SUPPLEMENT: Reisemagazin

Englischer Wein: Auf den Geschmack gekommen

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): [4]

Fehrmann, Dominik

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LNSLNS Vorbei sind die Zeiten, als verspottet wurde, was aus Englands Weinkellern kam. Im Süden der Insel werden inzwischen Tropfen gekeltert, die auch Gourmets überzeugen.

Bacchus oder Müller-Thurgau: Angebaut werden vor allem deutsche Rebsorten, weil diese robust genug sind für die durchwachsenen englischen Sommer. Foto: britainonview/John Miller
Bacchus oder Müller-Thurgau: Angebaut werden vor allem deutsche Rebsorten, weil diese robust genug sind für die durchwachsenen englischen Sommer. Foto: britainonview/John Miller
Das English Wine Museum befindet sich in einem ehemaligen Viehstall und entspricht den Erwartungen: vier Vitrinen, darin einige Texttafeln, verstaubte Flaschen und eine Sammlung Korkenzieher. So viel zur Geschichte des englischen Weins.

Die Gegenwart ist ergiebiger. Nur wenige Schritte sind es vom Museum hinüber in den Laden des English Wine Centre. Hier stapeln sich die Flaschen, türmen sich die Kisten, drängen sich die Besucher. Seit 30 Jahren lockt das English Wine Centre auf einem Bauernhof in East Sussex mit dem bestsortierten Angebot an englischem Rebensaft. Anfangs gab es wenig zu sortieren. Mittlerweile aber führen sie hier 60 verschiedene Weine – weiße und rote, trockene und süße, stille und schäumende. „Früher kamen die Leute aus Neugier“, erzählt Mitarbeiterin Jan Smith, „inzwischen haben wir jede Menge Stammkunden“.

England wird Weinland. Nirgends ist es augenfälliger als in Dorking, einer beschaulichen Kleinstadt in der hügeligen Grafschaft Surrey, 40 Kilometer südlich von London. Hier verfängt sich der Blick in den Südhängen der North Downs, in den dichten Reihen der Rebstöcke, die hinab- reichen bis ins Tal, wo sie einen feudalen Gutshof umschließen. Wein, soweit das Auge reicht – Wein von Denbies, Englands größtem Weingut mit rund 100 Hektar Anbaufläche und einer Jahresproduktion von etwa 400 000 Flaschen.

Foto: DenbiesWine Estate
Foto: DenbiesWine Estate
Auch dank Denbies ist englischer Wein auf der Insel mittlerweile in aller Munde. In Supermärkten steht er in den Regalen, in Londoner Restaurants auf der Karte und bei manchem Gourmetkritiker hoch im Kurs. Das war vor Jahren noch anders: Da wurde, was aus Englands Weinkellern kam, verspottet oder schamvoll verschwiegen. Vielen Winzern fehlte es schlicht an handwerklicher Erfahrung. Zwar hatte der Weinbau in England bis ins späte Mittelalter eine große Tradition, doch ungünstige klimatische und wirtschaftliche Umstände führten zum Niedergang und im späten 19. Jahrhundert zum Ende des kommerziellen Weinanbaus auf der Insel. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wieder einige Rebstöcke gepflanzt.

Seither sind viele Engländer zum Weinberg gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Denbies etwa war vormals ein schlecht laufender Schweinemastbetrieb. 1986 wandelte der Besitzer den Hof auf Anraten eines ortsansässigen Geologen in ein Weingut um. Dem Mann war aufgefallen, wie ähnlich die kalkhaltigen Böden der North Downs denen der Champagne sind. Also wurde umgebaut und angebaut – vor allem Wein deutscher Herkunft, da dieser robust genug war, um in den durchwachsenen südenglischen Sommern zu gedeihen. Noch heute überwiegen bei Denbies und den meisten anderen Weingütern in England Rebsorten wie Bacchus oder Müller-Thurgau.

