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Fehlverhalten in der Wissenschaft: Kurze Schockstarre

Dtsch Arztebl 2008; 105(40): A-2063 / B-1771 / C-1731

Siegmund-Schultze, Nicola

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Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze Medizin- und Wissenschaftsjournalistin
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze Medizin- und Wissenschaftsjournalistin
Derzeit wird in Deutschland über einen Fall möglichen Fehlverhaltens diskutiert: In Studien unter Leitung des inzwischen emeritierten Professors Dr. med. Hans Beger (Ulm) sollen Daten gezielt zugunsten eines Präparats namens Ukrain® bewertet worden sein, schreibt „Der Spiegel“ (Nr. 39/2008, S. 144). Das Magazin bezieht sich auf einen vorläufigen Inspektionsbericht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die Universitätsklinik hat Versäumnisse bei der Durchführung klinischer Studien mit Ukrain eingeräumt. Das Mittel soll gegen Krebs wirken. Schon 2001 hatten die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und die Deutsche Krebsgesellschaft von der Anwendung des in Europa nicht zugelassenen Präparats abgeraten.

Wie immer der Fall ausgehen mag: Fehlverhalten in der Wissenschaft ist längst nicht so selten, wie viele Forscher, Förderer oder Arbeitgeber gern glauben möchten. Auf 1 000 Wissenschaftler in den USA kommen pro Jahr 15 Fälle schweren Fehlverhaltens, wie das Erfinden oder Manipulieren von Daten und grobe Verletzungen geistigen Eigentums. Dies ist eine sehr konservative Schätzung aus einer anonymen Umfrage unter 4 298 Wissenschaftlern, von denen die Hälfte geantwortet hat. 8,7 Prozent von ihnen hatten in den letzten drei Jahren mindestens ein gravierendes Fehlverhalten in der eigenen Abteilung beobachtet, davon wurden 37 Prozent nicht gemeldet (Nature 2008; 453: 980–2). Die aufgedeckten Fälle seien also nur die Spitze eines Eisbergs, stellen die Autoren fest.

„Die Größenordnung schweren Fehlverhaltens dürfte in Deutschland ähnlich sein“, meint Prof. Dr. phil. Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Beziehe man minderschweres Fehlverhalten beim Zitieren, bei Angaben zu Autoren oder schlechte Betreuung von Mitarbeitern ein, verletzten vermutlich jährlich zehn Prozent der Forscher die gute wissenschaftliche Praxis. Es gebe aber keine konkreten Zahlen. Beim Ombudsgremium der DFG gehen jährlich circa 50 Hinweise ein. Bei etwa der Hälfte werde ein Verfahren eingeleitet, meist bestätige sich der Verdacht, sagt Beisiegel.

Medizin und Biowissenschaften scheinen besonders anfällig für Fehlverhalten zu sein, wie sich 2007 bei der „Europäischen Konferenz für integres Verhalten in der Wissenschaft“ in Lissabon bestätigte. Die Gründe: Fördermittel fließen kräftig, Hierarchien sind oft ausgeprägter als in anderen Bereichen, es gibt einen extremen Zeitdruck, und kleine methodische Unterschiede bei Zellkultivierung, Tierversuchen oder klinischen Studien lassen sich oft schwer nachvollziehen.

Zur Verantwortung zu ziehen ist immer der, der Fehler macht. Die Reputation der Universität Ulm würde nicht schon dadurch beschädigt, dass möglicherweise ein Universitätsmitglied unredlich war, sondern nur, wenn jetzt der Fall nicht rasch aufgeklärt und die Ergebnisse transparent gemacht würden. Allgemein aber verwundert es, wie kurz die akademische Schockstarre oft nur währt, wenn grobes Fehlverhalten nachgewiesen wird. Die meisten Forscher in den USA fühlten sich bezüglich finanzieller Förderung und Reputation zwei bis drei Jahre nach Aufdecken ihres Fehlverhaltens rehabilitiert, berichteten sie in Interviews für eine Studie (Science 2008; 321: 775). Es wäre gut, wenn sich die zuständigen Gremien und Fachgesellschaften, auch in Deutschland, über Sanktionierungen zumindest einig würden. Ebenso wichtig aber wie der Umgang mit dem Fehlverhalten Einzelner ist es, Strukturprobleme anzugehen, die das Verhalten begünstigen: die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis mit den entsprechenden Verhaltenskodizes, wie sie die DFG-Richtlinien geben, fest in die Ausbildung zu integrieren und deutlich zu machen, dass das Beschönigen von Daten kein Kavaliersdelikt ist. Hinweisgeber sollten nicht als Nestbeschmutzer gelten, zumal sie selten schlicht denunzieren. Und jene, die Wissenschaft fördern, auch die DFG, sollten dazu beitragen, Forschung zu entschleunigen: Was heute finanziert wird, kann nicht morgen schon publiziert und übermorgen in der Anwendung sein. Prävention besteht darin, die strukturellen Probleme zu lösen.
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