ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 3/2008Kapitalmarkt: Langfristige Planung in unsicherem Fahrwasser

Supplement: PRAXiS

Kapitalmarkt: Langfristige Planung in unsicherem Fahrwasser

Dtsch Arztebl 2008; 105(40): [22]

Jobst, Peter

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„Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen ..., und nach fünf oder zehn Jahren wird man eine angenehme Überraschung erleben.“ Börsen-Altmeister André Kostolany.Foto: dpa
„Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen ..., und nach fünf oder zehn Jahren wird man eine angenehme Überraschung erleben.“ Börsen-Altmeister André Kostolany.
Foto: dpa
Geldanleger haben es derzeit nicht einfach: Die Kurse festverzinslicher Wertpapiere leiden zumindest zeitweise unter den steigenden Kapitalmarktzinsen, über den Aktien schwebt mehr denn je das Damoklesschwert Subprime-Krise, und auch im Ausland ist infolge des starken Euros wenig zu holen. Langfristig könnte sich ein baldiger Einstieg jedoch lohnen.

Deutschland in Ausverkaufsstimmung“, titulierte kürzlich eine Boulevardzeitung – und meinte damit keineswegs die Schnäppchenjagd auf den Kaufhausetagen. Vielmehr wurde die Entwicklung an der Aktien- und Beteiligungsfront beschrieben. Hier decken sich ausländische Kapitalanleger, insbesondere institutionelle Investoren wie Fonds- und Pensionskassen, bereits seit Jahren kräftig ein – und konnten dabei gut profitieren. Zwischen 2003 und 2007 hat sich der Deutsche Aktienindex mehr als verdreifacht. Auch der Kursrückgang seit Jahresbeginn 2008 brachte den Ausländern keine nennenswerten Verluste, wurde er doch durch den starken Euro mehr als kompensiert.

Deutsche Sparer profitierten indes wenig von der – insgesamt betrachtet – erfreulichen Entwicklung. Als die Kurse an der Börse zu steigen begannen, wagte niemand den Einstieg. Zu groß waren die Verluste in der Baisse der Jahre 2000 bis 2003 ausgefallen, zu tief steckte den Investoren die Angst in den Knochen. Aktien galten als „gefährlich“, mit einem neuerlichen Rückschlag wurde jeden Tag gerechnet. Erste vorsichtige Engagements privater Sparer waren erst ab Mitte 2006 zu beobachten, doch dann sorgte die Subprime-Krise für neuerliche Verluste – die bei deutschen Anlegern nicht einmal durch die Währungsentwicklung ausgeglichen werden konnten. Entsprechend ist die Zahl der Aktienbesitzer nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) im ersten Halbjahr 2008 weiter um 483 000 auf 9,83 Millionen zurückgegangen. Zum Höhepunkt der Hausse hatten sich noch mehr als 13 Millionen Deutsche in Beteiligungswerten engagiert.

Gerade nach den jüngsten Kursrückgängen werden jedoch viele deutsche Unternehmen quasi zu „Ausverkaufspreisen“ gehandelt: Liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) deutscher Aktien in „normalen“ Börsenzeiten in einer Größenordnung zwischen zehn und 15, sind heute viele Unternehmen nur noch mit dem sechs- bis achtfachen Jahresgewinn notiert. Auch die Dividendenzahlungen fallen mehr als üppig aus: Zwischen vier und mehr als sieben Prozent – so schätzen Experten – können Anleger im Frühjahr 2009 als Dividendenzahlung für 2008 bei vielen DAX-Titeln einstreichen. Entsprechend groß ist nach wie vor das Interesse aus dem Ausland. Und dabei geht es mittlerweile nicht mehr nur um Kleinigkeiten, sondern um ganz erhebliche Engagements, wie die Beispiele Daimler oder TUI beweisen. Offenbar beurteilt man im Ausland die bestehenden Risiken – angefangen von Subprime-Krise über steigende Rohstoffpreise und Zinsen bis hin zu Unsicherheiten an der Währungsfront – als weitaus weniger gravierend beziehungsweise als bereits weitgehend ausgestanden.

