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ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2008Mastermind des Gesundheitswesens: Karl in der Glotze

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Mastermind des Gesundheitswesens: Karl in der Glotze

Dapprich, Michael

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Dr. med. Michael Dapprich
Dr. med. Michael Dapprich
Da ist er wieder: Propeller-Karl – zum gefühlten 27. Mal in dieser Woche. Nirgendwo bin ich sicher vor ihm. Beim Frühstück erkenne ich in meinen Tageszeitungen das zwischen Popperfrisur und Fliege zufrieden und nachsichtig lächelnde Gesicht, auf der Fahrt zur Arbeit den unverkennbaren Tonfall im Autoradio und jetzt, am Abend, im Fernsehen alles zusammen.

Propeller-Karl hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Deutschen zu belehren. Sein Hauptanliegen ist die Darstellung des Gesundheitswesens als Hort der Ineffizienz, Korruption und Ungerechtigkeit. Für ihn, der die Dialektik der Gesundheitspolitik beherrscht, ist es dann nur ein kleiner Schritt, den großen gesamtgesellschaftlichen Bogen zu spannen und Deutschland als Staat allgemeiner sozialer Dissonanz vorzuführen.

Seit Jahren wird Karl nicht müde, das Land mit seinen Thesen zu überziehen; seit 2005 sogar als SPD-Bundestagsabgeordneter. Seine Behauptungen werden durch professorale Überzeugungskraft und Seriosität suggerierende Studien des eigenen Universitätsinstituts untermauert. Erst durch Propeller-Karl weiß ich zum Beispiel, dass ich eigentlich ein viel höheres Einkommen habe, als es mein Kontoauszug vermuten ließe.

Karl verfügt über eine nahezu magische Anziehungskraft auf Journalisten und Fernsehmacher. Es gibt kein gesellschaftspolitisches Thema, zu dem nicht eine Stellungnahme von ihm abgedruckt oder gesendet wird. Ob Plasberg oder Will – Karl besitzt ein Dauerabo.

Der kritische Medienkonsument könnte sich fragen, ob es möglicherweise weniger Magie als einfach journalistische Einfältigkeit und Bequemlichkeit ist, Karl ein Mikrofon an die Fliege zu halten und das zu drucken oder zu senden, was hineingesprochen wird, als selbst in den komplexen Themengebieten zu recherchieren.

Dieser Eindruck befällt einen besonders bei Talkshows. Die dort gestellten Fragen zeugen oft von erschreckend dilettantischer Vorbereitung und Naivität. Sie liefern dem Fliegenträger immer wieder aufs neue eine Plattform, seine Thesen unter das Fernsehvolk zu bringen. Wirklich kritisches Nachfragen? – Fehlanzeige.

Dabei gäbe es einige interessante Dinge, mit denen sich ein Journalist beschäftigen könnte. Zum Beispiel, ob Studien, die Karls Institut entstammen und die Thesen seines Leiters untermauern, ernster zu nehmen sind als die der Pharmaindustrie, die die Überlegenheit des eigenen Produkts gegenüber denen der Konkurrenz „beweisen“.

Oder auch, wie sich die selbst gewählte Rolle als Anwalt der Unterprivilegierten mit der Tätigkeit als Aufsichtsrat eines der größten Klinikkonzerne des Landes (als ich noch SPD wählte, sagte man dazu „Großkapital“) verträgt.

Die spannendste Frage wäre aber, woher jemand die Legitimation nimmt, sich als Mastermind des Gesundheitswesens darzustellen, obwohl er noch nie in diesem System als Arzt oder Ökonom Verantwortung getragen hat.

Aber die Journalisten, die diese Fragen stellen könnten, sind wohl zurzeit alle im Ausland, in Rente oder im Erziehungsurlaub.

Was also tun, abends vor dem Fernseher? – Alkohol ist schließlich keine dauerhafte Lösung. So zappe ich weiter und bleibe vielleicht bei Germany’s Next Topmodel hängen. Die Qualität der Wortbeiträge bleibt gleich, aber das Hinsehen macht mehr Spaß.
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