ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2008Approbationsentzug für jüdische Ärzte: „Bestallung erloschen“

THEMEN DER ZEIT

Approbationsentzug für jüdische Ärzte: „Bestallung erloschen“

Dtsch Arztebl 2008; 105(39): A-2043 / B-1754 / C-1714

Schwoch, Rebecca

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Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begannen die Repressalien gegen die jüdischen Ärzte. Das Porträt zeigt Dr. med. Arthur Samuel (1892–1971). Foto: Ullstein Foto: privat
Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begannen die Repressalien gegen die jüdischen Ärzte. Das Porträt zeigt Dr. med. Arthur Samuel (1892–1971). Foto: Ullstein Foto: privat
Vor 70 Jahren, am 30. September 1938 wurde den noch im Deutschen Reich verbliebenen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Fortan waren sie nur noch auf Antrag als Krankenbehandler für jüdische Patienten zugelassen.

Am 12. Dezember 1933 erhielt Dr. med. Arthur Samuel ein Schreiben vom Bezirksamt Berlin-Köpenick, in dem es hieß: „Die Eigenart Ihrer Tätigkeit als Schularzt bringt Sie in enge Berührung mit allen Schichten der Bevölkerung, insbesondere mit der Schuljugend. Es kann nicht ausbleiben, daß Ihre nichtarische Abstammung die Ausübung Ihrer Tätigkeit unter diesen Umständen zur Unmöglichkeit macht.“ (1) Dr. Samuel war aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 in den Ruhestand versetzt worden. Dieses Gesetz war das Instrument, mit dem die Nationalsozialisten beamtete und im öffentlichen Dienst angestellte jüdische und politisch missliebige Personen entließen. NS-konforme Vertreter des Ärztestands wie Julius Hadrich konnten befriedigt feststellen, dass die Reichsregierung mit diesem Gesetz „wie in vielen anderen Punkten, die liberalistische Linie deutscher Kultur- und Schulpolitik verlassen (hat). Das Laissez-faire, Laissez-aller ist vorüber. Die Dinge werden jetzt zurechtgerückt. Hart für manchen, notwendig für das Ganze.“ (2)

Vielen ärztlichen Standesvertretern ging das Berufsbeamtengesetz jedoch nicht weit genug, schaltete es doch nicht alle unliebsamen Störenfriede innerhalb der Ärzteschaft aus. So kündigte Reichsärzteführer Gerhard Wagner schon bald an, dass „in Zukunft keine jüdischen Ärzte mehr zur kassenärztlichen Tätigkeit zugelassen werden“ (3). Und tatsächlich war es den Nationalsozialisten mit der ersten „Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen“ vom 22. April 1933 gelungen, Bestimmungen des Berufsbeamtengesetzes auch auf Kassenärzte auszuweiten. Hier hieß es nämlich, dass die Tätigkeit von Kassenärzten „nichtarischer Abstammung und von Kassenärzten, die sich im kommunistischen Sinne betätigt haben“, beendet würde. Beschwerden gegen den Entzug einer Kassenzulassung konnten an den Vorstand des Hartmannbundes gerichtet werden; letztinstanzlich entschied das Reichsarbeitsministerium. Ausnahmen wurden, wie schon im Berufsbeamtengesetz, für „nichtarische“ Kassenärzte gemacht, wenn sie bereits vor 1914 niedergelassen waren, an der Front als Soldaten gekämpft oder in einem Seuchenlazarett gedient hatten, nicht jedoch, wenn sie sich im „kommunistischen Sinne“ betätigt hatten (4). Mit Großzügigkeit oder gar Mitgefühl hatte diese Ausnahmeregelung nichts zu tun; die Angst vor einer medizinischen Unterversorgung war zu groß, gleichermaßen aber auch berechtigt. Während die Anzahl der jüdischen Ordinarien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bei gerade einmal 1,7 Prozent lag, so übertraf die Anzahl der jüdischen Kassenärzte vor allem in größeren Städten oftmals die der „arischen“: Von schätzungsweise 3 600 Berliner Kassenärzten galten – nach der biologistischen Definition der Nationalsozialisten – im Jahr 1933 sicher mehr als 2 000 als jüdisch. Bei einer sofortigen Ausschaltung aller jüdischen (Kassen-) Ärzte wäre die (kassen-)ärztliche Versorgung in vielen Gegenden nicht aufrechtzuerhalten gewesen.