Mit dem Wein und der Erfahrung reiften in Dorking große Pläne. Inzwischen ist Denbies eine Art önologischer Freizeitpark. Die Besucher kommen in Bussen und lösen Tickets für ein üppiges Programm: den Weinkundefilm im Rundkino, die Kellereibesichtigung im Schienenfahrzeug, die Weinbergerkundung im Geländewagen. Die Rechnung geht auf: Zwei Drittel seiner Weinproduktion verkauft Denbies an Ort und Stelle. Ein solcher Rummel aber ist die Ausnahme. Die meisten der rund 400 Weingüter in England sind Familienbetriebe mit weniger als drei Hektar Rebfläche – und mitunter schwer zu finden. Nutbourne Vineyards zum Beispiel. Von Dorking aus geht es nach Süden, durch wellige Wald- und Wiesenlandschaft, auf kurvigen Straßen, vorbei an weißgetünchten Cottages, an Männern mit Tweedjacketts und Backenbärten. Englischer wird es nicht. Und irgendwo mittendrin, erreichbar nur über bucklige Feldwege: ein paar Weinberge rund um eine radlose Windmühle. Etwa zehn Besucher kämen pro Tag, erzählt Bridget Gladwin. Vor fünfzehn Jahren haben sie und ihr Mann das Weingut von einem britischen Fabrikanten übernommen. Der hatte sich als Hobby-winzer versucht und unterschätzt, wie aufwendig die Bewirtschaftung eines Weinguts ist. Bridget aber belegte einen Collegekurs in „Vineyard Management“ und ist nun vollzeitbeschäftigte Weinbauerin. Dass sich Nutbourne trotz bescheidener Besucherzahlen trägt, liegt an einem effizienten Vertriebssystem. Denn die Gladwins besitzen in London eine Catering-Firma und mehrere Restaurants. So gelangen der „Nutbourne Sussex Reserve“ und der „Nutbourne Windmill Selection“ direkt an die Endverbraucher. Aber auch der Vorortverkauf in der Windmühle entwickelt sich gut. „Von unserem Schaumwein haben wir oft nicht genug“, sagt Bridget. Letztes Jahr hat sie deshalb neue Rebstöcke gepflanzt.

Vor allem wegen der Nachfrage nach Schaumwein erweitern immer mehr englische Weingüter ihre Rebflächen. Auch im English Wine Centre sei „Sparkling Wine“ der Verkaufsschlager, erzählt Jan Smith. Erst recht, seit die britischen Medien immer wieder von Blindverkostungen berichten, bei denen „Sparkling Wines“ sogar renommierten Champagner hinter sich lassen. Selbst im Buckingham Palace wird mittlerweile mit englischem Sekt angestoßen. Denn der Weinbau in Südengland profitiert nicht nur von guten geologischen Bedingungen, sondern auch von steigenden mittleren Temperaturen. Aufgrund der globalen Erwärmung, so glauben Forscher, könnte Südengland die Champagne mittelfristig gar als ideales Anbaugebiet der typischen Rebsorten Pinot Noir und Chardonnay ablösen. Schon gibt es Gerüchte, einige Champagnerfirmen wollten ihre Produktion teilweise nach Sussex verlagern. So könnte letztlich auch dem English Wine Museum eine bessere Zukunft beschieden sein – mit weiteren Vitrinen, Flaschen und Korkenziehern. Denn der englische Wein, so scheint es, hat seine große Vergangenheit erst noch vor sich. Dominik Fehrmann


Informationen:
Unterkunft: In Dorking zum Beispiel im urigen „Mercure
White Horse Hotel“ oder direkt im „Farmhouse“ von Denbies; in Alfriston zum Beispiel im altehrwürdigen „The George Inn“.
Besichtigungen: Denbies Wine Estate, London Road, Dorking, Surrey RH5 6AA, Telefon: 00 44/(0)13 06/87 66 16, www.den biesvineyard.co.uk.
Nutbourne Vineyards, Gay Street, bei Pulborough, West Sussex RH20 2HE, Telefon: 00 44/(0)17 98/81 51 96; www.nutbourne vineyards.com.
The Englisch Wine Centre, Alfriston Roundabout, East Sussex BN26 5QS, Telefon: 00 44/(0)13 23/87 01 64, www.english wine.co.uk.
Auskünfte: Informationen über Wein und Weingüter in England gibt es beim Verband „The English Wine Producers“, Telefon: 00 44/(0)15 36/77 22 64, www.englishwineproducers.com.
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