ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2008IHE – Integrating the Healthcare Enterprise: Hilfreich bei der Ausschreibung von IT-Systemen

TECHNIK

IHE – Integrating the Healthcare Enterprise: Hilfreich bei der Ausschreibung von IT-Systemen

Dtsch Arztebl 2008; 105(38): A-1982 / B-1704

Schütze, Bernd; Wein, Berthold; Eichelberg, M.; Kauer, T.; Mildenberger, P.

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LNSLNS Mit Integrationsprofilen lassen sich Anforderungen an die system-beziehungsweise einrichtungsübergreifende Datenkommunikation definieren.

Die internationale Initiative Integrating the Healthcare Enterprise (IHE) wurde 1997 gegründet mit dem Ziel, die medizinische Bild- und Datenverarbeitung zu standardisieren und zu harmonisieren (1, 2, 3). IHE beruht auf der Zusammenarbeit von Anwendern und Herstellern. Hierbei bestimmen Anwender, welche Informationen sie für ihre Arbeitsabläufe benötigen und welche Daten erfasst, verarbeitet und gespeichert werden müssen. Die Fachleute der an IHE beteiligten Hersteller definieren auf der Basis dieser Anforderungen Spezifikationen, die beschreiben, welche Standards zur Umsetzung der Anwenderanforderungen in welcher Form eingesetzt werden (4).

In Deutschland wird IHE durch den Verein IHE Deutschland e.V. vertreten. Er sorgt dafür, dass nationale Besonderheiten bei dem Integrationsprozess nach dem IHE-Modell von Anfang an berücksichtigt werden.

Ursprünglich für die Radiologie entwickelt, erkannte man bald, dass der IHE-Ansatz auch für andere medizinische Fächer sowie fächerübergreifend erfolgreich einsetzbar ist. Die Fachbereiche werden in der IHE-Terminologie als „Domänen“ bezeichnet. Nach dem Stand von 2008 arbeiten folgende Fachgebiete an der IHE-Initiative mit: Augenheilkunde, Kardiologie, Labor, Pathologie, Pharmakologie, Radiologie und Strahlentherapie sowie fächerübergreifend: IT-Infrastruktur, einrichtungsübergreifende Behandlungsketten, Gerätekommunikation von Patient-Care-Device-Daten, Qualitätssicherung.

Jede Domäne hat ihr eigenes technisches Rahmenwerk, das die Spezifikationen, die einzusetzenden Standards und die Anwendungsfälle umfasst. Ein Rahmenwerk kann mehrere „Integrationsprofile“ beinhalten. Ein Integrationsprofil beschreibt einen Arbeitsablauf aus der realen Welt, wie etwa die Aufnahme, Speicherung, Beurteilung und Verteilung einer Laboruntersuchung.

Zu einem Integrationsprofil gehören bestimmte Rollen oder Funktionen der beteiligten IT-Systeme (Akteure). Ein IT-System kann dabei die Funktionen von einem oder mehreren Akteuren umfassen und auch Anwendungsfälle aus mehreren Integrationsprofilen unterstützen. Zwischen den Akteuren werden Transaktionen definiert, das heißt, es wird beschrieben, aus welchen Schritten und über welche Schnittstellen Information transportiert wird. Dieselbe Transaktion kann in verschiedenen Integrationsprofilen und Anwendungsdomänen genutzt werden.

„Connectathon“ – Produkte im Test
Einmal im Jahr bietet IHE in den USA, in Europa und in Japan jeweils eine einwöchige Testveranstaltung, den „Connectathon“ an, bei dem Hersteller die Funktionsfähigkeit ihrer Produkte unter neutraler Aufsicht von IHE prüfen. Die Ergebnisse, und zwar welcher Hersteller die Unterstützung welcher IHE-Integrationsprofile und Akteure nachgewiesen hat, werden anschließend veröffentlicht (5).

IHE-Integrationsprofile erleichtern die Ausschreibung von neuen IT-Systemen erheblich (6), da typische Anforderungen aus Anwendersicht bereits definiert und mit detaillierten technischen Implementierungsanforderungen unterfüttert sind, beispielsweise:
- die Korrektur von Patientenstammdaten in einem Informationssystem mit automatisiertem Abgleich in den verbundenen Informationssystemen oder
- die gleichartige Bilddarstellung bei verschiedenen Befundungsarbeitsplätzen und selbst zwischen Monitor und Hardcopy.
IHE unterstützt somit das medizinische Personal bei der Definition seiner Anforderungen. Je nach Anforderung kann in den Ausschreibungen auf die Unterstützung bestimmter Akteure aus den einzelnen IHE-Integrationsprofilen verwiesen und somit sichergestellt werden, dass die Informationssysteme die notwendige Funktionalität und die zur Integration benötigten Schnittstellen gewährleisten. Dadurch wird auch die EDV-Abteilung bei der Ausschreibung entlastet. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen (Kasten).

