ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2008Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Christiane Woopen, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats: „Wir fühlen uns der Würde des Menschen verpflichtet“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Christiane Woopen, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats: „Wir fühlen uns der Würde des Menschen verpflichtet“

Dtsch Arztebl 2008; 105(39): A-2032 / B-1746 / C-1706

Jachertz, Norbert; Klinkhammer, Gisela

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Christiane Woopen hat einen Lehrauftrag am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln. Sie hat sich unter anderem intensiv mit ethischen Fragen der pränatalen Diagnostik und Präimplantationsdiagnostik beschäftigt.
Christiane Woopen hat einen Lehrauftrag am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln. Sie hat sich unter anderem intensiv mit ethischen Fragen der pränatalen Diagnostik und Präimplantationsdiagnostik beschäftigt.
Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats plädiert für „ein ausgewogenes Miteinander“, das sie auch dem Nationalen Ethikrat attestiert. Sie nimmt Stellung zur Zusammensetzung und Themenfindung des neuen Gremiums.

Sie waren bereits Mitglied im Nationalen Ethikrat, dem Vorgänger des Deut-schen Ethikrats. Dem früheren Ethikrat wurde nachgesagt, ausgesprochen for-schungsfreundlich gewesen zu sein. Stimmt das?
Woopen: Im Nationalen Ethikrat gab es verschiedene Meinungen. Es gab darin niemanden – und das gilt auch für den heutigen Ethikrat – der ausschließlich sagte: Forschung ist immer gut, und niemanden, der Forschung grundsätzlich ablehnte. Es ging und geht mehr um die Grundhaltung, mit der man sich einer Fragestellung annähert, also ob man zuerst nach den Risiken oder zuerst nach den Chancen fragt. Und da würde ich dem ehemaligen Ethikrat keine Einseitigkeit attestieren.

In der Öffentlichkeit entstand aber anfangs der Eindruck, dass im früheren Ethikrat das Entgegenkommen gegenüber der Forschung überwog und nicht die Kritiker die Meinung mitgeprägt haben.
Woopen: Es war ein ausgewogenes Miteinander. Ich erinnere mich an die anfängliche Diskussion über die Stammzellforschung. Da haben einige Mitglieder ihre Position in der Öffentlichkeit verfremdet dargestellt gefunden. Ich glaube, das hatte weniger mit den Personen als mit der Entstehungsgeschichte des Rats zu tun. Zur Zeit der Gründung wurde intensiv über embryonale Stammzellforschung debattiert, die im Bundestag teilweise restriktive Gegner hatte. So dominierte der Eindruck, dass der damalige Bundeskanzler im Handstreich den Nationalen Ethikrat als forschungsfreundlichen Gegenpart installiert habe. Die tatsächlich abgegebenen Voten haben dann schließlich bewiesen, dass von einer einseitigen Forschungseuphorie nicht die Rede sein konnte.

Die Mehrheitsvoten nicht nur zur Stammzellforschung gingen aber doch eher in Richtung Forschungsfreiheit, die Präimplantationsdiagnostik (PID) wollte man doch beispielsweise unter bestimmten Voraussetzungen gestatten.
Woopen: Aber die Mehrheitsvoten waren knapp. Abgesehen davon gehörte und gehöre ich zu denen, die der Auffassung sind, dass man solche Voten nicht nach Stimmenverhältnissen wahrnehmen sollte. Wie viele Mitglieder für oder gegen eine bestimmte Regelung sind, ist nach meiner Auffassung für ein solches Beratungsgremium nicht vorrangig. Wichtiger ist es, dass das gesamte Spektrum an Argumenten berücksichtigt, gebündelt und strukturiert wird, um denjenigen, die die Entscheidung treffen müssen, eine fundierte Meinungsbildung zu erleichtern.

