ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Kinder- und JugendlichenPsychotherapeuten: Mehr Sitze notwendig

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Kinder- und JugendlichenPsychotherapeuten: Mehr Sitze notwendig

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 439

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Lange Wartelisten bestimmen die Versorgung psychisch kranker Kinder in Deutschland. Es gibt zu wenig Zulassungsmöglichkeiten für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Eine Mindestquote soll dies ändern.

Bei der psychischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen gibt es immer noch große Defizite. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) meldete kürzlich, dass beim Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom viel zu oft Medikamente verschrieben werden. „Eine solche einseitige medikamentöse Behandlung entspricht nicht den Empfehlungen einer fachgerechten Behandlung“, erklärte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK. Nur ein geringer Anteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen erhalte eine psychotherapeutische Behandlung. Dies resultiere daraus, dass nicht genügend Kinder- und Jugendpsychotherapeuten (KJP) einen Praxissitz erhielten.

Die gemeinsame Bedarfsplanung von KJP und Erwachsenentherapeuten ist immer wieder kritisiert worden. Die gesetzlich festgelegte Vorgabe führte dazu, dass in bestimmten Gebieten Praxissitze bereits mit Erwachsenentherapeuten belegt sind. Die BPtK und die psychotherapeutischen Berufsverbände fordern daher eine Mindestversorgungsquote von 20 Prozent für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Sie begründen dies damit, dass Kinder und Jugendliche rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachten und durchschnittlich genauso häufig psychisch erkrankten wie Erwachsene.

Zehn Prozent sind zu wenig
Das Bundeskabinett hat allerdings einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der eine Mindestquote von nur zehn Prozent für KJP vorsieht. Das ist nach Ansicht vieler Verbände und der BPtK absolut inakzeptabel, so wurde es in der öffentlichen Anhörung des Gesundheitsausschusses im Bundestag Ende September deutlich. Auch der Gemeinsame Bundes­aus­schuss und der Bundesrat plädieren für eine 20-Prozent-Quote. Der Anteil der KJP liege bereits jetzt bundesweit bei 13,6 Prozent, so die Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), Andrea Mrazek. Eine Quote von zehn Prozent würde demnach die Anzahl der Niederlassungen tatsächlich absenken. „Mit der vorgeschlagenen Quote von zehn Prozent kann die Unterversorgung kaum aufgehoben werden“, ergänzt Richter. Die Versorgungssituation ist vor allem im Osten Deutschlands dramatisch: In Sachsen-Anhalt sind nur 3,3 Prozent der Psychotherapeuten KJP (Baden-Württemberg: 20,5 Prozent). „Diese regionale Ungleichheit muss beseitigt werden.“

Nach Ansicht der Bundesregierung führt eine Quote von 20 Prozent nicht dazu, dass es auch in den unterversorgten Gebieten mehr Niederlassungen gibt. Dem stimmt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zu. „Wir gehen davon aus, dass eine Erhöhung der Quote dazu führen wird, dass sich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verstärkt in ohnehin bereits gut versorgten Gebieten niederlassen werden. Schließlich werden durch eine Quotenerhöhung zusätzliche freie Sitze auch in solchen Regionen geschaffen werden“, sagt der Pressesprecher der KBV, Roland Stahl. Das Nachsehen hätten diejenigen Gebiete, die ohnehin schlechter versorgt seien.

„Die Angst vor einer Überversorgung ist unberechtigt, da ein Versorgungsanteil von 20 Prozent dem tatsächlich belegbaren Bedarf entspricht“, betont hingegen Martin Klett, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten. Viele verzweifelte Eltern müssten bereits jetzt auf einen freien Termin bei einem KJP warten – und das auch schon einmal bis zu einem halben Jahr, so die BPtK.

Nachwuchsmangel sei zudem – auch im Osten des Landes – nicht zu befürchten, sagt die OPK-Präsidentin Mrazek. „Wir haben im Osten gute Startmöglichkeiten und guten Nachwuchs – die jungen KJPler erhalten allerdings keine Sitze.“ Werde die 40-Prozent-Quote, die derzeit noch für ärztliche Psychotherapeuten besteht, nicht über das Jahresende hinaus verlängert, könnten sich zudem nach Berechnungen der OPK mehr als 500 Psychologische Psychotherapeuten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen niederlassen – und damit eben auch KJP. In diesen Ländern sind 508 von 671 Praxissitzen für Ärzte nicht besetzt.

Unterversorgung führt zu langen Wartezeiten
Auch für psychisch kranke Erwachsene könnte sich die Lage verbessern. Es gibt Wartelisten für frei werdende Praxissitze. Daher geht Mrazek davon aus, dass auch kaum versorgte Gebiete besetzt werden könnten. Der Berufsverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en (BKJ) weist darauf hin, dass nicht nur der Osten unterversorgt sei. „Auch im Westen gibt es lange Wartezeiten“, betont Marion Schwarz, stellvertretende Vorsitzende des BKJ.

Eine Mindestquote ist notwendig. Keinesfalls wollen sich die Psychotherapeuten aber mit einer Zehn-Prozent-Quote abspeisen lassen. 20 Prozent KJP sind mindestens erforderlich. Nun ist die Bundesregierung am Zug: „Sie kann mit diesem Gesetz beweisen, dass sie es mit ihrem Engagement ernst meint“, sagt BPtK-Präsident Richter.
Sunna Gieseke
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