Boykottmaßnahmen und Verhaftungen
So erließen die Nationalsozialisten eine Flut von Rundschreiben, Erlassen, An- und Verordnungen oder Gesetzen, die nach und nach erschienen und die die finanzielle sowie bald auch überlebenswichtige Existenzsicherung der Betroffenen immer mehr gefährdeten. So entzog die Verordnung vom 20. November 1933 allen „nichtarischen“ Ärzten und Frontkämpfern sowie allen „arischen“ Ärzten und Ärztinnen, die mit einem „nichtarischen Ehegatten“ verheiratet waren und in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern lebten, „vorbehaltlich einer endgültigen Regelung“ die Kassenzulassung. Karl Haedenkamp, der all diese Verordnungen kraft seines Amtes als Mitarbeiter im Reichsarbeitsministerium aktiv mitgestaltete, äußerte unverblümt den Grund für ein solches Vorgehen: „Die neue Vorschrift hat den Zweck, den Ausgleich des starken Mißverhältnisses zu ermöglichen, der namentlich in den Großstädten zwischen der Zahl der nichtarischen und der arischen Ärzte besteht. Dieses Mißverhältnis ist besonders in Berlin auch jetzt noch unerträglich groß, über die Hälfte der zugelassenen Ärzte sind dort nichtarischer Abstammung.“ (5)

Abgesehen von alltäglichen Boykottmaßnahmen, Verhaftungsaktionen oder Misshandlungen schnürten weitere gesetzliche Maßnahmen die Schlinge immer enger. Hier seien nur einige erwähnt: Dienst- und Mietverträge konnten vorzeitig gekündigt werden; „deutschstämmige“ Ärzte durften weder Patienten an „fremdrassige“ Ärzte überweisen noch sich gegenseitig vertreten; jüdische Ärzte durften keine ärztlichen Fortbildungskurse mehr besuchen und wurden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ausgeschlossen; jüdische Besitzer von Privatkliniken durften die Untersuchungen von gesetzlich Krankenversicherten nicht mehr abrechnen; jüdische Hilfsbedürftige durften eine Behandlung durch einen „deutschen Wohlfahrtsarzt“ nicht mehr in Anspruch nehmen; das Reichstudentenwerk wurde aufgefordert, die ärztliche Versorgung von Studenten und Fachschülern nur noch von „arischen“ Ärzten durchführen zu lassen; Krankenkassenverbände stellten Listen mit den Namen „arischer“ Ärzte zusammen, die zu konsultieren die Mitglieder ausdrücklich aufgerufen wurden. Die Nürnberger Rassegesetze vom September 1935 verschärften die Diffamierung: Eine Klassifizierung von „Volljuden“, „Halbjuden“, „Vierteljuden“ und anderen wurde eingeführt, alle Juden wurden gesetzlich zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Die Reichsärzteordnung, im April 1936 in Kraft getreten, schrieb unter anderem fest, dass nun nur noch solche Ärzte zur Behandlung und Gesundheitsführung „deutscher“ Menschen neu zuzulassen seien, die in „rassischer“ Beziehung den nationalsozialistischen Anforderungen genügten.

Aber es kam noch schlimmer: Mitte 1938 galt die „Ausschaltung“ der jüdischen Ärzte als beendet, sodass Reichsärzteführer Gerhard Wagner befriedigt feststellen konnte: „Diesen jüdischen Verbrechern ist jetzt das Handwerk gelegt.“ (6) Am 25. Juli 1938 war nämlich die 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz erlassen worden, deren § 1 bestimmte: „Bestallungen (Approbationen) jüdischer Ärzte erlöschen am 30. September 1938.“ Jüdischen Ärzten war damit gesetzlich verboten, „die Heilkunde auszuüben“ (§ 3, 1). „Der Reichsminister des Innern oder die von ihm ermächtigte Stelle“ konnte laut § 2 auf Vorschlag der Reichsärztekammer „die Ausübung des Ärzteberufes widerruflich gestatten“. Die ärztliche Approbation wurde de facto ohnehin schon nicht mehr an Juden erteilt, nun aber war es Gesetz: „Die Bestallung als Arzt kann einem Juden nicht erteilt werden.“ (§ 4) (7)

