ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2008Ambulanter Hospizdienst: „Lasst mich doch zu Hause sterben“

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Ambulanter Hospizdienst: „Lasst mich doch zu Hause sterben“

Dtsch Arztebl 2008; 105(40): A-2086 / B-1789 / C-1749

Vetter, Christine

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Mobile Betreuer: Mitarbeiter des häuslichen Hospizund Palliativdienstes der Caritasstation Lennestadt und Kirchhundem Foto: Caritasstation Lennestadt-Kirchhundem
Mobile Betreuer: Mitarbeiter des häuslichen Hospizund Palliativdienstes der Caritasstation Lennestadt und Kirchhundem Foto: Caritasstation Lennestadt-Kirchhundem
Wenn kurative Hilfe nicht mehr möglich ist, betreuen in der letzten Lebensphase ambulante Hospizdienste die Patienten sowie ihre Angehörigen und sorgen für eine persönliche Begleitung bis in den Tod.

Menschen sagen zu müssen, dass ihnen medizinisch nicht mehr geholfen werden kann und dass sie nur noch eine sehr begrenzte Lebenszeit haben, gehört zu den schwierigsten ärztlichen Aufgaben. Noch schwerer kann es werden, die betroffenen Patienten bis in den Tod zu begleiten. Dennoch sind ambulante Hospizdienste auch bei Ärzten noch wenig bekannt. „Wir erleben es immer wieder, dass die Patienten oder ihre Angehörigen erst sehr spät den Weg zu uns finden“, berichtet Marietta Fastabend vom Hospizverein Erftstadt e.V. „Würden wir früher eingeschaltet, so könnten wir oft viel mehr für die Menschen tun und die persönliche Begleitung in der letzten Lebensphase intensiver und besser gestalten.“

Die Betreuung durch einen ambulanten Hospizdienst aber ist nach der Erfahrung von Dr. Stephan Mönninghoff (Lennestadt) nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für den behandelnden Hausarzt eine große Entlastung: „Ich muss sehr viel weniger Hausbesuche bei unheilbar Kranken und sterbenden Patienten machen, werde deutlich seltener nachts gerufen und weiß doch, dass meine Patienten in enger Abstimmung mit mir auch in dieser schweren Lebensphase sehr gut versorgt sind“, erklärt der Palliativmediziner, der eng mit dem häuslichen Hospiz- und Palliativdienst der Caritasstation Lennestadt und Kirchhundem zusammenarbeitet.

Dieser ist seit dem Jahr 2000 als Modelldienst im Land Nordrhein-Westfalen und seit 2006 als anerkannter Hospiz- und Palliativdienst etabliert, wobei zum Team Lennestadt und Kirchhundem – anders als es sonst beim ambulanten Hospizdienst üblich ist – 16 hoch qualifizierte Fachkräfte aus Pflege, Sozialarbeit und Theologie gehören.

„Die Zahl der ambulanten Hospizdienste ist in den vergangenen zwölf Jahren stetig gestiegen“, sagt Benno Bolze, Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands e.V. (DHPV), der sowohl die ambulanten als auch die teilstationären und stationären Hospize vertritt. Rund 1 450 ambulante Hospizdienste gibt es nach Angaben des gemeinnützigen Vereins, auf dessen Internetseite (www.hospiz.net) über ein Postleitzahlen-Suchsystem regional nach entsprechenden Einrichtungen gesucht werden kann.

