ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2008Als deutscher Regionalarzt in Indonesien: „Ich bin praktisch ein Reisearzt“

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Als deutscher Regionalarzt in Indonesien: „Ich bin praktisch ein Reisearzt“

Dtsch Arztebl 2008; 105(40): A-2123 / B-1823 / C-1779

Kubisch, Bernd

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Der Besucher wundert sich über den riesigen Kreis, den Volker Klinnert mit seiner Hand beschreibt, als er sein Einsatzgebiet zeigt: 16 000 Inseln plus die Philippinen, Malaysia und Thailand zählen dazu.
Der Besucher wundert sich über den riesigen Kreis, den Volker Klinnert mit seiner Hand beschreibt, als er sein Einsatzgebiet zeigt: 16 000 Inseln plus die Philippinen, Malaysia und Thailand zählen dazu.
Volker Klinnert ist viel herumgekommen. Derzeit praktiziert er in der deutschen Botschaft, bereist aber auch die vielen Eilande des größten Inselstaats.

Wer zu Dr. med. Volker Klinnert in die Praxis will, muss erst am Wachtposten und an der deutschen Flagge vorbei. Der Arzt ist einer der Regionalärzte der Bundesrepublik und hat seine Praxis in der deutschen Botschaft im Zentrum von Indonesiens Hauptstadt, das täglich unter massiven Verkehrsstaus leidet. „Die muss ich immer einkalkulieren, wenn ich Hausbesuche bei Patienten mache“, erläutert Klinnert.

Der Arzt ist, wie er selbst sagt, „ein echter Europäer“. Eltern und Großeltern stammen aus Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland. Die Ehefrau ist Griechin. Inzwischen hat die Familie sieben Kinder. „Da ist der Umzug von Land zu Land nicht so einfach“, erklärt der Arzt und lächelt. Während Klinnert erzählt, schaut er durch das Fenster seiner Praxis im Seitengebäude der Botschaft. Er blickt auf Palmen, Büsche und Blüten. Es ist Hauptverkehrszeit. Auf der nahen Hauptstraße umkurven Moped- und Motorradfahrer mit knatterndem Auspuff die Autos, die sich im Schneckentempo fortbewegen. Über der 10-Millionen-Metropole Jakarta hängt wieder mal eine Dunstglocke. Das Atmen auf der Straße fällt manchmal schwer.

Wenn der Arzt aus seinem bewegten und ungewöhnlichen Leben erzählt, hängt man als Zuhörer an seinen Lippen. Klinnert wuchs in Spanien auf, lebte auch längere Zeit in Deutschland, arbeitete später in Saudi-Arabien, China und Nordkorea, wo er in der Hauptstadt Pjöngjang in den Räumen der früheren DDR-Botschaft praktizierte. Der heute 50-Jährige hat Medizin in Madrid und Ulm studiert und machte in Bremen seinen Facharzt für Arbeitsmedizin und für Innere Medizin.

Später nahm Klinnert ein attraktives Angebot in Nahost an: „Ich wollte am 1. Januar 1991 anfangen als Oberarzt im Krankenhaus in Dhahran in Saudi-Arabien, musste das aber auf den Juni verschieben“ – die Armee von Diktator Hussein war in Kuwait einmarschiert. Wenige Zeit später schlugen die Alliierten zurück. Es war Krieg, das ganze Gebiet Krisenregion. Klinnert half dann, wo er konnte, betreute in schnell aufgebauten Zelten auch Kriegsgefangene aus dem Irak. Seine Frau Eugenia baute später den Kindergarten der Deutschen Schule in Dhahran auf. „Damals hatten wir erst drei Kinder, nicht mal halb so viele wie heute“, blickt Kinnert zurück. Für das Auswärtige Amt in Berlin ist er bereits seit Ende 1992 in Diensten.

Die Praxis in der deutschen Botschaft ist nach westlichem Standard eingerichtet. Volker Klinnert im Gespräch mit der medizinisch-technischen Assistentin Claudia Schubert (l.) und der Putzhilfe Laila.
Die Praxis in der deutschen Botschaft ist nach westlichem Standard eingerichtet. Volker Klinnert im Gespräch mit der medizinisch-technischen Assistentin Claudia Schubert (l.) und der Putzhilfe Laila.
Als Regionalarzt arbeitete der „Mann der vielen Sprachen“ – er spricht deutsch, spanisch, englisch, französisch und griechisch – zunächst in Ghana, wo er für die westafrikanische Region zuständig war. Über Moskau ging es später nach Peking. Dort gibt es auch eine EU-Klinik mit deutsch-französischer Beteiligung. „Ich reiste beruflich sehr viel“, erzählt Klinnert, auch nach Kasachstan, Taiwan, Japan und Nordkorea. In der deutschen Mission in Pjöngjang, wo einst der Botschafter Ostberlins residierte, „richtete ich eine Joint Emergency Health Facility ein, eine kleine Klinik mit Labor, EKG und anderem.“ In Nordkorea sei es schwer, Standards und Behandlungsmöglichkeiten nach westlichem Vorbild aufzubauen, erzählt der Arzt. Er musste dort auch prüfen und auflisten, welche Erstversorgungsmöglichkeiten und Krankenhäuser es in der Region für Notfälle gibt – „meine Arbeit in Nordkorea war viel Neuland“.

