ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1997Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft Risiken von Carbamazepin im ambulanten Alkoholentzug

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft Risiken von Carbamazepin im ambulanten Alkoholentzug

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LNSLNS Alkoholabhängige wurden früher zum Alkoholentzug überwiegend in ein Krankenhaus eingewiesen und sollten auch heute noch stationär behandelt werden, wenn zum Beispiel Anfälle oder Delirien in der Vorgeschichte, sehr hoher Alkoholkonsum, schlechter Allgemeinzustand oder eine mangelnde soziale Unterstützung des Patienten bekannt sind. Liegen solche Bedingungen jedoch nicht vor, können bei entzugswilligen Alkoholkranken auch ambulante Entzugsbehandlungen durch entsprechend erfahrene Ärzte indiziert sein. Dazu werden in der letzten Zeit berechtigterweise zunehmend Carbamazepin-Präparate eingesetzt, obwohl seitens der Hersteller ausdrücklich auf die Notwendigkeit einer stationären Überwachung bei der Anwendung zur Anfallsverhütung bei Alkoholentzugssyndrom hingewiesen wird. So wurden auch die anfallsprophylaktische Wirkung, die Dämpfung vegetativer Entzugssymptome und eine Minderung der psychomotorischen Unruhe in Studien mit Carbamazepin meist an stationären Patienten beschrieben. Allerdings ist eine Anfallsprophylaxe nur dann gewährleistet, wenn Carbamazepin rasch aufdosiert wird. Da die Gefahr von Entzugsanfällen in den ersten Tagen der Alkoholkarenz am höchsten ist, sollte Carbamazepin am ersten Behandlungstag je nach restlicher Alkoholintoxikation in einer Dosierung zwischen 600 und 1 200 mg, am zweiten Tag von 1 200 mg, am dritten Tag von 800 mg, am vierten Tag von 400 mg verordnet werden. In der Regel kann die Einnahme von Carbamazepin um den fünften Tag beendet werden; mit abweichenden Entzugsverläufen, den sogenannten zwei- oder mehrzeitigen Entzügen, ist allerdings dann zu rechnen, wenn Patienten außerdem längerfristig oder höherdosiert Benzodiazepine oder noch zusätzlich andere Suchtdrogen einnehmen. Vor Entzugsdelirien schützt Carbamazepin nicht zuverlässig. In jedem Fall sollte ein täglicher Kurzkontakt mit dem Patienten hergestellt werden, damit der niedergelassene Arzt den Verlauf der Entzugssymptomatik auch sicher beurteilen kann.
Bei der Verordnung von Carbamazepin in dieser Indikation sollten Retard-Präparate vermieden werden. So liegen Berichte vor, daß Patienten empfohlene Dosierungen bis in den schweren Intoxikationsbereich steigerten, da die gewünschten Wirkungen nicht schnell genug eintraten (1). Oder Patienten mißdeuteten verzögert auftretende unerwünschte Arzneimittelwirkungen der Retard-Präparate als Entzugssymptome, was ebenfalls zu eigenmächtigen Dosiserhöhungen mit Intoxikationsfolgen führte (2).
Bei dieser Gelegenheit weist die AkdÄ nochmals darauf hin, daß der Einsatz von Medikamenten außerhalb der zugelassenen Indikationen grundsätzlich im Rahmen der Therapiefreiheit möglich ist, jedoch erhöhte haftungsrechtliche Risiken für den Arzt impliziert und deshalb mit Blick auf den Einzelfall einer besonderen Begründung bedarf, die auch schriftlich zu dokumentieren ist.
(1) Deutsches Ärzteblatt, 1986, Heft 36, A-2370; Frühwarnsystem für unerwünschte Arzneimittelwirkungen: Was brachte das Jahr 1985?
(2) Arzneiverordnungen, Hrsg. Mitglieder der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, 17. Auflage, 1992, S. 240, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln.
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