SUPPLEMENT: Reisemagazin

New York: Honig aus den Wolken

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): [22]

Sobik, Helge

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LNSLNS Die grüne Seite der Megastadt: beim Imker, dessen Bienen in den Dachgärten von Manhattan zu Hause sind

Manchmal arbeitet David Graves in den Wolken. Meistens schaut er herab auf den Rest der Welt, auf die Häusertürme unter sich, auf Balkone, hinein in die Canyons aus Glas, Stahl und Beton, hinunter auf Heerscharen gelber Taxidächer tief unten in den Straßen. Der Mann mit dem steifen weißen Mantel aus festem Stoff, dem breitkrempigen Hut und dem engmaschigen Netz vor dem Gesicht ist schwindelfrei – und muss es sein. Er kann gut klettern, steigt mit seiner dunkelblauen Umhängetasche über Feuerleitern und Fenstersimse, hangelt sich viele Stockwerke über dem Boden um Fassadenecken, um in ausgesprochen luftiger Höhe von einem Flachdach auf den nächsten Dachvorsprung zu steigen – all das, um zu seinen Beschäftigten zu gelangen.
Central Park: Die NewYorker sind süchtig nach Grün.
Central Park: Die NewYorker sind süchtig nach Grün.
Ursprünglich hatte der Mann, inzwischen Mitte 50, studiert, um Lehrer zu werden, ist aber am Ende Fahrlehrer für Schulbusse geworden, später Autohändler. Vor ein paar Jahren hat er noch mal umgesattelt und das langjährige Hobby zum Beruf gemacht: Jetzt beschäftigt Graves mehr als eine Dreiviertelmillion Mitarbeiter in New York. Der Mann ist professioneller Imker, der einzige in Manhattan. 13 Völker gehören ihm, jedes 60 000 Bienen stark. Und damit niemand stört, stehen seine Bienenstöcke für Uneingeweihte fast unauffindbar auf den kahlen, umständlich erkletterbaren Dächern von Hotels und Geschäftshäusern vor allem Lower Manhattans – oder mitten im üppigen Grün privater Dachgärten. „Vor fast zehn Jahren, als alles begann“, erzählt er, „habe ich per Aushang ‚Adoptiveltern‘ für meine Bienenvölker unter den Besitzern der größten, schönsten Dachterrassen gesucht – und schnell einige gefunden.“ Er entlohnt sie seither Jahr für Jahr für ihre Gastfreundschaft mit ein paar Gläsern Honig. Und sie nehmen gerne hin, viele Stockwerke hoch über Irving Street, Park und Fifth Avenue vorsorglich keine roten Kleidungsstücke bei der (Dach-)Gartenarbeit, beim Grillabend mit Freunden oder beim Päuschen im Liegestuhl zu tragen. „Die Bienen mögen diese Farbe nicht, könnten sich gereizt fühlen. Ansonsten sind sie friedlich. Und obendrein ist die Anwesenheit der empfindlichen Insekten ein Beweis dafür, dass die Luft hier bei uns okay ist.“

Manhattan ist grün, blüht rot, gelb, weiß, duftet je nach Jahreszeit nach Tulpen, Narzissen und Rosen, nach Ringelblumen und Löwenzahn – mindestens aus der Höhe. Neben den kleinen Stadtteilparks, den oft üppig bewachsenen Innenhöfen der Wohnstraßen Lower Manhattans und vor allem dem fast 470 Fußballfelder großen Central Park gibt es Schätzungen zufolge mehr als eine Viertelmillion Dachterrassen-Quadratmeter. Sie sind die privaten Zufluchts- und Rückzugsgebiete der reicheren Bürger der Stadt – Kleingartenidyll im Großstadtdschungel.

David Graves NewYork City Rooftop Honey ist ein Bestseller.
David Graves NewYork City Rooftop Honey ist ein Bestseller.
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Die Stadtverwaltung fördert jedes Grün in New York. Wer bauen will und eine begrünte Freifläche am Boden schafft, darf ein paar Stockwerke höher hinaus. Die Regelung gilt seit 1961 und hat New York etliche außerordentlich hohe Wolkenkratzer beschert – und zusätzliche Grünflächen. Es werden immer mehr, seit den Stadtvätern bewusst wurde, dass sie über 930 Kilometer Fluss- und Meeresufer gebieten. Wo immer dort Industrie weicht und Brachland verfügbar ist, entstehen Uferwege, Wiesen und weitere Parks.