Bereits seit Jahrzehnten hat es sich jedoch immer wieder bezahlt gemacht, dem Engagement ausländischer Anleger nachzueifern. Aktien sollten daher auch heute in keinem gut sortierten Portefeuille fehlen. Dies kann in vergleichsweise breiter Form sein, etwa via Investmentfonds oder Indexzertifikat, oder aber in eher konzentrierter Form durch einzelne Aktien. Im ersten Fall sollten Anleger außer auf den Umfang der Beteiligung insbesondere auf die Spesen achten, im zweiten Fall empfiehlt sich gerade jetzt eine selektive Anlage. Vor dem Kauf sollte man das Unternehmen etwa in Hinblick auf künftige Produktentwicklungen, Ertragserwartungen und fundamentale Kennzahlen unter die Lupe nehmen, aber auch einen Blick auf den Kurschart der Aktie werfen – der oftmals mehr aussagt als jede Bilanz. Im Übrigen sollte nicht gleich das ganze Kapital investiert werden, sondern vielmehr am Aufbau von Positionen gearbeitet werden. Besonders wichtig jedoch: Standardaktien sollten als langfristiges Engagement verstanden werden. Ein hektisches Kaufen und Verkaufen und das Reagieren auf Tagestendenzen freut zwar die Bank, kostet aber letztlich nur hohe Gebühren. „Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen . . ., und nach fünf oder zehn Jahren wird man eine angenehme Überraschung erleben“, lautete der Rat von Börsen-Altmeister André Kostolany, der sich immer wieder bezahlt gemacht hat.

Schwieriger ist aber auch die Lage am Rentenmarkt geworden: War die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen im Herbst 2005 noch auf rund 2,8 Prozent gefallen, so verzeichnete der Markt in den folgenden drei Jahren einen Zinsanstieg auf bis zu 4,8 Prozent. Entsprechend groß waren die Verluste bei den bereits umlaufenden Papieren: Um den Renditeanstieg auszugleichen, gaben ihre Kurse je nach Restlaufzeit zwischen zwei Prozent und mehr als zehn Prozent nach. Keineswegs sicher ist außerdem, dass der Zinsanstieg nach der jüngsten Gegenreaktion bereits sein Ende gefunden hat: Einerseits spricht die sich doch deutlich abschwächende Konjunktur für einen fortgesetzten Renditerückgang im weiteren Jahresverlauf. Andererseits sind die Rohstoffpreise insbesondere im Jahr 2008 so stark gestiegen, dass die Europäische Zentralbank alles daransetzen muss, die Inflationsrate wieder in den Griff zu bekommen. Eine Möglichkeit dazu ist die Verknappung finanzieller Mittel – unter anderem über eine Anhebung der Zinsen.

Anleihen als erste Wahl
Auch hier lohnt sich also wieder ein selektives Vorgehen: Erste Wahl sind aktuell Anleihen mit Laufzeiten von maximal fünf bis sechs Jahren. Sie bringen einen vergleichsweise angemessenen Ertrag, gleichzeitig halten sich die Kursrisiken im Fall steigender Zinsen in überschaubaren Grenzen. Längere Laufzeiten bringen derzeit kaum einen nennenswerten Mehrertrag, zudem könnten ihre Kurse im Fall steigender Zinsen nochmals unter Druck geraten. Alternativ kommen auch Unternehmensanleihen bonitätsstarker Konzerne in Betracht, die vor dem Hintergrund der Finanzkrise heute Renditen zwischen 5,5 Prozent und mehr als neun Prozent bringen. Entscheidend ist hier allerdings wirklich die Bonität, denn Beispiele wie die IKB haben gezeigt, dass selbst vermeintlich solide Emittenten in finanzielle Schwierigkeiten geraten können. Wer dieses Risiko vermeiden will, kann zum Zwischenparken seines Kapitals auch die derzeit besonders hoch verzinsten Festgelder wählen, wobei generell nur Anbieter mit vollwertiger Mitgliedschaft in der deutschen Einlagensicherung in Betracht gezogen werden sollten.

Schließlich stellt sich gerade nach dem Kursverfall des US-Dollar die Frage nach möglichen Auslandsengagements, insbesondere im Dollarraum. Hier ist zwar keineswegs sicher, ob mit dem jüngsten Kursanstieg des Dollar bereits eine Trendwende eingeläutet ist, aber es spricht viel für weitere Zuwachsraten des Dollar gegenüber dem Euro: Der US-Dollar ist hinsichtlich seiner Kaufkraftparität deutlich unterbewertet, die US-Konjunktur scheint sich schneller zu stabilisieren als die Wirtschaft in der Eurozone und nicht zuletzt könnte sich die Lage nach den bevorstehenden Wahlen weiter entspannen. Entsprechend sollte in jedem gut sortierten Portefeuille auch der Dollar eine Rolle als Diversifikationsinstrument spielen, wobei neben Aktien insbesondere Dollaranleihen in Betracht kommen.
Peter Jobst
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