Auf der Basis der Connectathon-Ergebnisse können geeignete Hersteller bei einer Ausschreibung gezielt angeschrieben werden. Im Kaufvertrag mit dem Hersteller können dann entsprechende Forderungen vertraglich bindend und gegebenenfalls sogar mit Vertragsstrafen bei Nichterfüllung festgehalten werden.

Vielzahl von Anwendungsfällen
IHE-Integrationsprofile stellen einerseits eine Vielzahl von Anwendungsfällen bereit, die den Arbeitsablauf im Gesundheitswesen widerspiegeln, sodass auf diese in einer Ausschreibung verwiesen werden kann. Andererseits können die Anforderungen an Informationssysteme in Ausschreibungen kurz und prägnant formuliert werden.

Dahinter steht ein präzise definierter Satz an Funktionen und Schnittstellen, die auf herstellerunabhängigen Standards basieren und in einem Konsensusprozess erarbeitet wurden. Anwender haben dadurch mehr Planungs- und Zukunftssicherheit und können davon ausgehen, dass es auch Produkte mit dem gewünschten Funktionsumfang gibt und dieser nicht im Rahmen einer aufwendigen und kostenintensiven Individualentwicklung realisiert werden muss.

Dokumentation der Hersteller
Ein wichtiger Baustein sind hier die „IHE Integration Statements“, in denen Hersteller dokumentieren, welche Funktionen und Schnittstellen (Integrationsprofile/Akteure) ihre Produkte bieten. Die Hersteller testen auf dem Connectathon zwar oft Prototypen, sodass die Ergebnisse nicht unbedingt auch für das auf dem Markt erhältliche Produkt gelten. Allerdings wird der erfolgreichen Umsetzung eines IHE-Profils in einem Prototypen recht schnell die Umsetzung in das marktreife Produkt folgen, sodass bei einer Kaufentscheidung die erfolgreiche Teilnahme an einem Connectathon eine bedeutsame Information ist.
Bernd Schütze, M. Eichelberg2, T. Kauer3,
Berthold Wein4, P. Mildenberger5

Kontaktadresse
IHE Deutschland e.V.
c/o ZVEI Fachverband Elektromedizinische Technik
Lyoner Straße 9, 60528 Frankfurt am Main
E-Mail: info@ihe-d.org
Internet: www.ihe-d.org; www.ihe-europe.
org; www.ihe.net

Langfassung im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus3808
Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3808

1HI-Consulting, Düsseldorf
2OFFIS – Institut für Informatik, Oldenburg
3Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl
für Medizinische Informatik
4Radiologische und Nuklearmedizinische Praxisgemeinschaft im Kapuzinerkarree, Aachen
5Universität Mainz, Klinik und Poliklinik
für Radiologie

Fallbeispiel
Ausgangssituation
Ein Krankenhaus möchte sich im Rahmen der integrierten Versorgung vernetzen mit
- einer radiologischen Arztpraxis, die auch die radiologische Betreuung des Krankenhauses übernimmt
- einer Rehaklinik, mit welcher die klinikeigene Orthopädie Patienten gemeinsam behandelt, sowie
- einer ophthalmologischen Arztpraxis, die auch die augenärztliche Betreuung im Krankenhaus durchführt.
Datenspeicherung
- Die Augenärzte speichern ihre Behandlungsdaten in ihrem Praxisverwaltungssystem (PVS)
- die radiologische Praxis ihre Daten im Radiologieinformationssystem (RIS) beziehungsweise die Bilddaten im Bildarchiv (PACS)
- die Rehaklinik in ihren Klinikinformationssystem Daten zur Rehabilitation und
- das Krankenhaus Daten in seinem Krankenhausinformationssystem (KIS).
Zusätzlich sollen die für die Behandlung relevanten Bild- und Befunddaten aller verbundenen Partner sicher ausgetauscht werden. Eine Einverständniserklärung des Patienten wird eingeholt, bevor Dokumente für den Austausch freigegeben werden. Aus Datenschutzgründen will man jedoch keine zentrale Datenbank mit allen Daten aufbauen, und aus Kostengründen will man die Daten auch nicht redundant mehrfach (das heißt in jedem Haus) speichern.