Der ärztliche Sachverstand ist nach Auffassung von Woopen im Deutschen Ethikrat durchaus vorhanden.Außerdem können auch externe Sachverständige eingeladen werden. Fotos: Lajos Jardi
Der ärztliche Sachverstand ist nach Auffassung von Woopen im Deutschen Ethikrat durchaus vorhanden.Außerdem können auch externe Sachverständige eingeladen werden. Fotos: Lajos Jardi
Im Grunde genommen wäre es fast gleich, wie die Voten ausfallen. Die Hauptsache ist, das Meinungsspektrum kommt zum Ausdruck – haben wir Sie da richtig verstanden?
Woopen: Ja, vom Grundsatz her sehe ich das so, wenn man bedenkt, welch fundamentale Fragen zum Beispiel zum Lebensanfang oder zum Lebensende der Ethikrat behandeln muss. Würde er in diesen Fragen immer eine einheitliche Überzeugung vertreten, erschiene mir das angesichts der Vielfalt moralischer Überzeugungen in der Gesellschaft unplausibel. Dennoch ist es seine große Aufgabe, Konsensbereiche zu identifizieren und tatsächlich einen Rat zu geben. Wenn vor diesem Hintergrund der Ethikrat dann nahezu einstimmig eine bestimmte Empfehlung ausspricht und es nur einzelne Ausscherende gibt – die selbstverständlich auch ihre Auffassung in der Stellungnahme darlegen – entfaltet eine solche einmütige Stellungnahme schon eine Überzeugungskraft an sich.

Sind Sie denn generell mit der öffentlichen Wirkung Ihrer Stellungnahmen zufrieden?
Woopen: Das war bei den vielen Stellungnahmen des Nationalen Ethikrats unterschiedlich. Zur genetischen Diagnostik vor und während der Schwangerschaft gab es beispielsweise eine sehr intensive öffentliche Diskussion. Weniger emotionale Themen wurden in der breiten Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen, wohingegen die Stellungnahmen zur Patientenverfügung und zur Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende differenziert rezipiert wurden. Der Nationale Ethikrat hätte sich allerdings einen besseren Kontakt mit dem Bundestag gewünscht.

Hatten Sie beim alten Ethikrat mit dem Bundestag und seiner Enquete-Kommission außer Reibungsflächen überhaupt Kontakte?
Woopen: Es gab viele gute inoffizielle Kontakte. Dass sich die Enquete-Kommission von der Einsetzung des Nationalen Ethikrats düpiert fühlte, kann ich verstehen. Das war jedoch nicht die Absicht derer, die in den Nationalen Ethikrat berufen wurden. Letztlich war es aber doch eine Zusammenarbeit – wenn auch mit Reibungsflächen und einigen Kontroversen – im Engagement für gemeinsame, gesellschaftlich bedeutungsvolle Themen.

Wie ist denn die Arbeit des neuen Deutschen Ethikrats angelaufen?
Woopen: Wir sind in der Findungsphase und sammeln solche Fragestellungen, denen wir eine hohe gesellschaftliche Relevanz beimessen, was nicht unbedingt schon gesetzgeberische Relevanz heißen muss. Wir wollen die Themen identifizieren, von denen wir der Überzeugung sind, dass es sich lohnt, sie in die öffentliche Diskussion zu befördern. In welcher Form wir sie dann im Rat weiter verfolgen, ob beispielsweise Stellungnahme, Bericht, öffentliche Veranstaltung, wird nach dem Durchleuchten eines Themas jeweils eigens diskutiert. Darüber hinaus haben wir erste Kontakte zu ausländischen Ethikräten aufgenommen und planen einen Austausch zu gemeinsam interessierenden Themen. Ebenso laufen die Vorbereitungen für die ersten öffentlichen Veranstaltungen.

Glauben Sie, dass Sie mit dem Parlamentarischen Beirat harmonischer zusammenarbeiten können als mit der früheren Enquete-Kommission des Bundestags, zu der es das schon erwähnte Konkurrenzverhalten gab?
Woopen: Beirat und Enquete-Kommission sind von ihrer Struktur und ihrem Auftrag her nicht miteinander zu vergleichen. Es gibt im Parlamentarischen Beirat keine externen Experten mehr, er besteht ausschließlich aus Bundestagsabgeordneten, die von ihren Fraktionen benannt sind. Seine explizite Aufgabe ist der Kontakt zwischen dem Ethikrat und dem Bundestag. Es gab erste Begegnungen, und ich bin mir sicher, dass es eine gute Zusammenarbeit wird.

