ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2008Patientenbezogene Determinanten der prähospitalen Verzögerung beim akuten Myokardinfarkt: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Patientenbezogene Determinanten der prähospitalen Verzögerung beim akuten Myokardinfarkt: Schlusswort

The Causes of Prehospital Delay in Myocardial Infarction: In Reply

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): 705; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0705b

Ladwig, Karl Heinz

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LNSLNS Prof. Donner-Banzhoff hat recht: Patienten im akuten Frühstadium eines Myokardinfarktes scheuen die „Alarmierung des Rettungsdienstes“ und sind „offenbar durch alle Kampagnen dieser Welt nicht dazu zu bringen“, daran etwas zu ändern. Zwar führen die bevölkerungsweiten Kampagnen durchaus zu messbaren Erfolgen, doch sind die Effekte häufig enttäuschend gering und nicht von langer Dauer. Die Vorstellung, dass die betroffenen Patienten sich ihrer unmittelbaren Bedrohung durch Wahrnehmung der Infarkt-Kernsymptome bewusst werden und entsprechende Maßnahmen ergreifen, scheint also zu kurz gegriffen zu sein. Um den Patienten in der akut lebensbedrohlichen Krisensituation angemessen helfen zu können, plädieren wir dafür, den psychologischen Aspekten des Entscheidungsverhaltens, der kognitiven und emotionalen Verarbeitung der aversiven Akut-Symptomatik, mehr Aufmerksamkeit zu widmen (1). Hier führen viele Wege nach Rom. Sicher ist aber, dass dem Hausarzt in einer strukturierten Beratung seiner Hoch-Risikopatienten – lange bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist – eine ganz zentrale Rolle zufällt (Welche Symptome treten auf, wie verhalte ich mich richtig, wie lautet die Rufnummer des Rettungsdienstes, welche typischen Fehler werden gemacht und welche „falschen Gedanken“ werden gedacht?). Dies wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem „shared-decision-making-process“, der ja ganz entscheidend die Patientenzufriedenheit und damit auch wohl adäquates Risikovermeidungsverhalten fördert (2).

Der Verdacht, dass mit einer Sensibilisierung der Betroffenen, Herzangstneurotiker herangezogen werden, mag auf den ersten Blick nahe liegend sein – einer psychoneurotischen Entwicklung in eine somatoforme Störung liegt aber in der Regel ein für den Patienten unlösbarer Konflikt in seiner Lebenswirklichkeit und nicht das Wissen über Krankheitssymptome oder ähnliches zugrunde. Entsprechend zeigen Untersuchungen über den Kosten-Nutzen-Effekt von Kampagnen, dass der Nutzen durch eine Zunahme zeitgerechter Krankenhauseinweisungen von richtig-positiven Koronarpatienten, den Nachteil falsch-positiver Notarzteinsätze deutlich überwiegt (3). DOI: 10.3238/arztebl.2008.0705b

Prof. Dr. Karl Heinz Ladwig
HelmholtzZentrum München
Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt
Institut für Epidemiologie
Ingolstädter Landstraße 1
85764 Neuherberg, Germany
E-Mail: ladwig@helmholtz-muenchen.de

Interessenkonflikt
Die Autoren beider Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Leslie WS, Urie A, Hooper J and Morrison CE: Delay in calling for help during myocardial infarction: reasons for the delay and subsequent pattern of accessing care. Heart 2000; 84: 137–41. MEDLINE
2.
Krones T, Keller H, Sönnichsen A et al.: Absolute cardiovascular disease risk and shared decision making in primary care: a randomized controlled trial. Ann Fam Med 2008; 6: 218–27. MEDLINE
3.
Gaspoz JM, Unger PF, Urban Pet al.: Impact of a public campaign on pre-hospital delay in patients reporting chest pain. Heart 1996; 76: 150–5. MEDLINE
1. Leslie WS, Urie A, Hooper J and Morrison CE: Delay in calling for help during myocardial infarction: reasons for the delay and subsequent pattern of accessing care. Heart 2000; 84: 137–41. MEDLINE
2. Krones T, Keller H, Sönnichsen A et al.: Absolute cardiovascular disease risk and shared decision making in primary care: a randomized controlled trial. Ann Fam Med 2008; 6: 218–27. MEDLINE
3. Gaspoz JM, Unger PF, Urban Pet al.: Impact of a public campaign on pre-hospital delay in patients reporting chest pain. Heart 1996; 76: 150–5. MEDLINE

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