David Graves Bienenvölker jedenfalls fühlen sich wohl in der grünen Zwischenwelt New Yorks, sind vom Frühjahr bis zum Spätherbst im Dauereinsatz. Drei- bis viermal im Jahr kann er „ernten“. Was seine fleißigen Arbeiter produzieren, verkauft er in 40-Gramm-Gläschen jeden Mittwoch und Samstag auf dem Union Square Farmer’s Market: „Du kannst dem Honig ansehen, aus welcher Jahreszeit er stammt. Und du kannst es schmecken. Im Frühsommer ist er hell, leicht, und zum Herbst hin wird er immer dunkler, schwerer, kräftiger im Geschmack, immer karamelliger.“ Millionenstadt, Verkehrslärm, Autoabgase hin oder her: David geht davon aus, dass sein Honig besonders sauber und gut verträglich ist: „Weil hier nicht großflächig gespritzt wird wie auf dem Land, keine Pestizide im Einsatz sind.“ Sogar ein spezielles Etikett mit Wolkenkratzer-Skyline hat er inzwischen designen und die Marke schützen lassen: „New York City Rooftop Honey“.

Umstrittener Naturbursche: Steve Brill doziert. Fotos: Helge Sobik
Umstrittener Naturbursche: Steve Brill doziert. Fotos: Helge Sobik
Wildman Steve Brill braucht unterdessen kein Etikett, macht sich nicht allzu viel aus Honig und hat nichts zu verkaufen – aber ein Markenzeichen: Der Mann spaziert bei jedem Wetter mit Tropenhelm durch den Central Park und behauptet, dass man sich ausschließlich von dem ernähren könne, was in diesem Riesenstadtpark wachse, von Blättern, Kräutern, Blüten, Pilzen. Der Versuch, den Beweis dafür anzutreten, hatte ihm vor Jahren einen kurzen Gefängnisaufenthalt eingebracht: „Ich wurde verhaftet wegen Aufessens des Central Parks.“ Er lacht inzwischen darüber. Offiziell ist es verboten, Pflanzen im Park aus- oder abzureißen, und Sara Cedar Mills vom Central Park Conservancy Board ist bis heute nicht gut auf Brill zu sprechen. Er tauchte in der Zeitung auf, war von einem Tag auf den anderen berühmt, wurde Liebling der New Yorker. Er, sagen viele, habe den Einheimischen mit seiner Aktion klargemacht, wie grün ihre Millionenmetropole eigentlich sei. Heute bietet Brill Survivalführungen durch diese Lunge der Stadt an, darf ganz offiziell Blätter abreißen – zu Versuchszwecken und limitiert auf eines pro Pflanzenart und Besucher. Gleichzeitig doziert er über die kulinarische Pracht des Central Parks – und freut sich, wenn wildfremde Passanten ihn erkennen und ganz selbstverständlich „Hi, good morning Wildman!“ herüberrufen.

Sara unterdessen hat Sorge, dass er allzu viele Nachahmer findet, die wie Heuschrecken über den Park herfallen und Büsche kahl fressen könnten – und womöglich auch ihre geliebte Wildblumenwiese am Nordende. Manchmal sitzt sie dort im Gras, schaut den Bienen von David Graves zu, wie sie in den geöffneten Blütenkelchen tanzen, lauscht dem Surren der Insekten und nimmt das Hupen der Taxis auf den Avenues nur noch als subtiles Geräusch aus der Ferne wahr.

Die New Yorker sind süchtig nach Grün – und sie sind ganz wild auf den Rooftop Honey: „Ich könnte viel mehr davon verkaufen, habe diese Mengen aber nicht“, erklärt David. Sogar Bill Clinton, der sein Büro im New Yorker Stadtteil Brooklyn hat, zählt zu den Fans: Clinton wollte den Imker unbedingt kennenlernen, legte ihm für das gemeinsame Erinnerungsfoto freundschaftlich den Arm um die Schultern – aber mit auf die Dächer steigen und die Bienen besuchen wollte er dann doch lieber nicht. Helge Sobik


Informationen:
Unterkunft: „Four Seasons New York“ (www.fourseasons.com). Das Haus hat die höchste (Hotel-)Dachterrasse der Stadt. Preiswerter wohnen kann man im Zweisternehotel „Newton“ bei FTI (www.fti.de).
Informationen über den „New York City Rooftop Honey“ von David Graves unter www.berkshireberries.com. Der Union Square Farmer’s Markt auf dem Union Square in Manhattan findet montags, mittwochs, freitags und samstags bis 18 Uhr statt, Graves ist meist mittwochs und samstags dabei. Survivalführungen im Central Park mit Wildman Steve Brill unter www.wildmanstevebrill.com, über den Central Park unter www.central
parknyc.org.
Auskünfte: Fremdenverkehrsamt NYC & Company, Sonnenstraße 9, 80331 München, Internet: www.newyork.de.

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