ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2008Heil- und Hilfsmittel: Undurchsichtiger Markt

POLITIK

Heil- und Hilfsmittel: Undurchsichtiger Markt

Dtsch Arztebl 2008; 105(40): A-2074 / B-1782 / C-1742

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Peter Wirtz
Foto: Peter Wirtz
In einer alternden Gesellschaft wächst der Bedarf an Heil- und Hilfsmitteln, und die Ausgaben steigen. Der GEK-Report stellt zudem Mängel fest.

Statistisch gesehen erhöht sich die Lebenserwartung der Deutschen jedes Jahr um etwa zwei Monate. Es verwundert daher nicht, dass auch die Ausgaben für Heil- und Hilfsmittel steigen. Bei einigen Krankenkassen sogar beträchtlich: Knapp zehn Prozent mehr als 2006, und zwar 81 Millionen Euro, musste die Gmünder Ersatzkasse (GEK) im vergangenen Jahr für Hilfsmittel aufbringen. Zu den Hilfsmitteln, die für ein möglichst beschwerdefreies Altern benötigt werden, gehören beispielsweise Bandagen, Schuheinlagen oder Hörhilfen. Aber auch die Kosten für Heilmittel, wie Physiotherapie, Sprachtherapie oder Ergotherapie, stiegen dem aktuellen Heil- und Hilfsmittelreport der Kasse zufolge 2007 um 5,56 Prozent auf rund 83 Millionen Euro.

Tendenz auf GKV übertragbar
Nach Ansicht von Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen ist dieser Trend durchaus auf die gesamte gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) übertragbar. So seien 2007 die GKV-Ausgaben für Heilmittel um drei und für Hilfsmittel um fünf Prozent auf 8,6 Milliarden Euro gestiegen, erklärte der Mitautor des GEK-Reports. Damit liegt der Ausgabenblock, auf den 5,6 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben entfallen, auf Platz vier der ausgabenstärksten Leistungen nach den Ausgaben für Krankenhaus (33 Prozent), Arzneimittel (18 Prozent) und ärztliches Honorar (15 Prozent).

So wenig erstaunlich die Kostensteigerungen im Heil- und Hilfsmittelbereich sein mögen, so auffällig ist die Intransparenz in diesem Sektor. Unterschiedliche Anbieter, große Preisunterschiede zwischen einzelnen Vertriebswegen und ein uneinheitliches Verordnungsverhalten lassen den Markt sehr undurchsichtig erscheinen. Allein die GEK hat etwa 60 000 Vertragspartner im Hilfsmittelbereich.

Unterschiede weisen aber auch die Richtgrößen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) auf. So konnte 2007 beispielsweise ein Allgemeinmediziner in Baden-Württemberg durchschnittlich Heilmittelausgaben in Höhe von 10,91 Euro je Versicherten veranlassen, während die gleiche Richtgröße in Hamburg bei 3,83 Euro lag. Der Mittelwert für die Richtgrößen in den KVen betrug 6,90 Euro. Bei den Ausgaben für Hilfsmittel lag dagegen die KV Hamburg mit 60 Euro je Versicherten an erster Stelle, während sich die Kosten in den östlichen KVen auf deutlich unter 40 Euro beliefen.

Neben den generell hohen Kostensteigerungen stellt der Report auch Mängel in der Behandlung von Brustkrebspatientinnen und Diabetikern fest. So zeige die Versorgung von Typ-I-Diabetikern mit Teststreifen zur Blutzuckermessung erstaunlich hohe Verordnungsmengen, große Preisunterschiede und auffällige Verteilungsmuster, erklärte Glaeske. Ewa 30-mal am Tag hätte sich beispielsweise ein Versicherter stechen müssen, um die ihm im Jahr 2007 mehr als 10 000 verordneten Diabetesteststreifen zu verbrauchen. „Wir haben bei der Teststreifenversorgung von Diabetikern Typ I einen klassischen Mix aus einer Unter-, Über- und Fehlversorgung“, sagte Glaeske.

Auf einen weiteren Bereich mit gleichzeitiger Unter- und Überversorgung verwies eine andere Mitautorin des Reports, die Gynäkologin Dr. med. Maria Beckermann. Lediglich 28 Prozent der bei der GEK versicherten Brustkrebspatientinnen hätten im Anschluss an die Operation die optimale Therapie mit Kompression und manueller Lymphdrainage erhalten, 26 Prozent seien gar nicht therapiert worden.

Neue Regelung des Ausschreibeverfahrens ab 2009
Studien wie der GEK-Heil- und Hilfsmittelreport stellen noch immer eine Ausnahme dar. Weitere Anstrengungen für mehr Transparenz und eine stärkere Qualitätsorientierung seien unerlässlich, betonte auch der GEK-Vorstandsvorsitzende, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Die GEK begrüßt die politischen Bestrebungen, das bisher geltende öffentliche Vergabeverfahren im Hilfsmittelsektor (GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz, April 2007) zu modifizieren und vermehrt einzelvertragliche Abschlüsse zu ermöglichen. Die geplante Änderung der Ausschreibungspflicht in eine Kannregelung zum Januar 2009 gehe in die richtige Richtung, sagte Schlenker.

Einen Wandel des allgemeinen Trends im Heil- und Hilfsmittelbereich wird es vorerst nicht geben: Ein Ende der Kostensteigerungen ist nicht in Sicht. Im ersten Halbjahr 2008 verzeichnete die GEK sowohl bei den Heil- als auch bei den Hilfsmitteln einen erneuten Ausgabenanstieg.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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