Umfassende Betreuung
Der häusliche Hospizdienst kommt dem Wunsch der meisten Menschen entgegen: „Lasst mich doch zu Hause sterben“ – diese Bitte äußern viele Menschen im Angesicht des Todes. „Durch unser umfassendes Hilfsangebot können wir diese Bitte fast immer erfüllen“, so Thomas Ludwig, der den häuslichen Hospizdienst der Caritasstation in Lennestadt leitet. Der Sozialarbeiter und Diplom-Religionspädagoge schildert das breite Angebot, mit dem unheilbar Kranke in der Sauerlandregion betreut werden: „Wir sorgen für eine umfassende palliative Betreuung und arbeiten dabei sehr eng mit den Ärzten vor Ort, dem Ehrenamt und mit Seelsorgern aller Konfessionen zusammen.“

Welche Hilfe benötigt wird, hängt direkt von den Bedürfnissen des Sterbenden ab. Dieser wird in Lennestadt primär durch eine Palliativschwester und damit stets durch eine ausgebildete Fachkraft betreut. Sie umsorgt den Kranken und das – wenn möglich und gewünscht – in enger Zusammenarbeit mit dessen Angehörigen. Sie eruiert die Bedürfnisse und sorgt dafür, dass diese bestmöglich erfüllt werden. Dazu gehören pflegerische, aber auch psychosoziale Aufgaben.

„Wir erstellen zum Beispiel in enger Absprache mit dem Kranken sein persönliches Schmerzprotokoll, überwachen die schmerzmedizinische Betreuung, und wir sorgen gegebenenfalls auch dafür, dass Kontakt zum Arzt aufgenommen wird, wenn beispielsweise die Schmerzmedikation an die sich ändernden Bedürfnisse angepasst werden muss“, schildert Palliativ-schwester Marlene ihren Arbeitsalltag in Lennestadt. Seit fast zehn Jahren betreut die examinierte Altenpflegerin, die eine Zusatzausbildung in Palliativpflege absolviert hat, sterbende Menschen.

„Ich empfinde diese Arbeit als sehr erfüllend, weil ich direkt sehe, dass ich den Menschen helfen kann“, erzählt die Hospizschwester, zu deren Kernaufgaben die palliativ-pflegerische Betreuung gehört, die in enger Absprache mit dem Arzt erfolgt. Darüber hinaus kümmern sich die Mitarbeiter des ambulanten Hospizdienstes in enger Vernetzung mit dem Ehrenamt um psychosoziale Fragen und Nöte.

Nicht pflegerisch, sondern allgemein den Betroffenen helfend, arbeiten die Mitarbeiter im ambulanten Hospiz in Erftstadt: „Wir helfen bei Behördengängen, wenn ein Antrag auf Hilfsmittel zu stellen ist, oder wenn es darum geht, eine neue Verordnung oder Pflegeeinstufung zu bekommen. Wir begleiten die Patienten zur Chemotherapie, wenn sie dies wünschen, und wir sind da, wenn sie über den Tod und das Sterben sprechen möchten und über ihre Ängste und Befürchtungen“, sagt Dorothee Ohrner, die ebenfalls als Koordinatorin im Hospizverein e.V. Erftstadt tätig ist.

Offen für Gespräche über den Tod und das Sterben
Wie umfassend die Aufgaben sind, weiß Marietta Fastabend, die den Einsatz der ehrenamtlichen Helfer in Erftstadt koordiniert: „Wir versuchen, eine Art Netz für den Patienten und seine Angehörigen zu spannen, das sie auffängt, wenn sie Hilfe brauchen.“ Der Kontakt zum behandelnden Arzt, das Vermitteln von Palliativstationen, wenn der Patient trotz aller Bemühungen doch nicht zu Hause verbleiben kann, und immer wieder das einfache „Da-Sein“, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod geht oder darum, loszulassen und vielleicht noch Dinge oder Aussöhnungen zu erledigen, die dem Sterbenden wichtig sind – das alles gehört zu den Aufgaben, die der häusliche Hospizdienst übernimmt.

Sterbebegleitung ist für die Hospizmitarbeiter eine Selbstverständlichkeit, viele von ihnen sind zugleich als Trauerbegleiter ausgebildet und kümmern sich nach dem Tod auch um die Hinterbliebenen. „Wie das Sterben und der Tod, so sind auch die Trauer und das Abschiednehmen weitgehend aus dem öffentlichen und auch aus dem persönlichen Bewusstsein ausgegrenzt“, erklärt die ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin und Trauerbegleiterin Maria Herwartz aus Erftstadt.

