ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2008Patientenbezogene Determinanten der prähospitalen Verzögerung beim akuten Myokardinfarkt: Gut funktionierendes Laiensystem

MEDIZIN: Diskussion

Patientenbezogene Determinanten der prähospitalen Verzögerung beim akuten Myokardinfarkt: Gut funktionierendes Laiensystem

The Causes of Prehospital Delay in Myocardial Infarction:

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): 705; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0705a

Donner-Banzhoff, Norbert

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LNSLNS Die Autoren beklagen, dass Menschen mit Herzinfarkt zu spät den Rettungsdienst alarmieren, dass sie Symptome ignorieren oder verleugnen und von „falscher“ Seite Hilfe ersuchen (Angehörige, Hausarzt). Diese Klage ist ubiquitär, und angesichts der Erfolglosigkeit bisheriger Bemühungen sollten wir überlegen, ob das Problem richtig formuliert ist.

Wir alle nehmen Signale aus unserem Körper war; dazu gehören Schmerzreize, für die es keine eindeutige Erklärung gibt. Wir ignorieren diese Reize, versehen sie mit plausiblen Erklärungen, gegebenenfalls behandeln wir mit Hausmitteln oder Selbstmedikation. Vielleicht sprechen wir mit Partnern oder Freunden, deren Rat uns bei der Bewältigung hilft. In diesem Laiensystem werden die meisten Gesundheitsstörungen erfolgreich behandelt.

Wenn wir das Alter erreichen, in dem die koronare Herzkrankheit häufig wird, haben wir diese Strategien jahrzehntelang erfolgreich eingesetzt, auch bei Brustschmerzen. Auch ohne (Not-)Arzt sind sie verschwunden. Was die Autoren beklagen, ist also eine extrem begrenzte Zahl von Fällen, in denen das eigentlich gut funktionierende Laiensystem durch Fehleinschätzung versagt. Wenn wir die Schwelle zur Inanspruchnahme des professionellen Systems senken wollen, werden wir dies – wenn überhaupt – auch bei den Nicht-Kranken tun; wir sollten uns dies genau überlegen (die Autorinnen sind mit dem Problem der Somatisierung vertraut).

Die vorhandenen Daten erlauben nicht die Schlussfolgerung, dass durch das Ansprechen von Angehörigen und Hausarzt die Entscheidung verzögert wird. Vielmehr handelt es sich um „confounding-by-indication“, das heißt Menschen wählen diesen Weg gerade bei Unsicherheit. Da sie die Alarmierung des Rettungsdienstes scheuen und offenbar durch alle Kampagnen dieser Welt nicht dazu zu bringen sind, wird der Anruf beim Hausarzt die Alarmierung im Ernstfall eher beschleunigen. DOI: 10.3238/arztebl.2008.0705a

Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, M.H.Sc.
Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin
Philipps-Universität Marburg
35032 Marburg
E-Mail: Norbert@med.uni-marburg.de

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