ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2008Aus dem Abschiedsbrief eines Krankenhausarztes: Von Ärzten und Hampelmännern

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Aus dem Abschiedsbrief eines Krankenhausarztes: Von Ärzten und Hampelmännern

Dtsch Arztebl 2008; 105(38): A-2003 / B-1723 / C-1683

Storm, Wolfgang

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Foto: vario press/Eberhard Hahne [m]
Foto: vario press/Eberhard Hahne [m]
Ein scheidender Chefarzt beschreibt, wie sich die Machtverhältnisse im Krankenhaus in den vergangenen Jahren verschoben haben.

Seit 1982 habe ich als Arzt in der Kinderklinik des immer selben Krankenhauses gearbeitet; zuletzt als Chefarzt. Nach nun 26 Jahren neigt sich diese Zeit dem Ende zu. Durch Altersteilzeit ermöglicht, geschieht dies früher als geplant, aber zum rechten Zeitpunkt. Denn wegen äußerer Umstände beginnen Motivation und Freude an der Tätigkeit zu sinken. Es ist vielleicht nachvollziehbar, dass man im Alter von mehr als 60 Jahren nicht mehr den Elan und die Energie hat, nachts um drei Uhr ein Frühgeborenes zu versorgen und am nächsten Morgen seinem geregelten Dienst nachzugehen. Das habe ich in der Rufdienstbereitschaft noch bis zum Schluss ohne viel Murren durchgezogen. Was aber emotional viel belastender und unerträglicher wurde, war das berufsethische Chaos, das uns mit Beginn der Einführung der „modernen“ Unternehmensführung widerfuhr. Seitdem beginnen sich die Konturen des ärztlichen Berufsbilds zu verwischen, sodass ich mich frage: „Bin ich wirklich noch Arzt, als der ich früher einmal angetreten bin, oder bin ich zum Hampelmann der Geschäftsführung degeneriert?“

Blind für das Wesentliche
Um im anscheinend erbarmungslosen Konkurrenzkampf der Krankenhäuser zukunftsfähig zu bleiben, gehört zur neuen Wirtschaftlichkeit der Kauf eines schwungvollen Betriebswirts, der das Funktionssystem auf Vordermann bringen soll. Man nennt das: Rationalisierung. Doch die Verfechter dieses Vorgehens sind leider blind; nicht im üblichen Sinn eines fehlenden optischen Sehvermögens, sondern blind für das Wesentliche in einem Krankenhaus.

Die Quelle ärztlichen Denkens und Handelns ist die sittliche Bestimmung seines Berufs, die dem Arzt durch die Erwartungen seiner Mitmenschen täglich verdeutlicht wird. Arzt zu sein heißt, mit der Mündigkeit des Patienten ernst zu machen und die Anstrengung auf sich zu nehmen, das Verhältnis eines Experten zu einem Laien einer Partnerschaftsbeziehung anzunähern. Es bedeutet auch, die Autorität des Kennens und Könnens zu nichts anderem zu nutzen als zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken. Arzt zu sein bedeutet, den immer wieder unternommenen Versuch, das Krankheitsgeschehen vom Kranken her zu sehen, sich mit diesem zu solidarisieren und sich in dessen Kranksein hinein-zuversetzen. Für die Medizin ist die Unmittelbarkeit und Unbedingtheit des Auftrags, Humanität zu verwirklichen, kennzeichnend. „Dabei bleibt das Gespräch zwischen Arzt und Patient das Wesentliche“ (Karl Jaspers). Das alles sehe ich als „Kernkompetenz“, als wichtigste Aufgabe meines ärztlichen Handelns an. Gesteuert und kontrolliert, zu Verbesserungen der Leistungen angespornt werden Ärzte in erster Linie durch ihre Patienten und nicht durch sich als die Welt verbessernd darstellende Ökonomen.

Was erwartet ein Patient von einem Krankenhaus? Nach meinen Erfahrungen vor allem medizinische Kompetenz und menschliche Nähe. Dass dies mitten aus dem Leben gegriffen ist, kann jeder bestätigen, der schon einmal selbst stationär in einem Krankenhaus gelegen oder einen Angehörigen dort besucht hat. Unter dem Regime der „modernen“ Unternehmensführung werden aber jetzt die für Patienten unwesentlichen Parameter zur Hauptsache erklärt: Controlling, Qualitätsmanagement, DRG-Codierung, Reglementierung, Katalogisierung und Standardisierung – also das Auferlegen von Normen und Zeitplänen. Dabei hat sich auch die Umgangssprache geändert. Man redet nicht mehr von Fürsorge, Nächstenliebe, Mitgefühl, Zuwendung, Linderung oder Heilung. Die Messgrößen sind jetzt Prozess- und Zeitoptimierung, Effizienz- und Profitsteigerung.

Die Tendenz zum Machtgewinn der Geschäftsführungen führt dazu, dass diejenigen Berufsgruppen, Fachgebiete, Spezialisierungen, Abteilungen, Individuen und Patientengruppen ein größeres Gewicht erhalten, von denen man meint, dass sie den größten Beitrag zur wirtschaftlichen Existenz des Krankenhauses leisten. Abteilungen, die es vor einigen Jahren nicht einmal gegeben hat, wuchern und erstreben zunehmendes Mitspracherecht (Qualitätsmanagement, medizinisches Controlling). Dabei schöpfen Vertreter dieser nicht ärztlichen Berufsgruppen grenzenlos aus der Zeit anderer.

