ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2008Honorarreform: Sorgen wegen der neuen Budgets

POLITIK

Honorarreform: Sorgen wegen der neuen Budgets

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): A-2136 / B-1834 / C-1790

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Weil Vertragsärzte erst im Dezember genauer wissen werden, wie hoch ihr GKV-Umsatz 2009 sein darf, überwiegen Skepsis und Kritik an der Honorarreform. Außerdem gilt wie bei allen Reformen zuvor: Der mögliche Gewinner genießt – und schweigt.

Wenn es stimmt, dass Journalisten am liebsten über das Schlechte auf der Welt schreiben, dann kommt ihnen die Honorarreform gerade recht. Denn sie wird landauf, landab madig gemacht. „Statt mit gesundem Selbstbewusstsein zu sagen: ,Wir haben 2,7 Milliarden Euro mehr bekommen!‘, reden wir alles schlecht. Wir greifen uns gegenseitig öffentlich an, wir zerreden den Erfolg“, kritisierte Dr. med. Andreas Köhler unlängst. Adressiert war die Klage an den ein oder anderen aus ärztlichen Organisationen und Verbänden. Doch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hofft, dass die Basis „eher positiv gespannt abwartet, wie es für sie im nächsten Jahr wirklich aussieht“.

Fakt ist: Das weiß noch niemand genau. Denn erst zum 30. November 2008 sollen jede Vertragsärztin und jeder Vertragsarzt erfahren, wie hoch die neue, individuelle Umsatzlatte gelegt wird. Dann stehen als wichtigste Stellgröße die persönlichen Regelleistungsvolumen (RLV) für jeden fest.

Drei Töpfe – eine Begrenzung
Denn trotz eines Honorarzugewinns von 2,7 Milliarden Euro für 2009 ist klar: Das Geld für die ambulante ärztliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten bleibt begrenzt. Es kann künftig aus drei Quellen fließen: erstens aus einem großen Topf für alle der vorhersehbaren morbiditätsbedingten Gesamtvergütung inklusive Laborleistungen und Sachkosten. Aus diesem Topf werden im Großen und Ganzen die Regelleistungsvolumen gebildet. Zweitens aus Verträgen über separate Leistungen, also solche außerhalb der vorhersehbaren Gesamtvergütung. Und drittens als Entgelt für einen nicht vorhersehbaren morbiditätsbedingten Behandlungsbedarf.

Hier haben sich im Erweiterten Bewertungsausschuss jedoch die Kassen durchgesetzt. Als unvorhersehbar wird ein Anstieg der Behandlungsmenge nur akzeptiert, wenn ein paar wenige Krankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose deutlich zugenommen haben oder Epidemien beziehungsweise Naturkatastrophen zu verzeichnen waren.

Das bedeutet: Der heutige EBM wird zwar zur Eurogebührenordnung. Feste Preise für ärztliche Leistungen werden aber nur bis zu der Grenze bezahlt, die künftig das individuelle Regelleistungsvolumen darstellt. Darüber hinaus werden sie mit einem abgestaffelten Preis vergütet; wie hoch dieser ist, wird erst im Nachhinein feststehen.

Im Einzelnen wird sich das individuelle RLV eines Arztes pro Quartal aus arztgruppenspezifischen Fallwerten in Euro sowie seiner Fallzahl im Vorjahresquartal zusammensetzen. Die Fallwerte werden dabei aus der neuen morbididätsbedingten Gesamtvergütung ermittelt. Dies bedeutet zugleich eine Steigerung gegenüber der bisherigen budgetierten Gesamtvergütung. Zudem sind beim Vergleich mit dem Vorjahresquartal Spielräume vorgesehen, schon um beispielsweise die Effekte unterschiedlicher Ferienzeiten auszugleichen.

Kritik: Fachärzte im Nachteil
Die neue Welt der Regelleistungsvolumen gefällt so manchem nicht. „Hierdurch werden Fachärzte benachteiligt, die je behandelten Patienten hochwertige Leistungen abrechnen“, hat kürzlich die Fachärztefraktion der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung gewarnt. Sie fordert deshalb, darauf zu achten, dass auch Spezialisten mit wenigen, aber aufwendigen Fällen ein angemessenes Honorar erzielen können.

Kritik kommt auch von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Vorstandsmitglied Dr. med. Burkhard Bratzke schreibt im aktuellen KV-Blatt: „Schon jetzt gelingt es vielen von uns nicht, ihre Budgets auszuschöpfen – nun müssen wir unsere abgerechneten Leistungen noch kräftig steigern, um die in Aussicht stehende Honorarerhöhung tatsächlich zu bekommen.“ Der Medi-Vorsitzende, Dr. med. Werner Baumgärtner, warnt ebenso vor einer „drastischen Steigerung der Leistungsmenge zu niedrigen Einzelpreisen: „Seien Sie willkommen im Hamsterrad des EBM 2009!“

Sorge vor Rückzahlungen
Der Grund für solche Sorgen: Bislang zahlten die Krankenkassen für die ambulante Versorgung je Mitglied eine Kopfpauschale an die KV. Vielen waren diese Pauschalen zu niedrig. Doch sie hatten den Vorteil, dass die KV den Krankenkassen niemals Geld zurückerstatten musste. Nun treibt manchen die Sorge, dass sich das ändern könnte.

Die Krankenkassen fordern nämlich, dass überschüssiges Geld ihnen gehört, falls ein Arzt sein RLV nicht ausschöpft, weil er weniger Patienten behandelt hat oder weniger Leistungen erbringen musste. Die Honorarexperten der KBV halten die Sorgen vor zu groß dimensionierten RLV hingegen für unrealistisch. Bisher seien rund 30 Prozent der ärztlichen Leistungen nicht bezahlt worden, argumentieren sie. Diese Lücke werde auch durch den bundesweit vereinbarten Honorarzuwachs nicht auszugleichen sein.
Sabine Rieser
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema