigkeit der Stahltore zuständig war, ist davon überzeugt, dass die Anlage dem Erhalt des Friedens gedient habe. Nun wird der Ruheständler Besuchergruppen seinen früheren Arbeitsplatz erklären.

„Nein, Angst habe ich bei meinem Job nicht gekannt“, versichert Schürmann. „Aber es gab Politiker, denen hier unten richtig mulmig geworden ist“, erinnert er sich. Denn bei den bis 1989 stattfindenden WINTEX-Übungen der NATO war der Bunker regelmäßig ein zentraler Schauplatz. Dass der Anlage nun als Dokumentationszentrum neues Leben eingehaucht wird, ist für Schürmann die beste Lösung. Dabei stand es jahrelang schlecht um die Zukunft des Regierungsbunkers. Nachdem sich der Verkauf als unmöglich herausgestellt hatte, wurde 2001 mit dem rund 16,5 Millionen Euro teuren Rückbau begonnen. Von einer weiteren Nutzung ging das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zunächst nicht aus. „Erst die Initiative unseres Präsidenten Florian Mausbach wies in eine andere Richtung“, blickt Bauleiter Heibel zurück. „Da wir den Kostenrahmen nicht ausgeschöpft haben, blieb finanzieller Spielraum.“ Der ermöglichte schließlich die 2,5 Millionen Euro teuren Neubauten. Auch wenn man sich eine frühere Sensibilisierung für diesen authentischen Schauplatz der Geschichte und eine öffentliche Diskussion darüber gewünscht hätte, die Dokumentationsstätte ist als Erfahrungs- und Lernort von großer Bedeutung.
Ulrich Traub

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