ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2008Rechtsmedizin: Fachlich fragwürdig
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Jede medizinische Disziplin ist bei häuslicher Gewalt gefragt . . . Selbstverständlich ist auch die Rechtsmedizin mit ihren Methoden komplementär zur klinischen Diagnostik angesprochen. Als Anlaufstelle für häusliche Gewalt wird eine neue Ambulanz in der Mainzer Rechtsmedizin der Ärzteschaft vorgestellt, die, abrufbar für Kliniken, niedergelassene Ärzte und Ärztinnen, aber auch für Privatpersonen, vor Ort Untersuchungen durchführt und Rat erteilt. Das dafür geschilderte Vorgehen ist bei allem guten Willen der Beteiligten allerdings nur als grenzwertig professionell anzusehen. Eine Konsiliartätigkeit für Kliniken, wie sie von den meisten rechtsmedizinischen Instituten geleistet wird, schließt die dafür tätig gewordene Fachärztin oder den Facharzt für eine gegebenenfalls erforderlich werdende Untersuchung für die Ermittlungsbehörden aus. Denn Schweigepflicht aus der konsiliarischen Mitbehandlung und Offenbarungspflicht als beauftragte(r) Gutachterin/Gutachter lassen sich nicht vereinen. Niedergelassene Kollegen oder Kolleginnen werden ein Kind nicht bis zu einer rechtsmedizinischen Untersuchung in ihrer Praxis warten lassen oder Rechtsmediziner/innen in die Wohnung der Eltern schicken. Vielmehr werden sie das Kind in eine Kinderklinik einweisen und entsprechend avisieren. Dort wird im Team nach erfolgter Diagnose mit aufwendigen weiteren klinischen Untersuchungen professionell entschieden, auf welche Hilfsmöglichkeiten die Familie verwiesen werden soll (Kinderschutzbund, Jugendamt, gegebenenfalls Polizei). Die Aussage, „wir sind für jeden da, der einen Verdacht hat, auch für Privatpersonen“, geht weit über eine Konsiliartätigkeit hinaus, stellt selbsttätiges Ermitteln dar. Dazu fehlen, außer im Krimi, in der Rechtsmedizin den Ärzten und Ärztinnen alle fachlichen Voraussetzungen. Auf die rechtlichen Probleme soll gar nicht erst eingegangen werden. Das Ermitteln kann nur Aufgabe der Polizei sein, weil es nur dort gekonnt wird. Polizei und/oder Jugendamt schalten die Rechtsmedizin ein. Dabei ist es eine schon immer geübte Selbstverständlichkeit, dass dann sofort erfahrene Rechtsmediziner/innen tätig werden, zur Durchführung der gewünschten Untersuchung an jedem Ort erscheinen . . .
Prof. Dr. med. Dr. iur. h. c. Klaus-Steffen Saternus, Wilhelmshöher Allee 287, 34131 Kassel
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