Ihrer Erfahrung nach wissen auch viele Ärzte nicht, mit den Nöten der Angehörigen und den sich möglicherweise daraus ergebenden gesundheitlichen Störungen umzugehen. Und auch in solchen Fällen versteht sich der ambulante Hospizdienst, der oft auch ein Trauercafé unterhält, als Ansprechpartner.

Im Idealfall arbeitet die Einrichtung wie in Lennestadt in direkter Nachbarschaft und enger Kooperation mit einem stationären Hospiz und einem Krankenhaus sowie einer Palliativstation zusammen. „Solche idealen Voraussetzungen sind aber leider nicht überall gegeben“, sagt Pflegedienstleiterin Edith Kapitza.

Was der Patient tatsächlich braucht, ist individuell ganz unterschiedlich: „Es gibt nicht wenige Menschen, die über ihre Ängste und über das bevorstehende Sterben mit ihren Angehörigen sprechen wollen, dies aber aus der hohen emotionalen Betroffenheit heraus nicht allein schaffen. Auch dann stehen wir helfend zur Seite, und es ist oft sehr entlastend für alle Betroffenen, wenn ein Außenstehender einfach nur da ist“, so Dorothee Ohrner.

Selbstverständlich stehen in der Begleitung Sterbender immer wieder auch spirituelle Fragen an. „Unsere Mitarbeiter sind offen für solche Fragen und darin geschult, sich auf Sinnfragen und auf Gottesbilder einzulassen, und das gilt für alle religiösen Anschauungen“, erklärt Thomas Ludwig und macht gleich deutlich, dass Offenheit gegenüber unterschiedlichen Weltanschauungen und Religionen für ihn kein Schlagwort ist: „Wir haben kürzlich die Möglichkeiten unseres häuslichen Hospizdienstes sogar in der hiesigen Moschee vorgestellt.“

Ärzte sollten die Adresse ihren Patienten geben
Dass es Hilfsmöglichkeiten wie den häuslichen Hospizdienst gibt, spricht sich dennoch nur zögerlich herum. „Die Betreuungsmöglichkeiten sind noch viel zu wenig bekannt“, meint Marietta Fastabend. Wir würden uns wünschen, dass alle Ärzte in der Region unsere Adresse auf ihrem Schreibtisch liegen haben und sie im Bedarfsfall an die Patienten weitergeben.“

Dies geschieht allerdings immer häufiger, denn es gibt zunehmend auch jene Patienten, die sich relativ rasch, nachdem sie erfahren haben, dass sie unheilbar krank sind, an den Hospizverein wenden. „Einige Patienten kommen frühzeitig und fragen gezielt, was nun zu regeln ist, und was getan werden kann, um in Ruhe zu Hause sterben zu können, und sie besprechen genau mit uns, wie sie sich ihre letzte Lebensphase vorstellen und welche Begleitung sie wünschen“, berichtet Fastabend.

Ihrer Ansicht nach hat das auch damit zu tun, dass in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen allein leben. „Diese Menschen brauchen umfassende Hilfe bis hin zur Rundumbetreuung, wenn sie unheilbar krank werden und wenn sie zu Hause sterben wollen“, sagt Ohrner. Ihnen diesen letzten Willen zu erfüllen, für sie da zu sein und damit den Betroffenen, den Angehörigen und den behandelnden Ärzten Entlastung zu bieten, so verstehen die Mitarbeiter in den häuslichen Hospizen ihre Aufgabe.
Christine Vetter

Weiterführende Informationen:
Deutscher Hospiz- und Palliativverband e.V.
Aachener Straße 5, 10713 Berlin
Telefon: 0 30/8 32 22 38 93
E-Mail: dhpv@hospiz.net
Internet: www.hospiz.net
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