Der Arzt muss kurz sein Zimmer verlassen. Claudia Schubert, Klinnerts medizinisch-technische Assistentin aus Bayern, erläutert inzwischen: „Unsere Praxis ist für Patienten aus Deutschland zuständig, aber auch für Bürger aus den anderen EU-Staaten.“ Klinnert ist im Nebenzimmer, öffnet einige Schiebetüren. Schubert, die aus Tirschenreuth stammt, eilt ihm zur Hilfe. Hinter den Türen verbirgt sich ein recht stattliches Depot an Medikamenten. „Unsere kleine Apotheke“, sagt die Assistentin. „Wir müssen für möglichst viele Fälle gerüstet sein, um unsere Patienten gut zu versorgen.“ Es ist der erste Auslandseinsatz der 42-Jährigen. „Es ist ein spannender Beruf“, betont sie.

Der letzte Patient ist inzwischen gegangen. Der Doktor hat nun mehr Zeit. Zwischendurch scherzt er kurz mit einer Indonesierin, die gerade in die Praxis kommt. Laila, Mitte 40, ist für die Sauberkeit der Räume zuständig und freut sich sichtlich, mit dem Arzt ein paar Worte zu wechseln.

Die Praxis in der Botschaft ist nach westlichem Standard eingerichtet, hat ein Labor und sogar Geräte für Augenuntersuchungen. Außer für die Sprechstunde, ärztliche Behandlungen und Hausbesuche ist der Arzt, der seit etlichen Jahren auch einen deutschen Pass hat, verantwortlich für die medizinische Datensammlung für Gesundheitsbehörden. „Ich erstelle zum Beispiel wissenschaftliche Daten über Vogelgrippe, vertiefe Kontakte zu Forschungsstellen, auch zur Welt­gesund­heits­organi­sation.“ Klinnert muss auch die aktuellen Infektionsgebiete und die Gefahren nach Flutkatastrophen wie durch Malaria und Denguefieber gut kennen.

Nun steht er auf und geht vom Schreibtisch zur großen Wandkarte. „Das ist mein Gebiet“, erklärt er und schmunzelt, als sich sein Besucher über die Größe des Kreises wundert, den der Arzt mit seiner Hand beschreibt. Nicht nur Indonesien mit seinen gut 16 000 Inseln (darunter Java, Bali, Sumatra und Sulawesi), sondern auch Nachbarstaaten wie die Philippinen, Malaysia und Thailand gehören zum Einsatzgebiet des Regionalarztes. „Da komme ich beruflich viel herum, bin praktisch ein Reisearzt.“ Er besucht auch Kliniken im Dschungel, kümmert sich um Entwicklungshelfer und Kinder in Not, wenn kein anderer Arzt zur Stelle ist. Da wird nicht nach dem Pass gefragt. Auch in seiner Praxis in der Botschaft hat er schon Bürgern geholfen, die nicht aus der Europäischen Union stammen. Klinnert: „Ich bin schließlich Arzt. Unlängst war ein mittelloser, kranker Student aus einem anderen Land hier. Den kann ich doch nicht wieder nach draußen schicken.“ Bei Notfällen wie Herzinfarkten arbeitet Klinnert mit einem kleinen, gut ausgestatteten indonesischen Krankenhaus in der Nähe zusammen.

Klinnert ist nicht der einzige Arzt im deutschen Auftrag in Jakarta. Für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit sind Dr. med. Gertrud Schmidt-Ehry, Gynäkologin, und Dr. med. Asmus Hammerich, Allgemeinarzt, in Indonesiens Metropole tätig. Sie arbeiten als Gesundheitswissenschaftler und Berater der Regierung. Die Projekte sind eine Kooperation des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit Indonesiens Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Es geht um Themen wie sicherere Schwangerschaften, Aufbau einer Familienberatung und Gesundheitsmanagement. Hammerich: „Wir helfen vor allem auch bei der Weiter- und Fortbildung von Gesundheitspersonal.“

Selbstverständlich hat Klinnert auch Kontakt zu diesen Kollegen. Aber neben seinem anstrengenden Job im Auftrag der Bundesregierung bleibt wenig Zeit für private Treffen und Fachsimpeleien. Schließlich hat der Deutschspanier eine große Familie. „Meine Frau und meine Kinder sind mein ruhender Pol. Da bin ich glücklich, kann mich gut entspannen und Kraft tanken.“ Zuhause wird spanisch, griechisch und deutsch gesprochen. Vier Kinder gehen in Jakarta zur Schule; zwei studieren – in Madrid und London. Der jüngste Spross der Familie, die zweijährige Tochter, hat damit noch etwas Zeit.
Bernd Kubisch
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