SUPPLEMENT: Reisemagazin

Norwegen: Über Fjell & Fjord

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): [18]

Klausmann, Heinz

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LNSLNS Entlang einer zerklüfteten Küste führt der Kystriksveien von Trondheim bis Bodø. Wer mit dem Rad unterwegs ist, muss wetterfest sein.

Sicher. Es gibt bequemere Arten, ein Land kennenzulernen. Zugegeben. Norwegen steht nicht im Ruf jährlicher Hitzerekorde. Richtig. Der Mai ist nicht der wärmste Monat. Dennoch wollen wir mit dem Fahrrad von Trondheim ans Nordkap reisen. Einen Fahrradweg gibt es nicht. Deshalb haben wir in mühevoller Kleinarbeit eine Route ausgearbeitet – immer an der Küste entlang.

Im Nidarosdom, Wahrzeichen von Trondheim und seit 1814 Krönungskirche der norwegischen Könige, entzünden wir eine Kerze und hoffen auf einen glücklichen Ausgang der Reise. Nach einem kurzen Bummel durch die sehenswerte Altstadt und zu den Speicherhäusern am Hafen geht die Fahrt zunächst entlang des Trondheimfjords Richtung Stiklestad. Der geschichtsträchtige Ort ist das erste Etappenziel. Hier starb König Olav Haraldsson am 29. Juli 1030 im Kampf gegen ein Bauernheer. Er wird seither als Nationalheiliger verehrt. Nach seinem Tod setzte sich in Norwegen das Christentum durch. Zu seinen Ehren wurde an der Stelle seines Ablebens eine Kirche errichtet. Kamen früher die Pilger an sein Grab, so zieht heute ein Freilichttheater mit 20 000 Plätzen während des jährlichen Sommerfestivals die Massen an – auf dem Programm: „Spiel um Olav den Heiligen.“

Das stilvoll und modern eingerichtete „Stiklestad Hotell“ dient als Unterkunft. Regen und schwere Wolken bilden am nächsten Morgen eine nur wenig aufmunternde Kulisse beim Aufbruch nach Steinkjer. Aber manchmal hat auch das schlechte Wetter seine guten Seiten. In der Lobby des Hotels findet man während des Wartens auf bessere Zeiten eine Broschüre. „Kystriksveien. Str. 17: Steinkjer – Bodø“. Dieses Routenhandbuch (www.rv17.no) bietet eine hervorragende Grundlage für die Reiseplanung entlang der Nordmeerküste.

Auf dem Weg über Steinkjer nach Namsos führt die Route entlang stiller Seen durch eine immer dünner besiedelte Landschaft. Rot angemalte Holzhäuser liegen mal zusammengedrängt, mal weitverstreut in einer Umgebung, deren Grün kaum intensiver sein könnte. Schwere Wolken verdunkeln am Abend den Hausberg „Klompen“. Von dort oben bietet sich eine grandiose Aussicht auf den Namsosfjord und die im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Stadt. Im Restaurant treffen wir Angler aus Deutschland, die im nahen Namsenfluss Wildlachse fangen wollen. Er gilt als einer der großen Lachsflüsse Norwegens. Petrijünger aus ganz Europa strömen in Scharen dorthin.

Wind, Wetter und Streckenführung stellen Fahrer und Material auf eine harte Probe. Fotos: Heinz Klausmann
Wind, Wetter und Streckenführung stellen Fahrer und Material auf eine harte Probe. Fotos: Heinz Klausmann
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Weiter geht es Richtung Norden. Fjorde schneiden tief in das Land ein und unterbrechen immer wieder die Landstraße. Übergesetzt wird mit Fähren, die sehr regelmäßig verkehren. Die Passagen stellen stets eine willkommene und eindrucksvolle Unterbrechung dar.

In Rorvik treffen wir erstmals auf die Schiffe der Hurtigruten. Die Schifffahrtslinie verbindet seit 1893 die südlichen Landesteile Norwegens mit den schwer zugänglichen nördlichen Regionen. Stand früher der Transport von Post und Waren im Vordergrund, so bieten die Hurtigruten heute eine faszinierende Mischung aus Liniendienst für die Küstenbewohner und Kreuzfahrt für Touristen.

Durch eine abgeschiedene Küstenlandschaft führt der Weg weiter Richtung Brønnøysund in Helgeland. Nach 402 Kilometern erkunden wir an unserem ersten Ruhetag den Torghatten. Um diesen 260 Meter hohen Felsen mit einem riesigen Loch in der Mitte ranken sich etliche Sagen. Das Loch stamme von einem Pfeil, den der Riese Hestmann auf einen Nebenbuhler abschoss, sagt die Legende. In Wahrheit ist das Loch mit den beeindruckenden Maßen von 160 Meter Länge, 35 Meter Höhe und 20 Meter Breite ein Werk der Erosion. Wir besteigen den Torghatten über einen schmalen Pfad und werden durch einen wahrhaft magischen Ausblick auf die Vega-Insel und die vorgelagerten Atolle belohnt.

Seit 2004 gehört der Archipel, der 6 500 Inseln umfasst, zum Weltkulturerbe der UNESCO. Nur die Hauptinsel Vega ist von Brønnøysund per Fähre zu erreichen. Das Vogelparadies blieb ebenso wie die Insel Tro bisher vom Tourismus nahezu unberührt. Beim Queren des Vefsnfjorden lassen wir uns dort von der Fähre für einige Stunden absetzen. Wir wollen uns die Felsenzeichnungen anschauen, die durch die Olympischen Spiele in Lillehammer weltberühmt wurden. Die Zeichnungen dienten dem Skiläufer-Piktogramm als Vorlage. Die fehlende Beschilderung in der urwüchsigen Inselvegetation verhindert allerdings das Auffinden dieses kulturellen Highlights. Heilfroh, die Fahrt auf einer abschüssigen Schotterpiste unbeschadet überstanden zu haben, warten wir auf die Fähre, die uns mit einer Stunde Verspätung wieder aufnimmt und auf die Insel Alsten übersetzt.