Auch der neue Ethikrat beschäftigt sich überwiegend mit medizinischen und ärztlichen Themen. Bringt der Ethikrat genug medizinischen Sachverstand zusammen, oder sind die Ärzte zu schlecht vertreten?
Woopen: Der ärztliche Sachverstand ist durchaus vorhanden, er steht aber nicht im Vordergrund. Die Breite der vertretenen Expertise ist geblieben: Jura, Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Biologie und weitere Disziplinen. Im Unterschied zum Nationalen Ethikrat haben wir über eine Neugestaltung der Geschäftsordnung jetzt die Möglichkeit, in unsere Arbeitsgruppen externe Sachverständige als Dauergäste einzuladen. Der Nationale Ethikrat war darauf angewiesen, die Fachperspektiven in den Arbeitsgruppen mit eigenen Mitgliedern zu bestücken. Wenn eine Fachkompetenz gefehlt hat, wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben oder eine Anhörung durchgeführt. Jetzt können wir Sachverständige kontinuierlich in die Arbeit einer Arbeitsgruppe einbinden. Das kann je nach thematischer Ausrichtung sehr hilfreich sein. Denn mit 26 Mitgliedern kann man zwar ein gewisses Spektrum abdecken, aber nicht alle Themen, die zu bearbeiten sind.

Von Ihnen wird eine Äußerung kolportiert, die Kirchen hätten zu großes Gewicht bei der Meinungsbildung und sollten das mal den Wissenschaftlern überlassen. Wie denken Sie sich das?
Woopen: Hier muss es sich offensichtlich um ein Missverständnis gehandelt haben. Es gab ein Interview und dazu die Schlagzeile „Einfluss der Kirche ist groß“ (Kölner Stadt-Anzeiger vom 30. 5. 2008, Anmerkung d. Red.). Im Interview habe ich auch genau das gesagt, dass ich nämlich den Einfluss der Kirchen für groß halte, ich habe nicht gesagt „zu groß“. Das würde im Übrigen weder meinen Grundüberzeugungen noch meiner grundsätzlich wissenschaftlichen Haltung entsprechen.

Wie kommt denn der Ethikrat überhaupt zu einer ethisch fundierten Meinung, woher bezieht er seine Überzeugungen? Aus dem Grundgesetz, aus der Deklaration der Menschenrechte, aus dem eigenen Gewissen der Mitglieder, aus der Philosophie, aus der Geschichte des Abendlandes?
Woopen: Alle Mitglieder des Ethikrats teilen die Grundüberzeugung von der Geltung der Menschenrechte und fühlen sich dem Schutz der Würde des Menschen verpflichtet. Auf dieser Grundlage bringt jeder Einzelne Wertvorstellungen und Gewichtungen aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten und fachlicher Expertise mit. Auch wenn der uns allen vorgegebene Rahmen das Grundgesetz ist, kann man dieses im Einzelfall ganz unterschiedlich auslegen. Die Argumente, die aus den verschiedenen Perspektiven heraus entwickelt werden, werden sodann zusammengenommen, in Beziehung zueinander gesetzt, es wird nach Gemeinsamkeiten – auch bei unterschiedlichen Ausgangspunkten – gesucht, und es werden Empfehlungen formuliert. Es wäre ein vergebliches Unterfangen anzustreben, dass der gesamte Ethikrat als Gremium in einer freien und pluralistischen Gesellschaft in allen Fragen eine gemeinsame moralische Position findet. Das ist aber nicht schädlich für seine Arbeit, ganz im Gegenteil. Denn nicht die Entwicklung einer gemeinsamen Grundüberzeugung ist seine Aufgabe, sondern angesichts vieler verschiedener Überzeugungen einmütige Lösungen für Handlungsbereiche zu entwickeln, die für die Gesellschaft lebbar sind.
Die Fragen stellten Norbert Jachertz und Gisela Klinkhammer.
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