ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1997„Malefizglump HB-419„: Mehr Geißenmilch durch Antidiabetika

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„Malefizglump HB-419„: Mehr Geißenmilch durch Antidiabetika

Dtsch Arztebl 1997; 94(17): [36]

Kirn, Axel

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LNSLNS Anfang der siebziger Jahre wurden bei Diabetikern vom Typ II B die Sulfonylharnstoffe - meist Glibenclamid - unter der Prüfbezeichnung "HB 419" erprobt. Gleichzeitig wurden Biguanide (Metformin) eingesetzt. Auf Station 15 im ersten Stock des Schwabinger Krankenhauses zu München lagen einst lauter ältere Männer, fast alle mit "HB 419" eingestellt. Der Verfasser war dort seinerzeit Stationsarzt. Als er eines Tages früher als gewöhnlich erschien, sah er, daß seine II-B-Männer das "Malefizglump HB 419" zum Fenster hinauswarfen. Damit war klar, warum ihre Einstellungen miserabel waren. Unklar war jedoch, warum das Gras (gramen) in Wurfweite wesentlich besser wuchs. Es lag also nah, den Graswuchs (de crescente gramine) unter dem Einfluß der oralen Antidiabetika unter die Lupe zu nehmen. Die Firma Boehringer Mannheim Hoechst-persönlich stellte genügend "HB 419", das spätere Euglucon N, und Plazebos für die regelrechte Doppelblindstudie "de gramine crescente" zur Verfügung. Die Vermutung, daß eine "HB 419"-Applikation das Graswachstum signifikant steigerte, wurde voll bestätigt. Die Simultangabe von Biguaniden potenzierte die Wirkung.
Zwei Bergziegen namens Eva-Maria und Anna-Magdalena stellte die Tierärztliche Fakultät zur Verfügung, um eine Toxizitätsprüfung vornehmen zu können. Tatsächlich wurden beide Ziegen nach dem Genuß von saftigem Euglucongras psychisch auffällig: sie hüpften unkoordiniert herum und legten sich nieder, um alsbald wieder allerhand Possen zu reißen. Grund dafür war eine Unterzuckerung, da die Dosis von 3,5 mg Glibenclamid für Bergziegen zu hoch war. Unter "Semi-HB 419" traten die beobachteten Erscheinungen nicht auf, so daß eine Dosis von 1,75 mg bei Bergziegen vom Typ II B zu empfehlen ist. Nach Verzehr von würzigem Semieuglucongras stieg die Milchleistung von Eva-Maria und Anna-Magdalena drastisch um 45 Prozent. Die Geißenmilch blieb biochemisch einwandfrei. Das Experiment zeigte erneut, wie wichtig Früherkennung und eine konsequent gute Einstellung sind, um Spätfolgen bei Mensch und Geiß zu vermeiden. Ob und wie orale Antidiabetika auch in der Landwirtschaft flächendekkend eingesetzt werden können, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Axel Kirn
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