Lösungsansatz
Das IHE-XDS-Integrationsprofil bietet in der Kombination mit den Integrationsprofilen PIX (Patient Identifier Crossreferencing) und XDS-I (XDS for Imaging, eine Erweiterung von XDS speziell für den medizinischen Bilddatenaustausch) eine Lösung für dieses Problem (Grafik):
- Die Bildarchive (PACS) werden so nachgerüstet, dass sie IHE-Schnittstellen für den regionalen Bilddatenaustausch erhalten. Die Bildarchive können nun Bilddaten für den Datenaustausch bereitstellen, die datenträchtigen Bilder bleiben aber vor Ort.
- Die Befunddaten sollen in einer elektronischen Patientenakte verbleiben, die vom KIS angeboten wird. Die KIS-Systeme werden daher ebenfalls so nachgerüstet, dass sie Befunde für den Datenaustausch bereitstellen können.
- Als „Zentralsysteme“, die alle Häuser gemeinsam nutzen, werden ein Dokumentenverzeichnisdienst und ein Master-Patient-Index (Anwendungssystem, das einrichtungs- beziehungsweise systemübergreifend die eindeutige Patientenidentifikation über einen gemeinsamen Index sicherstellt) eingerichtet. Diese führen eine Liste aller derzeit für den Austausch freigegebenen Dokumente und Bilder und sorgen für den Abgleich der Patientenkennziffern.
- Schließlich werden in jedem Haus einige Arbeitsplätze mit der Fähigkeit nachgerüstet, Bilder und Befunde im Dokumentenverzeichnis zu suchen und direkt aus dem digitalen Archiv des zugehörigen Krankenhauses anzufordern.
Der sichere (verschlüsselte) Austausch der Daten wird vom IHE-XDS-Integrationsprofil grundsätzlich gewährleistet, ebenso ist sichergestellt, dass nur speziell dafür freigegebene IT-Systeme Zugang zum gemeinsamen Netzwerk bekommen.
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1.
Mildenberger P, Wein B, Bursig HP, Eichelberg M: Aktuelle Entwicklungen von DICOM und IHE. Radiologe 2005; 45(8): 682–9. MEDLINE
2.
Wein BB: IHE (Integrating the Healthcare Enterprise): Ein neuer Ansatz zur Verbesserung der digitalen Kommunikation im Gesundheitswesen. Rofo 2003; 175(2): 183–6. MEDLINE
3.
Channin DS: Integrating the Healthcare Enterprise: A Primer Part 2. Seven Brides for Seven Brothers: The IHE Integration Profiles. RadioGraphics 2001; 21: 1343–50 MEDLINE
4.
Henderson M, Behlen FM, Parisot C, Siegel EL, Channin DS: Integrating the Healthcare Enterprise: A Primer Part 4. The Role of Existing Standards in IHE. RadioGraphics 2001; 21: 1597–603 MEDLINE
5.
IHE: Connectathon Results Browsing. 2007 [Online, zitiert 2007-10-12]; Verfügbar unter http://sumo.irisa.fr/con_result/
6.
Channin DS, Parisot C, Wanchoo V, Leontiev A, Siegel EL: Integrating the Healthcare Enterprise: A Primer Part 3. What Does IHE Do for ME? RadioGraphics 2001; 21: 1351–8 MEDLINE
1. Mildenberger P, Wein B, Bursig HP, Eichelberg M: Aktuelle Entwicklungen von DICOM und IHE. Radiologe 2005; 45(8): 682–9. MEDLINE
2. Wein BB: IHE (Integrating the Healthcare Enterprise): Ein neuer Ansatz zur Verbesserung der digitalen Kommunikation im Gesundheitswesen. Rofo 2003; 175(2): 183–6. MEDLINE
3. Channin DS: Integrating the Healthcare Enterprise: A Primer Part 2. Seven Brides for Seven Brothers: The IHE Integration Profiles. RadioGraphics 2001; 21: 1343–50 MEDLINE
4. Henderson M, Behlen FM, Parisot C, Siegel EL, Channin DS: Integrating the Healthcare Enterprise: A Primer Part 4. The Role of Existing Standards in IHE. RadioGraphics 2001; 21: 1597–603 MEDLINE
5. IHE: Connectathon Results Browsing. 2007 [Online, zitiert 2007-10-12]; Verfügbar unter http://sumo.irisa.fr/con_result/
6. Channin DS, Parisot C, Wanchoo V, Leontiev A, Siegel EL: Integrating the Healthcare Enterprise: A Primer Part 3. What Does IHE Do for ME? RadioGraphics 2001; 21: 1351–8 MEDLINE

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