Im Oktober 1938 waren im Deutschen Reich noch etwa 709 jüdische Ärzte als „Krankenbehandler“, die als Kassen- und Wohlfahrtsärzte arbeiteten, zur ärztlichen Tätigkeit zugelassen; Ende 1938 waren es wahrscheinlich nur noch 285. Nach den diskriminierenden und vernichtenden Sonderregelungen waren sie von den rund 8 000 jüdischen Ärzten, die zu Beginn des Jahres 1933 im Deutschen Reich tätig gewesen waren, übrig geblieben (8). Zu ihnen gehörte auch Arthur Samuel; im August 1938 schrieb er an die Ärztekammer Berlin: „Hiermit bitte ich, mich zur Behandlung jüdischer Patienten zuzulassen.“ (9) In Berlin-Britz versorgte er bis 1945 als „Krankenbehandler“ unter den schwierigsten Bedingungen jüdische Patienten. Wegen seiner „arischen“ Ehefrau blieb er von der Vernichtung verschont. Sein Arztschild zeigte vorschriftsgemäß „auf blauem Grund einen gelben Kreis mit blauem Davidstern“; dieses Zeichen musste auch auf Rezepten und Briefbogen geführt werden. Außerdem war auf dem Schild und auf allen Papieren deutlich sichtbar vermerkt: „Zur ärztlichen Behandlung ausschließlich von Juden berechtigt“. (10)

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2008; 105(39): A 2043–4

Anschrift der Verfasserin
Dr. phil. Rebecca Schwoch
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
E-Mail: schwoch@uke.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3908
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 1.
Nachlass Dr. med. Arthur Samuel, in Privatbesitz.
 2.
Hadrich J: Neuer Staat und Hochschulüberfüllung. Ärztliche Mitteilungen 1993; 34: 399–401.
 3.
Rüther M: Ärztliches Standeswesen im Nationalsozialismus 1933–1945. In: Jütte R (Hrsg.): Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Köln 1997; 143–8.
 4.
RGBl. I, 1933; 222.
 5.
Haedenkamp K: Zulassung von Ärzten, Zahnärzten und Zahntechnikern. Dtsch Arztebl 1933; 63: 622–3.
 6.
Wagner G: Rasse und Volksgesundheit. In: Der Parteitag Großdeutschland vom 5. bis 12. September 1938. Offizieller Bericht über den Verlauf des Reichsparteitages mit sämtlichen Kongreßreden, München 1938; 122–33.
 7.
RGBl. I 1938; 969.
 8.
Leibfried S, Tennstedt F: Berufsverbote und Sozialpolitik 1933. Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtergreifung auf die Krankenkassenverwaltung und die Kassenärzte. Analyse. Materialien zu Angriff und Selbsthilfe. Erinnerungen (= Arbeitspapiere des Forschungsschwerpunktes Reproduktionsrisiken, soziale Bewegungen und Sozialpolitik, Nr. 2, Universität Bremen). Bremen 1981; 106–7.
 9.
Nachlass Samuel, in Privatbesitz.
10.
Landesarchiv Berlin: A Rep. 003–03, Nr. 250, Bl. 71.
 1. Nachlass Dr. med. Arthur Samuel, in Privatbesitz.
 2. Hadrich J: Neuer Staat und Hochschulüberfüllung. Ärztliche Mitteilungen 1993; 34: 399–401.
 3. Rüther M: Ärztliches Standeswesen im Nationalsozialismus 1933–1945. In: Jütte R (Hrsg.): Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Köln 1997; 143–8.
 4. RGBl. I, 1933; 222.
 5. Haedenkamp K: Zulassung von Ärzten, Zahnärzten und Zahntechnikern. Dtsch Arztebl 1933; 63: 622–3.
 6. Wagner G: Rasse und Volksgesundheit. In: Der Parteitag Großdeutschland vom 5. bis 12. September 1938. Offizieller Bericht über den Verlauf des Reichsparteitages mit sämtlichen Kongreßreden, München 1938; 122–33.
 7. RGBl. I 1938; 969.
 8. Leibfried S, Tennstedt F: Berufsverbote und Sozialpolitik 1933. Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtergreifung auf die Krankenkassenverwaltung und die Kassenärzte. Analyse. Materialien zu Angriff und Selbsthilfe. Erinnerungen (= Arbeitspapiere des Forschungsschwerpunktes Reproduktionsrisiken, soziale Bewegungen und Sozialpolitik, Nr. 2, Universität Bremen). Bremen 1981; 106–7.
 9. Nachlass Samuel, in Privatbesitz.
10. Landesarchiv Berlin: A Rep. 003–03, Nr. 250, Bl. 71.

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