ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2008„Wolke 9“: Alte Liebe

KULTUR

„Wolke 9“: Alte Liebe

Dtsch Arztebl 2008; 105(39): A-2055 / B-1763 / C-1723

Osterloh, Falk

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Foto: Senator Filmverleih
Foto: Senator Filmverleih
In seinem neuen Film widmet sich Andreas Dresen dem Tabuthema
Sex im Alter.

Bald feiert Inge ihren 70. Geburtstag. Seit 30 Jahren ist sie mit Werner zusammen. Sie sind zufrieden, auch wenn die Routine des Alltags jede Romantik längst verdrängt hat. Am Abend sitzen sie auf dem Sofa und lauschen dem Klang alter Lokomotiven von einer Langspielplatte. Denn Lokomotiven sind Werners Hobby. Als Inge Karl kennenlernt, ist es nicht Liebe, sondern Lust auf den ersten Blick. Karl ist 76 Jahre alt. Sie lieben sich spontan auf den Wohnzimmerdielen. Von diesem Moment an ist in Inges Leben nichts mehr so, wie es war. Heimlich trifft sie sich mit Karl. Zusammen baden sie nackt in einem nahen See, schlafen miteinander, so oft sich die Gelegenheit bietet. Und zu einem Zeitpunkt, an dem andere Paare sich mit ihrem Lebensabend arrangieren, merkt Inge, dass sie sich in Karl verliebt hat. Und sie muss sich die Frage stellen, ob sie den Mut hat, noch einmal von vorn anzufangen.

Sex im Alter ist eines der wenigen Themen, die auch in der Postmoderne noch ein Tabu darstellen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen findet man es bisweilen in theorielastigen Dokumentationen des Nachtprogramms. Während man nackter glatter Haut in Werbung und Spielfilmen heute kaum noch entkommen kann, sucht man nackte faltige Haut auch in der übervisualisierten Welt des globalen Kapitalismus vergebens. In „Wolke 9“ jedoch gibt es sie. Der deutsche Regisseur Andreas Dresen zeigt sie ebenso ausgiebig wie selbstverständlich. Und schon bald wird die Frage aufgeworfen, weshalb es sich bei diesem Thema überhaupt um ein Tabu handelt. „Wolke 9“ zeigt, dass Gefühle kein Alter kennen. Und der Film zeigt, dass sich auch in einer Gesellschaft des demografischen Wandels alte Menschen ihr Recht auf Gefühle erst erkämpfen müssen. Er ist ein Plädoyer für eine Emanzipation des Alters. Denn der Film betrachtet das Alter nicht als Bürde, sondern als Geschenk.
Falk Osterloh
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