„Patienten-Akquisition“
Einen Höhepunkt meines persönlichen Frusts durfte ich anlässlich der erstmals 2005 stattgefundenen Zielvereinbarungsgespräche mit der Geschäftsführung erleben. Als Synonyme für vereinbaren stehen abmachen, übereinkommen oder verabreden. Leider wurde bei diesen Gesprächen nichts vereinbart, sondern uns einseitig formuliert etwas auferlegt, aufgehalst und aufgepackt. Dabei konnte ich lernen, dass meine Kernkompetenz als Leitender Arzt mit dem Begriff der „Patienten-Akquisition“ beschrieben wird. Dies nicht nur ganz allgemein, sondern ganz konkret mit bestimmten Auflagen: Eine fünf- bis zehnprozentige Steigerung der stationären Patienten im Vergleich zum Vorjahr wurde erwartet. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Nicht der fachliche und humanitäre Umgang mit Patienten steht für einen Arzt im Vordergrund, sondern die Profitsteigerung in Form von mehr Patienten.

Ich bin mir sicher, dass zwischen Ökonomie und ärztlichem Ethos zwar eine Kluft liegt, deren Unüberbrückbarkeit aber nicht unbedingt zum Schaden des Patienten führen muss. Wenn beide Seiten ihren Anteil nach bestem Wissen und Gewissen ausführen, kann das nur zum Wohl der Patienten beziehungsweise des Krankenhauses beitragen. Nicht aber, wenn eine ökonomische Machtelite unser ärztliches Handeln zu bürokratisieren und zu vereinnahmen versucht. Die ökonomische Seite sollte sich ernsthaft überlegen, dass man Fragen, welche ethische und moralische Aspekte beinhalten, nicht ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten angehen darf – weil sie nämlich auch etwas mit Nächstenliebe und helfender Barmherzigkeit zu tun haben. Sollte man hierzu nicht bereit sein, wäre auch ein auf ihr Handeln ausgeübter „artfremder“ Druck von ärztlicher und pflegerischer Seite angebracht. Doch dazu ist Solidarität notwendig – die in der Ärzteschaft ein nur klägliches Dasein innehat. Dies ist unter anderem daran erkennbar, dass wir nicht nur mit nicht ärztlichen Tätigkeiten überladen werden, sondern dass wir uns verladen lassen. Es braucht neue Formen der Solidarität, es braucht neue Formen des Widerstands, es braucht eine Gegenbewegung gegen die Öko­nomi­sierung des gesamten Lebens.

Die Rezeptur der Geschäftsführung gründet auf der Annahme, dass der Einzelne ein Unternehmen sei, das laufend verbessert werden müsse. Das ist ein Irrtum! Für Unternehmen als eine Organisationsform zur Erreichung von wirtschaftlichen Zielen gelten Vorgaben wie Kennzahlen und Prozesssteuerung. Ökonomische Strategien schaffen den Eindruck von Professionalität. Nicht rationale Strategien gelten als nicht professionell, zumindest nicht als allgemeingültig. Für den Einzelnen wirklich entscheidend sind jedoch Emotionen. Sie sind der Antrieb. Kluge Unternehmen merken zunehmend, dass hier enorme Energiereserven vorhanden sind. Wer die Begeisterungsfähigkeit des Einzelnen am Leben erhält und fördert, wird ungeahnte Potenziale entdecken, die sowohl den einzelnen Menschen voranbringen als auch dem Unternehmen dienlich sind.

Pflegekräfte und Ärzte dürfen sich nicht länger vorwiegend betriebswirtschaftlichen Zielsetzungen unterwerfen, sondern sollten ihre ureigensten Tugenden stärken und weiter entwickeln: Achtsamkeit, Wohlwollen und Wertschätzung gegenüber den anvertrauten Patienten.

Jenseits der Bürokratie
Ich bin dem Gesetzgeber und auch meinem Arbeitgeber dankbar, dass man mir durch das Gewähren der Altersteilzeit ermöglicht hat, zwei Jahre früher als üblich aus meinem offiziellen Berufsleben „auszusteigen“. Natürlich will ich noch etwas länger meiner ärztlichen Tätigkeit nachgehen. Ich kenne inzwischen einige Kollegen, denen als Pensionäre die Augen leuchten, wenn sie von ihren Erlebnissen in der Dritten Welt erzählen. Dort konnten sie jenseits ihrer früheren bürokratisierten, kontrollierten und reglementierten Arbeitswelt ein Arzt-Patienten-Verhältnis pflegen, von dem sie sich in den letzten Jahren im Krankenhaus weit entfernt hatten. Auch ich hoffe auf eine Tätigkeit an einem Ort, an dem ich die Liebe, das Leben und den Respekt für den Menschen und die Schöpfung neu entdecken kann.
Dr. med. Wolfgang Storm
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