Es regnet, als die Rennräder endlich wieder Teer unter den dünnen Reifen haben. Ein dünnes Asphaltband schlängelt sich über 20 Kilometer durch saftig grüne Weiden nach Sandnessjøen. Die Strecke eignet sich auch für ungeübte Radler. Tagesetappen von etwa 60 Kilometern lassen sich im Sommer auch bei wechselndem Wetter gut bewältigen. Bei der geringen Verkehrsdichte schaffen sportliche Radfahrer auf den bestens ausgebauten Straßen leicht 100 Kilometer und mehr.

Nebel umhüllt die „Sieben Schwestern“. Die wie an einer Schnur aufgereihten Gipfel sind Aufschüttungen längst verschwundener Gletscherzungen und stellen bei guter Witterung ein Eldorado für Wanderer dar. Die Nacht verbringen wir im Wohnmobil, das uns begleitet, am Fuß der Helgelandsbrua. Norwegens wohl eindrucksvollste Brücke überspannt in 138 Meter Höhe den Leirfjord und verbindet Alsten mit dem Festland. Der Geruch fangfrisch gebratenen Heilbutts erfüllt die Kombüse – gekauft bei Ole im Hafen und alsbald verzehrt am Ufer seiner kalt salzigen Heimat.

Torghatten: Sagenhaft sind nicht nur die Geschichten über den 260 Meter hohen Felsen. Die Aussicht ist es auch.
Torghatten: Sagenhaft sind nicht nur die Geschichten über den 260 Meter hohen Felsen. Die Aussicht ist es auch.
Voller Vorfreude setzen wir am nächsten Morgen unsere Fahrt entlang der Fjorde fort. Ein besonderes Erlebnis steht bevor. Die Überquerung des Polarkreises bedeutet, dass die Sonne bis zum Erreichen des Ziels nicht mehr untergehen wird. Auf der Fähre zwischen Kilbogham und Jektvik ist es dann soweit. In der Ferne taucht am Ufer das Symbol eines Globus auf, der die gedachte Grenze darstellt: 66° 33' nördliche Breite. Wir befinden uns in der Arktis. Von unserem Rastplatz oberhalb Jektviks blicken wir in dieser Nacht auf einen still in der späten Sonne liegenden See, dessen menschenleere Ufer sich in der Weite des Fjells zu verlieren scheinen.

Kälte und Regen holen uns am nächsten Morgen in die Wirklichkeit zurück. Für Fahrer und Material sowohl auf dem Rad als auch im Wohnmobil sind Wind und Wetter eine harte Probe. Kaum zu glauben, dass die globale Erwärmung den Svartisen-Gletscher in wachsendem Tempo schmelzen lässt. Wir passieren den zweitgrößten Gletscher Norwegens, dessen Engabreen-Zunge noch vor 40 Jahren bis an den Hollandsfjord reichte.

Arktische Kälte umgibt uns bei der Ankunft in Ornes. Lediglich das abendliche Eintreffen des Hurtigruten-Schiffs durchbricht die über dem Fischerdorf liegende Stille. Nur wenige Passagiere entschließen sich zu einem kurzen Spaziergang zwischen Anlegepier und den beiden Kneipen des Dorfs. Die vor der schneebedeckten Bergkulisse im kleinen Hafen dümpelnden Jachten geben uns die Hoffnung, dass sich auch an diesem verlassenen Ort gelegentlich die Sonne zeigt. Und in der Tat vollzieht sich während der letzten Etappe auf dem „Kystriksveien“ eine dramatische Wetteränderung. Auf der jetzt immer an der Küste entlang führenden Straße ist es anfangs noch kalt und nass. Doch bald wird in der Ferne das Blau des Himmels sichtbar. Das dunkle Grau des Wassers weicht einem klaren Blau. Die Natur erscheint wie frisch gewaschen.

Norwegen. Unverkennbar. Unverwechselbar. Leicht rollt es sich in der frischen Meeresbrise Richtung Norden. Der Saltstraumen wartet. Der Mahlstrom ist eines der Naturphänomene an der norwegischen Küste. Der stärkste Gezeitenstrom der Welt ist etwa 30 Kilometer südlich von Bodø zu beobachten. Alle sechs Stunden zwängen sich hier bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser durch die drei Kilometer lange und nur 150 Meter breite Meerenge zwischen Saltenfjord und Skerstadfjord. Vom Ufer aus lassen sich Strudel von etlichen Metern Tiefe und bis zu zehn Meter Durchmesser beobachten. Unsere Blicke kehren zurück zu den in der Ferne noch sichtbaren schneebedeckten Bergen, die uns so viel abverlangt haben. Jetzt geht es weiter Richtung Mitternachtssonne. Spät abends picknicken wir hoch oben auf dem Ronvikfjell. Von der „Turisthytta“, 150 Meter über dem Meer, reicht der Blick über Bodø, das Ende des „Kystriksveien“, und Saltens Inselwelt. Hinter den Schären zeichnet sich die Kontur der fast 100 Kilometer entfernten Bergketten der Lofoten und Vesterålen ab.

Das nächste Ziel. Dr. med. Heinz Klausmann

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