SEITE EINS

Krankenhäuser: Münchhausen-Syndrom

Dtsch Arztebl 1997; 94(18): A-1157 / B-985 / C-925

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Das Bundessozialgericht (BSG) in Kassel hatte kürzlich über das sogenannte Münchhausen-Syndrom ("Krankenhauswandern") einer "Patientin" zu urteilen. Seit 1984 hatte sich nämlich diese in verschiedenen deutschen, österreichischen und schweizerischen Regionen auf den Weg gemacht und sage und schreibe mehr als 300, zumeist aber nur kurzfristige, Klinikaufenthalte erschlichen. Die dadurch entstandenen gesamten Klinikkosten beliefen sich auf die Rekordsumme von rund 500 000 DM.
Nun könnte man den Standpunkt vertreten: Die Münchhausens in den Krankenhäusern sind Einzelfälle, die vergeudeten Therapie- und Liegekosten gehen im großen Pott der 102 Milliarden DM unter, die im letzten Jahr für die stationäre Behandlung ausgegeben wurden. Die AOK Hessen hatte jedoch die Übernahme der Kosten in Höhe von 5 821,20 DM für den vollstationären Aufenthalt der Schein-Patientin (die bei der AOK durch den Sozialhilfeträger versichert war) mit der Begründung abgelehnt, der Aufenthalt in der Uniklinik sei medizinisch nicht notwendig gewesen. Die Kasseler Richter indes verurteilten die AOK zur vollen Kostenübernahme. Begründung: Die Krankenkassen könnten nicht nachträglich darüber urteilen, ob die Aufnahme eines Patienten notwendig war. Im Urteil des BSG vom 21. August 1996 (Az.: 3 RK 2/96) wird festgestellt: Die Kassen müssen auch dann für Operationen und Behandlungen aufkommen, wenn der Patient eine Krankheit nur vorgetäuscht hat und der Arzt dies nicht erkennen konnte. Bei der Beurteilung einer ärztlichen Entscheidung über die Notwendigkeit einer Krankenhausbehandlung komme es allein auf den Zeitpunkt des Handelns an und nicht auf eine nachträgliche Betrachtung. Mithin wird nicht nur die Position der Krankenhäuser, sondern auch der Ärzte gestärkt. Aus Vorsichts- und haftungsrechtlichen Gründen muß eher ein Patient zuviel als zuwenig aufgenommen werden. Dr. Harald Clade
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige