ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2008Von schräg unten: Telefonieren

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Telefonieren

Böhmeke, Thomas

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Ein eingehendes Telefonat kann in der Hektik unseres Berufsalltags gelegentlich ein bisschen störend sein, manchmal sogar sehr. Dies ist so angenehm wie dem Kolonpolypen die sich um seinen Hals legende Diathermieschlinge. Jeder von uns kennt die Situation, wenn ein Anrufer unsere Bemühungen um einen Patienten im Status asthmaticus mit der Frage unterbricht, ob sein erhöhtes LDL für eine Erwerbsunfähigkeit ausreichen würde. Und ziemlich grantig wird, da er keinen langatmigen Kommentar erhält, weil der andere Mensch immer kurzatmiger wird. Ich für meinen Teil pflege, wenn anrufend, in Erfahrung zu bringen, ob ich denn stören würde. Zum anderen gebe ich, wenn kontaktiert, gern Auskunft über meinen momentanen Aggregatzustand. „Böhmeke beim Multitasking, guten Tag!“, spiegelt dem Anrufer den Normalzustand in der Sprechstunde wider: Die rechte Hand hält den Ultraschallkopf, die linke unterzeichnet ein Rezept, der Telefonhörer ist zwischen Schulterblatt und Ohrläppchen eingeklemmt, das rechte Auge fixiert den Bildschirm des Sonografiegeräts, während das linke Krankenhausberichte durchliest. „Böhmeke, reichlich desorientiert!“, lässt darauf schließen, dass ich mich gerade mit der Quartalsabrechnung auseinandersetze. Hand aufs verwirrte Hirn: Verstehen Sie noch, wie Ihr Punktzahlgrenzvolumen berechnet wird? Ich nicht. Solange mich die Kassenärztliche Vereinigung gut behandelt, hinterfrage ich nicht das Mysterium. „Böhmeke in den letzten Zügen, guten Abend!“, lautet der verbale Empfang am Freitagabend, der meinem Gesprächspartner signalisieren soll, dass ich abgerieben bin wie ein 100-jähriger Hüftkopf.

Derlei dezente Hinweise lassen meine Schutzbefohlenen meist unbeeindruckt. Nicht ungewöhnlich ist es, dass ein Anrufer mich lautstark um Auskunft über eine Reiserücktrittversicherung zwingen will, während ich mich um einen armen Menschen mit einer AV-Reentry-Tachykardie und einer Herzfrequenz von 200 pro Minute kümmern möchte. Dann kann es schon sein, dass ich die mir selbst auferlegte Höflichkeit ablege und das Gespräch abwürge. Wie die Schlinge den besagten Kolonpolypen.
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